Schwul, moslemisch, tolerant?

Madrid – die Stadt mit 3,3 Millionen Einwohnern, die für einige Monate mein Zuhause ist, bietet wie schon oft erwähnt, ein reiches Angebot an Kultur, Party und schillernden Lichtern (faktisch, als auch metaphorisch).

Neben der Tatsache, dass in dieser Hauptstadt ganz selbstverständlich auch im Zentrum die Siesta, also das Schließen des Betriebs für ca. zwei Stunden, eingehalten wird, habe ich mich gefragt, was es darüber hinaus gib, wie die Menschen ticken, was sie denken.

Ich muss zugeben, dass ich in der Metro z.B. sehr oft an die Zuganschläge aus dem Jahr 2004 denken muss, also habe ich einige meiner spanischen Kommilitonen und Bekannten dazu befragt, wie sich die Stadt verändert hat und woran sie sich erinnern. Die meisten erinern sich natürlich an die Schocksituation, gestiegene Sicherheitsmaßnahmen (auch heute spazieren Sicherheitsleute durch Metro und Züge) und Skepsis Moslems gegenüber.
Tatsächlich ist etwas von dieser Skepsis noch heute zu spüren, Voreurteile und Angst sind teilweise im Meinungsbild domiant. Diese scheinen aus Unwissenheit zu resultieren, denn Immigranten aus islamischen Ländern gibt es im Zentrum kaum.

Ich war vergangene Woche im Vorort Getafe, der nur wenige Kilometer vom Stadtkern liegt und dort sieht man ein vollkommen anderes Bild von Madrid und seinem Ballungsraum: kaputte Straßen, Plattenbauten, kleine abgewrackte Läden und Cafés – und ein überdurchschnittlich hoher Migrantenanteil. Die Mieten sind bedeutend günstiger im Zentrum, Getafe ist als Arbeiterviertel bekannt und folglich gibt es weniger Austausch zwischen Immigranten, die oftmals in ihren Vierteln bleiben, und Einheimischen. Die Skepsis bleibt.

Speziell in Madrid ist dahingegen aber die Toleranz Homosexuellen gegenüber sehr hoch. Spanien war das dritte Land weltweit, das 2005 unter der sozialistischen Regierung Zapateros die gleichgeschlechtliche Eheschließung legalisierte. In dem Viertel Chueca, das als „Schwulen-Viertel“ gilt, wird die sexuelle Orientierung auch ganz offen gelebt, ganz ersichtlich sind gay- und queer-Kneipen ausgeschildert, es scheint alles gar kein Problem zu sein, wenn man nicht gerade konservativ ist.

Ich frage mich, wie weit es tatsächlich mit der Toleranz ist, vollständig kan ich es nicht einordnen. Mir erscheint es, als sei die junge Generation zu sehr mit den Folgen der Wirtschaftskrise beschäftigt, um sich darüber Sorgen zu machen, wie die sexuelle Orientierung oder Religion anderer Menschen ist, das Verhältnis wirkt entspannt, doch vor allem bei älteren Leuten scheint es noch konservative Ansichten zu geben.

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