„Willste auffe Fresse?!“

Ich bin in letzter Zeit ein wenig überrascht, wenn ich im Internet surfe oder mir Fernsehen schaue, denn ich stoße wiederholt auf ein Thema: Wir sind doof, um nicht zu sagen, so richtig widerlich und furchtbar und das müssen wir ändern.
Wir, das ist die Gesellschaft, und nach jahrelanger Entwicklung der Ellenbogenmentalität und der Devise, man sei sich selbst am nächsten, scheint das Fass der unsozialen Umgangsformen langsam voll zu sein.

Schon vor Jahren berichteten der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung darüber, dass die Gewalttaten in Deutschland immer weiter zunehmen und tatsächlich hörte man in den Nachrichten wiederholt von Vorfällen, bei denen Menschen totgeprügelt wurden, weil sie vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort waren, die falsche Hautfarbe oder die falsche Religionszugehörigkeit hatten oder ironischerweise weil sie Zivilcourage zeigen wollten (siehe Links am Artikelende).

Auf Internetforen sind die Ausdrucksformen oft gemein, schnippisch, respektlos und abwertend und schon in Grundschulen hört man Kinder fluchen wie früher es nur betrunkene Matrosen getan haben. Wer sich im Alltag eine harte Fassade aneignet gilt als stark, als Kämpfer, als einer, der in dieser Welt gut zurechtkommt – und sich selbst schützt. Das ist die allgemeine Denkart.

Kommt der Gegentrend?

Der Journalist Jörg Schindler brachte kürzlich sein Buch „Die Rüpel-Republik – warum sind wir so unsozial?“ heraus. Voller Idealismus und Entrüstung über den rauen Wind des Alltags, appelliert er  zu mehr Nächstenliebe, zu mehr Nett-Sein, zu mehr Wir-Gefühl. Vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen und nicht immer mit stringenter Argumentationslinie äußert er allerdings das, was offensichtlich immer mehr Leuten auffällt. Eine plausible Erklärung für das kalte Verhalten unter den Menschen ist, dass es uns in Deutschland einfach (zu?) gut geht – man ist auf Hilfe von anderen nicht angewiesen. Entgegen der nervigen aktuellen Krisen-Spenden-Geiz-Diskussion leben wir zu großen Teilen in finanzieller Sicherheit, haben gute Bildungs- und Partizipationsmöglichkeiten und viele Wege, um uns selbst zu verwirklichen – wozu zu anderen also nett sein, wenn man eh nicht mehr von ihnen abhängig ist? Dieses opportunistische Ego-Denken ist vielleicht nicht sexy, aber oft nachvollziehbar. Selbst wenn der Leser sich genau jetzt denkt, es betreffe und interessiere ihn nicht, dann ist das zwar schade, aber auch nachvollziehbar.

Cyber-Mobbing auf dem Vormarsch

Der Youtube-Blogger „LeFloid“ ruft ebenfalls in einem seiner aktuellen Videos dazu auf, bei sich selbst anzufangen, kleine Verbesserungen im Alltag umzusetzen, „denn das macht die Welt ein kleines Stückchen besser“.

Erstaunlicherweise sind viele Reaktionen sogar positiv auf dieses Video. Tatsächlich schätzen seine Zuschauer die Ideen und seinen Mut, das Thema direkt und unverblümt vor der Kamera anzusprechen, wert.

LeFloid spricht auch (Cyber-) Mobbing an und illustriert die Thematik mit dem traurigen Beispiel vom Tod der 15-jährigen Amanda Todd, die im September, wenige Wochen vor ihrem Selbstmord, ein Video auf Youtube postet, in dem sie ihre Geschichte erzählt und verzweifelt nach jemandem sucht, der sie unterstützt.

Amanda Todd ist nicht die einzige, die die Verzweiflung in den Tod getrieben hat. SchülerInnen werden wiederholt Opfer von Mobbingattacken und leider zeigt die Ausdrucksfreiheit des Internets ihre Schattenseiten bspw. darin, dass auf Facebook und Homepage-Anbietern Hassseiten gegen Privatpersonen angelegt werden und problemlos fortbestehen können. Eine Studie der Universität Zürich zeigt allerdings, dass die Basis des Mobbings sich nicht online entwickelt, sondern im realen Leben.

Mit dem Finger auf andere zeigen

Die Gründe für Respektlosigkeit und Gewalt sind vielschichtig, nicht genau zu identifizieren und bei jedem eine Mischung aus individuellen Erfahrungen. Die Schuld wird bei den Medien gesucht, bei den überforderten Lehrern, bei den Politikern, bei den Nachbarn oder bei „den Ausländern“, solange es einen selbst nicht betrifft. Man selbst ist ja auch stets höflich und nett. Doch der Moment, in dem das Problem des anderen zum eigenen wird, kann schneller kommen, als erwartet.

Dass es falsch und moralisch verwerflich ist, Menschen abwertend zu behandeln oder sogar gewalttätig zu werden, ist im Prinzip jedem klar, doch trotzdem haben wir so negative Tendenzen in der Gesellschaft. Die Frage ist, wo man beginnen sollte, um dem Ausmaß der niederen Umgangsformen entgegenzuwirken. In der Familie? In der Schule? Bei sich selbst? Auch wenn Enthusiasmus und Idealismus vielerseits vorhanden sind, ist die Wahrheit, dass es aufgrund der hohen Komplexität in der Gesellschaft einfach keine wirklich Antwort darauf gibt, wie man mehr „Sozial-Sein“ erreicht, aber vielleicht ist der erste Schritt auch ganz simpel – ein Bewusstsein dafür schaffen, dass vieles falsch läuft. Vielleicht hinterfragt der eine oder andere dann seine Umwelt.
Weiterführende Links

Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2007 zu steigender Kriminalität: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/steigende-kriminalitaet-polizei-beklagt-drastische-zunahme-von-gewalt-in-deutschland-a-473433.html

Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2010 zu steigender Kriminalität: http://www.sueddeutsche.de/politik/steigende-kriminalitaet-in-deutschland-der-trend-zur-gewalt-ist-ungebrochen-1.432054

Artikel ded Tagesspiegels über Alberto Adriano, totgeprügelt aus rassistischen Motiven: http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus/opfer-rechter-gewalt-alberto-adriano-der-tod-eines-vaters/1934726.html

Artiekl aus dem Focus über Dominik Brunner, totgeprügelt wegen seiner Zivilcourage: http://www.focus.de/panorama/welt/fall-dominik-brunner-vor-aller-augen_aid_528740.html

Artkel aus „Die Welt“ über den Todesfall eines 20-jährigen Mitte Oktober 2012 auf dem Berliner Alexanderplatz http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article109858812/Die-brutalen-Angstzonen-am-Berliner-Alexanderplatz.html

Artikel der „Zeit“ über Amanda Todd, Anonymous und Cyber-Mobbing: http://www.zeit.de/digital/internet/2012-10/amanda-todd-anonymous

Beratungstipps bei Mobbing des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/cyber-mobbing,did=168584.html