Der Krieg der Brüste bei GNTM

So kann es manchmal kommen – erst gestern erschien ein satirischer Artikel auf der Cicero-Website über Heidi Klums Casting-Import und ProSieben-Schlager „Germany’s next Topmodel“, indem zurecht angemerkt wurde, wie kritisch dieses Frauenbild ist, was jungen Mädchen und Frauen in Dauerschleifen von Sexappeal-Aufforderungen eingetrichtert wird, dann geschah es: wenige Stunden später hüpften barbusige Frauen auf der Bühne, gerade als ein Mädchen eliminiert wurde. Die feministische Gruppe FEMEN hatte wieder zugeschlagen: Mit der Aufschrift „Heidi Horror Picture Show“ und „Sadistic Show“ stürmten die Aktivistinnen auf die Bühne, ehe sie schnell von der Security abgezogen wurden.

Auf ihrem Twitter-Account haben sie Fotos mit den vorher beschrifteten Körpern veröffentlicht und posteten Tweets wie „Fuck you Heidi! Woman are not objects for your degrading business!!! #NakedWar #FrauFrei #FEMEN

Das Gute an der Sache: es war lange überfällig, dass ein Protest gegen diese Show medienwirksam inszeniert wird. Natürlich steht es jeder Frau frei, sich dafür zu entscheiden, aus ihrem Körper Profit zu schlagen und sich hauptsächlich ihrem äußeren Erscheinungsbild zu widmen. Aber die Art und Weise, wie mit jungen Frauen umgegangen wird, kann nicht unterstützt werden. Hübsche Mädchen werden als zu dick, zu asymetrisch, zu klein, zu langweilig betitelt. Minderjährige sollen aufreizend, sinnlich und sexy posen, dazu schneidet der Sender einige „Zicken-Kriege“ zusammen und fertig ist das Entertainment-Produkt. Dass Frauen und Mädchen als reine Objekte für die Modeindustrie betrachtet werden, ist inzwischen wohl auch für die Teilnehmerinnen der Sendung vollkommen in den Hintergrund gerückt – es ist ok, wenn man einfach nur hübsch, sexy oder süß ist. Selbstverständlich muss man jeder Frau, oder auch jedem Mann, die Freiheit geben, seine Träume zu erfüllen und wenn der Traum darin besteht, ein Model zu sein (damit laufen Ruhm, Bewunderung, Attraktivität, Geld, Dynamik einher – legitime Gründe für viele Menschen), dann muss man ihnen diese Freiheit auch gewähren, auch wenn dies ständige Kritik an ihrem Äußeren mit sich trägt.
Die Gründe liegen also auf der Hand, warum es nötig war, öffentliche Kritik zu üben, die nicht von der Feminismus-Urmutter Alice Schwarzer geäußert wurde. Man konnte sehen, dass es junge Frauen sind, die gegen diese Art des Umgang mit dem weiblichen Körper und dem Wert der Frau protestiert haben.

Das Schlechte: die FEMEN bieten mit solchen Aktionen aber auch viel Angriffsfläche. Gerade bei einer Aktion, bei der es um den Wert der Frau geht, mit blanken Brüsten aufzutreten, ist dezent gesagt, nicht das allerbeste Mittel – es ist so, als würde man Feuer mit Feuer bekämpfen. Die Aktivistinnen wissen sicherlich genau, dass weibliche Nacktheit stets für Aufmerksamkeit sorgt, die sexuelle Komponente fließt mit rein, auch wenn die Damen von FEMEN diejenigen waren, die auf der Bühne am meisten Kleidung trugen – trotz des nackten Oberkörpers. Paradoxerweise bezog sich Heidi Klums anschließender Kommentar auf die Empörung wegen der blanken Brüste der Damen (auch wenn in der Sendung mit sehr viel mehr Erotik gespielt wurde), was bezeichnend für das ist, was den Aktivistinnen drohen könnte – die Botschaften werden irgendwann nicht mehr wahrgenommen. Traurig ist es, dass es tatsächlich so einer Maßnahme bedarf, um mehr Aufmerksamkeit zu erreichen – viele Frauen haben die Sendung „Germany’s next Topmodel“ kritisiert, eine Reaktion gab es in den seltensten Fällen und wenn, dann auch nur leise.

Was haben wir nun? Den Krieg der Brüste: die einen – natürlich, politisch und blank, die anderen – sexy verspackt in Dessous. Die Message ist irgendwie schon wieder nach hinten gerückt, zumal sie auch nicht so innovativ und neu war.

Sinnbildlich gedacht wird dadurch aber deutlich, dass es in Deutschland in manchen Bereichen normal ist, dass man als Frau redziert und nicht komplett ernst genommen wird, aber auch, dass es nicht einen Typ Frau gibt. Das ist gut, aber schwierig wird es, wenn wir uns alle nicht einig werden, gegeneinander, statt miteinander arbeiten. Würde man Themen offen und direkt thematisieren, anstatt über Mediatoren, Presse oder sonstige Verbindungen miteinander kommunizieren, wäre es möglich, bei vielen strittigen Fragen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Frauen haben schließlich im Grunde ähnliche Probleme heutzutage, auch wenn sie absolut verschieden sein können – Frauenquote, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Rollenbilder, aber auch häusliche Gewalt, etc. – die Punkte sind bekannt.
Anstatt allerdings andere Positionen zu respektieren und die Vielfalt zu akzeptieren oder Kompromisslösungen zu finden, werden die Ellenbogen noch spitzer.

Mich beschleicht auch das Gefühl, dass der ganze Wirbel auch nichts bringt, weil die Models als oberflächliche Mode-Püppchen abgestempelt werden, die FEMEN-Aktivistinnen als aufmerksamkeitssuchende Exhibitionismus-Emanzen und wer nimmt sie nun ernst? Hätten die Produzenten von GNTM etwas mehr Persönlichkeit der Teilnehmerinnen gezeigt, wäre der Unmut wahrscheinlich auch nicht so groß. Hätten die FEMEN-Aktivistinnen ihre Shirts anbehalten, wäre die Empörung vielleicht nicht so groß, aber ihre Stimmen hätte man lauter wahrgenommen, weil nichts von den (wichtigen) Inhalten abgelenkt hätte. Vielleicht nächstes Mal? Man könnte es zumindest ausprobieren.

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