Runter vom hohen Kulturross – es ist eh nur Illusion

Der Spiegel veröffentlichte heute (13.07.13) ein Interview mit der ghanaischen Bloggerin Nana Sekyiamah über ihren Blog, der Sexualität und Aufklärung zum Thema hat. Ihr Engagement ist respektabel und ehrenwert, allerdings ist eine Antwort so fundamental und so wenig reflektiert.

Auf die Frage, ob afrikanische Frauen es bei der Emanzipation schwieriger hätten, antwortet sie:

„Ich habe zwölf Jahre lang in London gelebt. Frauen in England verdienen weniger als Männer, die meisten Manager sind Männer, die meisten Politiker auch – ich habe also nicht den Eindruck, dass europäische Frauen emanzipierter sind. Der Kontext ist einfach ein anderer.“

Eine kurze Interviewsituation, die zwei Dinge deutlich aufzeigt:
1. Der Eurozentrismus und Postkolonialismus sind noch immer nicht ganz verschwunden.
2. Die Emanzipation, mit der man sich gerne anderen Kulturkreisen gegenüber schmückt, ist de facto wirklich nicht gegeben – und das haben inzwischen auch andere begriffen!

Afrika gilt noch immer als schwach

Sicherlich hat die Journalistin Julia Jaki nicht beabsichtigt, eine Dominanz der westlichen Welt aufzuzeigen, doch wenn wir ehrlich sind, besteht das Denken in der Gesellschaft noch immer. Wegen der schwachen ökonomischen Situation in vielen Ländern dieses großen Kontinents sowie der politischen Labilität, wird oft davon ausgegangen, dass auch eine kulturelle Armut neben der wirtschaftlichen besteht. Afrikanische Länder sind mit Konnotationen wie Entwicklungszusammenarbeit und Spenden, Ausbeutung und „barbarischem Verhalten“ verbunden. Dass es dabei oftmals historische Traditionen und kulturelle Vielfalt gibt, wird vergessen. Die Gloablisierung und Programme wie „weltwärts“ haben zwar dazu beigetragen, dass die Konstruktion der Fremde etwas abnahm, allerding ist es noch immer normal, dass Afrikanerinnen und Afrikaner wegen ihrer Herkunft als Opfer gesehen und unterschätzt werden, was ihre Bildung und Fähigkeiten betrifft.

Dass europäische Universitäten inzwischen Austauschprogramme mit Universitäten u.a. in Äthiopien, Kamerun und Südafrika anbieten, wird oft vergessen.

Das Überlegenheitsgefühl der ehemaligen Kolonialmächte und Partner in der Entwicklungszusammenarbeit scheint offenbar auch im Jahr 2013 präsent zu sein. Auch der Kulturimperialismus schwingt im Alltag ein wenig mit, denn Werte und Maßstäbe für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen werden am westlichen Modell gelegt, anstatt die genauen Strukturen der jeweiligen Länder und Gemeinschaften zu betrachten.

Das Märchen von der Emanzipation?

Besonders interessant ist die Anmerkung der jungen Bloggerin aus dem Spiegel-Interview, was ihre Sicht auf die Rolle der Frau betrifft. Zwar meint sie, dass im sexuellen Sinn Frauen in afrikanischen Ländern oftmals unabhängiger zu sein scheinen, allerdings legt sie den Finger in die Wunde: schlechtere Bezahlung und seltene Besetzung von Führungspositionen mit Frauen. Auch wenn man sich darüber freuen kann, dass vielerorts die Rechte der Frauen gewahrt werden, ist es dennoch ein weiter Weg zur echten Emanzipation. Das sagt selbst eine Frau, die aus einem Land kommt, von dem man denkt, Frauen seien unmündig und unselbstständig – ein Signal.

Dass Frauen in afrikanischen Kulturkreisen zum Teil eine sehr wichtige Rolle einnehmen, genauso wertvoll für die Gemeinde sind und in ihrer eigenen Umgebung aktiv werden und arbeiten, wird vergessen. Die afrikanische Frau wird als Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer gesehen, als schlecht ausgebildet und nicht mehr. Natürlich gibt es diese Missstände im großen Stil und man darf nicht darüber hinwegtäuschen, sondern muss daran arbeiten, allerdings darf man auch nicht vergessen, dass dies nicht das ganze Bild ist und vor allem, dass es „bei uns“ nicht in allen Belangen besser läuft!

Der Anspruch voneinander zu lernen, ist noch utopisch und unrealistisch, es bestehen zu wenige Berühungspunkte, aber vielleicht ist der Moment gekommen, umzudenken. Umzudenken in Bezug auf unsere Werte und auf unseren Alltag – offensichtlich gibt es genug eindeutige Baustellen in der westlichen Gesellschaft, die auch international bemerkt wurden.

Die Vormacht durch Wirtschaft und ehemalige Kolonien Europas scheint langsam vollkommen zerbrochen zu sein und dementsprechend muss man sich zeitgemäßen Denkmustern anpassen – oder diese vielleicht erst einmal überlegen. Mit so viel besonderen Leistungen kann man sich in Europa nämlich nicht mehr brüsten, so wie es noch vor 50 Jahren gang und gäbe war.