Hallo Wrocław – erste Erfahrungen mit Sprachbarrieren, polnischem Bier und rechtsradikalen Parteien

Es ist wirklich so weit: ich werde nun für ein Jahr im polnischen Wrocław (Breslau) leben und werde meine Eindrücke natürlich auch auf meinem Blog dokumentieren. Die geografische Distanz ist so gering, doch man hat in Deutschland keine moderne Verbindung zu Polen. Lediglich die Geschichtsstunden während der Schulzeit haben ein gewisses Bild geprägt oder man jemanden kennt, dessen Vorfahren aus dem heute polnischen Gebiet stammen…. aber was weiß man sonst? Sonst gibt es leider noch zu viele Klischees über unsere Nachbarn. Aber Wrocław und das ganze Land bieten mehr. Aus einem Potpourrie aus Deutsch, Englisch, Polnisch und Russisch kann man sich mit Taxifahrern, Verkäufern und Kellnern unterhalten – mit den Jüngeren eher auf Englisch, mit Älteren eventuell auf Deutsch oder einem slawischen Sprachenmix und in den kurzen Gesprächen, aber besonders durch Beobachtungen sieht man, dass es einiges zu entdecken gibt.

Eine bunte Mischung in Architektur und Kultur

Es ist ein wenig verwirrend, denn man sieht so viele bekannte Elemente in einer mir bisher nicht bekannten Kombination: Spuren des Zweiten Weltkrieges, Reste der sozialistischen Zeit, deutsche Einflüsse in den Bauten der Altstadt sowie moderne Malls, bekannte Mode- und Restaurantketten und Bürogebäude prägen das Gesicht der Stadt. Und Wasser. Die Brücken, die über die Oder führen, scheinen unzählig zu sein.
Im Herzen der Altstadt liegt der „Rynek“ (deut. Ring), der historische Marktplatz, der während des Zweiten Weltkrieges nahezu völlig zerstört wurde. Die wiederaufgebauten bunten Häuschen mit den feinen Verzierungen erinnern an eine Spielzeugstadt.
Natürlich ist alles von Cafés, Restaurants und Geschäften umgeben, denn dort ist es stets belebt – junge modebewusste Polinnen flanieren entlang der Straßen genauso wie Gruppen älterer Touristen.

Erstaunlicherweise sind die Preise der Gastronomie auch an diesem beliebten Ort relativ günstig (zumindest für deutsche Verhältnisse). Man kann ein gutes Abendessen für unter zehn Euro bekommen und es gibt Kneipen, in denen ein Bier etwa einen Euro kostet. Da sind wir auch beim polnischen Bier. Es hat nicht den besten Ruf und tatsächlich hat ein Barkeeper mir beim Ausgehen empfohlen, lieber tschechisches Bier zu trinken, allerdings bin ich nicht um das Żywiec herumgekommen. Ein wenig zu süßlich und dünn, aber man kann sich daran gewöhnen.
Jedoch nicht nur das Ausgehen ist günstig, in den einheimischen Supermarktketten wie Biedronka (deut. Marienkäfer) werden zwar fast nur Waren verkauft, die in Polen produziert werden, allerdings sind die Preise zum Teil so niedrig, dass man sich fragt, wie überhaupt die reinen Produktionskosten gedeckt werden können, von sozialen Standards komplett abgesehen. Natürlich muss man bedenken, dass der allgemeine Standard niedriger ist, allerdings hat ein wenig Recherche ergeben, dass Biedronka tatsächlich in den Schlagzeilen wegen schlechter Arbeitsverhältnisse war.

Politische Manifestationen oder Gedenken?

Interessanterweise wurde ich gleich an meinem ersten Abend am „Rynek“ Zeugin eines Marsches, der bei bloßer Beobachtung Unbehagen in mir weckte: mit brennenden Fackeln und rot-weißen Bannern und Plakaten bewegten sich einige Hundert Menschen in Richtung Oper während sie die Nationalhymne summten.
Es war ein Marsch zum Gedenken der Opfer der Invasion durch die Soviets, die sich zum 74. Mal jährte. Die rechtsextreme Partei „Narodowe Odrodzenie Polski“ (NOP; deut: Nationale Wiedergeburt Polens) hatte den Marsch organisiert – eine recht einfache Art, um auch für ihre antisemitischen und nationalistischen Interessen zu werben.

Zwei Tage darauf fand auf dem Marktplatz eine für Außenstehende bizarre Situation statt: drei Militärwagen mit Schauspielern, die als Soldaten verkleidet waren, fuhren auf den Marktplatz und simulierten leichte Kriegshandlungen. Die Knallpatronen hallten laut zwischen den Gebäuden. Jemand stand auf dem Platz und hielt eine Rede, die wegen der Sprachbarriere schwer verständlich war und nach einigen weiteren „Schüssen“ war alles vorbei und die Militärwagen verschwanden so schnell wie sie gekommen waren.

Obwohl es am Anfang immer schwierig ist, sich in den Alltag einzufinden, anzukommen und teilzunehmen, wenn man die Sprache nicht beherrscht, ist eines nach den ersten Eindrücken deutlich geworden: langweilig wird es hier sicherlich nicht.

Photo: flickr.com, User: Craig Wyzik

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