Warschau – wo hämischer Kapitalismus und traditioneller Patriotismus aufeinandertreffen

Außergewöhnlich. Dieses Wort trifft es wahrscheinlich am besten, wenn man Polens Haupstadt Warschau beschreiben möchte, die wie die meisten Hauptstädte entweder abgöttisch geliebt oder abgrundtief gehasst wird. Man hat Anlass beides zu tun, aber dennoch hat Warszawa – so der polnische Name – einen besonderen Charm und strotzt aus allen Poren vor Geschichtsempfinden und Symbolik.

Geschichte und Patriotismus in der ganzen Stadt

Warschau war nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört. Wenn man diesen Fakt im Hinterkopf behält, ergibt vieles Sinn: Die Altstadt wurde vollständig im historischen Stil wiederaufgebaut. Bunte und prunkvolle Häuser reihen sich aneinander, schicke Cafés und Läden prägen ebenso das hübsche Stadtbild wie die vielen historischen Denkmäler. Man gedenkt in Warschau der vielen historischen Persönlichkeiten und Momente – Generäle, Geistliche, Politiker, Soldaten, Widerstandskämpfer und selbstverständlich die Opfer des Zweiten Weltkrieges und des Holocousts sind an so vielen Orten in Form von Statuen oder Gedenktafeln aufgeführt, dass es eigentlich fast zu viel ist.
Eine Dozentin der Politikwissenschaft erklärte mir, es sei eine natürliche Reaktion, sich so sehr auf seine patriotischen Wurzeln zu besinnen, nachdem man jahrzehntelang das „Sandwitch“ zwischen den bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Mächten Deutschland und Russland war. Sandwitches werden in der Regel aufgegessen und die Rückbesinnung auf die eigene Stärke sei umso wichtiger für die Identitätsbildung – man wolle ja schließlich nicht untergehen.

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Blick auf die Altstadt

 

 

 

 

 

 

 

Tatsächlich ist Warschau auch Schauort wichtiger historischer Ereignisse, nicht zuletzt weil die Stadt traurige Bekanntheit durch das jüdische „Warschauer Ghetto“ gewonnen hat. Das ehemalige Ghetto ist inzwischen wieder ein normales Wohngebiet – so wie es vor der Einwirkung der deutschen Truppen war. Viele Denkmäler und Markierungen erinnern an die Gräueltaten der Nationalsozialisten, allerdings gibt es auch Stätten der Versöhnung. Hinter dem jüdischen Museum, vor dem das Ehrenmal des Warschauer Ghettos steht, wurde der Willy-Brandt-Platz eingerichtet. Eine Gedenktafel erinnert an die mutige Geste des ehemaligen Kanzlers Westdeutschlands, der 1970 während des Kalten Krieges nach Polen reiste und vor dem Ehrenmal als Zeichen der Demut überraschend auf die Knie fiel. Junge Polinnen und Polen erzählten mir allerdings, dass solche Gesten in der Schule nicht unterrichtet werden – viele hatten noch nie von Willy Brandt gehört.

Ehrenmal des Warschauer Ghettos und Bronzetafel am Willy-Brandt-Platz
Ehrenmal des Warschauer Ghettos und Bronzetafel am Willy-Brandt-Platz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber auch wichtigen Persönlichkeiten, die man mit positiven Errungenschaften in Verbindung bringt, wird gedacht: Wissenschafts-Allrounder Nikolaus Kopernikus, Physik- und Chemiegenie Marie Curie und Klavierkomponist Chopin sind nur einige der bekannten Namen, auf die die Polinnen und Polen stolz sind und deren Herkunft sie betonen.

Kapitalismus verhöhnt Sozialismus

Die meisten Polinnen und Polen würden sofort zustimmen, wenn sie die Behauptung hörten, sie seien stets gegen den Sozialismus gewesen und haben sich diesem nur durch Zwang gefügt. Nachdem viele kastenartige und systematische Bauten in den Jahrzehnten des Kalten Krieges entstanden, gab es nach der Wende offenbar eine absolute Kontrabewegung: Moderne Bürogebäude und Wolkenkratzer stehen fast hämisch neben den alten sozialistischen Bauten, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt zwar nicht wertgeschätzt, aber als Teil des Charakters der Stadt wahrgenommen werden. Malls voller Markenkleidung und Franchising-Ketten, namenhafte Hotels und Geschäftszentren prägen das Gesicht des neuen Teil des Stadtkerns. Eindeutig hat sich eine urbane Konsumkultur entwickelt, so wie es in vielen postsozialisten Städten der Fall ist. Leider ist durch die neue Dynamik auch die Luftverschmutzung gestiegen. Die industrielle Produktion führte lange dazu, dass die Luftqualität sank, die zusätzlichen Autos beschleunigen diesen Prozess nun.Charakteristika Warschaust: der sozialistische Kulturpalast (rechts), ein Denkmal und ein modernes Bürogebäude (links) in unmittelbarer Nähe zueinander

Charakteristika Warschaus: der sozialistische Kulturpalast (rechts), ein Denkmal und ein modernes Bürogebäude (links) in unmittelbarer Nähe zueinander

 

Warschau ist auf dem besten Weg, eine moderne europäische Stadt zu werden. Viele Studierende tragen zur jugendlichen Atmosphäre bei, allerdings merkt man auch sofort, wo das polnische Sozialsystem durchlässig ist: auffällig viele benommene Obdachlose suchen einen Platz zum Schlafen auf Parkbänken oder in U-Bahn-Eingängen im Vergleich zu anderen europäischen Städten, allerdings nicht nur in Warschau. Damit Polen der Übergang vom Postsozialismus zum wichtigen Mitglied der Europäischen Union noch besser gelingt, wird es wahrscheinlich notwendig sein neben der guten Wirtschaftsentwicklung auch wesentliche Sozial- und Umweltstandards einzuführen, damit Warschau und andere Städte von den störenden Makeln befreit werden, die noch zu präsent sind. Dennoch ist Warschau einen Besuch wert, allein wegen der Vielfalt, die in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt zu finden ist – Geschichte trifft auf Moderne, Kapitalismus auf Sozialismus, jung auf alt, Grünflächen auf Beton, Ost auf West.