Das Recht NICHT zu kommunizieren

Es ist eine Hassliebe. Mensch und Smartphone. Auf der Pro-Seite: wir können unterwegs unsere Lieblingsmusik hören, Schnappschüsse von schönen Momenten oder Reisen machen, die Lieben über die sichere Ankunft nach jeder Reise informieren und bei Langeweile lesen oder einfach mit Freunden texten. Auf der Kontra-Seite: es piepst und vibriert permanent – Nachrichten auf Facebook, Whatsapp oder Skype und die Eingänge der E-Mails lenken uns in nahezu allen Situationen ab.

Wer es nicht schafft, das Smartphone einfach mal beiseite zu legen, geht ein sehr großes Risiko ein, zwar als loyal für seine Mitmenschen zu wirken, die einen über die digitalen Wege kontaktieren, aber seine direkte Umgebung vor den Kopf zu stoßen. Es gibt schließlich wenige Dinge, die so nervig und unhöflich sind, wie jemand, der beim gemeinsamen Abendessen oder in der Kneipe ständig textet oder in anderen privaten Situationen den Blick eher zum Bildschirm richtet als zum eigenen Gegenüber, davon abgesehen, dass man sehr viele reale Momente verpasst.

Viel schlimmer ist der Druck, den man durch die ununterbrochene Smartphone-Nutzung für sich und andere aufbaut. Man müsse ja so schnell wie möglich antworten, um die beste Freundin nicht zu verärgern, den eifersüchtigen Freund zu besänftigen oder dem Geschäftspartner seine Zuverlässigkeit zu zeigen. Nein, muss man eben nicht. Es ist erlaubt, sich zu entspannen, sich Zeit zum Nachdenken zu geben oder einfach mal nicht zu antworten. Man stärkt mit dem Verhalten des Antwortzwangs eher ungesunde soziale Strukturen, die eine Beschleunigung und Regulierung des Privatlebens zur Folge haben – und sonst beschweren wir uns doch immer so viel über den unerträglichen Stress im Alltag. Aber das Smartphone abzuschalten ist eine unvorstellbare Idee.

Facebook und Whatsapp sind wahrscheinlich den größten Wünschen von eifersüchtigen Ehepartnern, besitzergreifenden Freunden und krankhaft paranoiden Eltern nachgekommen, als sie die Funktion einführten, nicht nur zu sehen, dass eine Nachricht beim anderen angekommen ist, sondern wann genau sie gelesen wurde – die Büchse der Pandora ist geöffnet! Nicht umsonst war die Entrüstung groß, dass die blaue Färbung der Häkchen beim beliebtesten Messenger Whatsapp nun diese kleine Zusatzinformation bietet.

Vor einigen Jahren, als die SMS noch das gängige schriftliche Kommunikationsmedium war, hat man sich keine Sorgen gemacht, wenn keine Antwort kam. Vielleicht kam die SMS ja einfach nicht an. Das meiste konnte man eh später klären. Heute führt eine verspätete Antwort manchmal zu „Ist alles in Ordnung bei dir?“, „Na, so viel zu tun?“ oder sogar „Du liebst mich nicht mehr“ – natürlich neben all den anderen subtilen Möglichkeiten auszudrücken, dass man eigentlich ziemlich eingeschnappt ist, nicht ganz oben auf der Prioritätenliste des Kommunikationspartners zu stehen. Das muss ein Ende haben! Wenn Freundschaften oder Beziehungen daran zerbrechen, dass die Antwort nicht innerhalb eines kurzen Zeitfensters kam, läuft etwas fundamental falsch.

Wenn wir uns über den vielen Stress beklagen, aber uns dem Kommunikationsterror beugen, brauchen wir uns nicht über steigenden gefühlten Druck zu wundern. Jeder hat noch immer das Recht, sich Zeit für sich zu nehmen oder einfach mal nicht zu antworten – das sollte nicht in einem privaten Eklat enden. Genauso gilt es aber auch, dass man sich selbst bei anderen gedulden sollte. Würden wir darauf ein wenig mehr achten, würden wir ein wenig davon gewinnen, was uns immer zu knapp scheint: Zeit und Ruhe.

Photo: flickr.com, User: Drriss & Marrionn