Wie verlogen ist der Gesundheitstrend?

Zweifelsohne – Gesundheit ist wichtig, mit Krankheit in jeglicher Form nimmt schließlich oft die Lebensqualität ab. Gesund ist darüber hinaus für viele zum wesentlichen Kriterium für Schönheit, Ausdauer, Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit geworden, daher achten immer mehr Menschen auf die gesündeste Ernährungsweise, hören auf zu rauchen, reduzieren den Alkoholkonsum und treiben Sport. Diese Entwicklungen sind begrüßenswert, besonders wenn sie tatsächlich das Wohlbefinden und die Gesundheit erhöhen. Wäre da nicht ein bitterer Beigeschmack, wenn man sich die Gesamtsituation in Deutschland anschaut.

Was ist mit der psychischen Gesundheit?

Während man Freunde und Verwandte gerne dazu motiviert (oder auch belehrt) sich gesünder zu ernähren oder mehr Bewegung in den Alltag zu bringen, ist es noch immer ein gesellschaftliches Tabu über die psychische Gesundheit zu reden. Dabei sind psychische Störungen in Deutschland der Hauptgrund für Berufsunfähigkeit – Depressionen, Angst- und Panikattacken und andere seelische Leiden übertreffen bei Weitem die Fälle von Berufsunfähigkeit aufgrund von Herz- oder Krebserkrankungen.

Darüber hinaus nehmen immer mehr Menschen in Deutschland Antidepressiva und Suizid ist noch immer eine häufigere Todesursache als Verkehrsunfälle. Dennoch fürchten viele Menschen mit psychischen Problemen das gesellschaftliche Stigma. Wer depressiv ist, bekommt oft platte Sprüche á la „Sieh‘ doch mal die positiven Dinge im Leben“, wie die Twitter-Aktion #NotJustSad zeigte. Wer zur Therapie geht, wird meist als schwach betrachtet. Man bietet eher gemeinsames Joggen als seelischen Beistand an – sei es aus Unwissenheit oder Desinteresse.

Selbst wenn es nicht so weit kommen muss, dass man eine psychische Störung entwickelt, sind die Folgen von Stress dennoch gefährlich und können physiologische Ausprägungen haben. Bluthochdruck, Gewichtszunahme, Schlafstörungen und hormonell bedingte Erscheinungen wie der Verlust der Libido sind nur einige Reaktionen des Körpers auf chronischen Stress.

Paradoxerweise kann auch übertriebener Gesundheitswahn zu mehr Stress führen – wenn das Ziel der eisernen Disziplin im Zuge der intensiven Selbstoptimierung verfehlt wird oder man soziale Sanktionen aus dem eigenen Umfeld fürchtet, wächst das schlechte Gewissen und somit der Stress, wenn man die Diät oder den Trainingsplan nicht einhält.

Der Gesundheitstrend ist nicht konsequent und oberflächlich, wenn das seelische Wohlbefinden ausgeklammert wird. Während wir allerdings im Alltag wissen, dass wir Reis gegen Quinoa austauschen können, grüne Smoothies konsumieren sollten und schon der tägliche Spaziergang das Herz-Kreislauf-System stärkt, wissen wir kaum, wie wir damit umgehen sollen, wenn die Psyche leidet.

Gesundheit als Ersatz für sozialen Status oder ein Wertesystem?

Vergessen wir nicht, dass viele Deutsche mit den Folgen eines „ungesunden“ Lebensstils zu kämpfen haben. Oft sind es besonders bildungsferne Menschen, die aus finanziellen Gründen oder Unwissenheit bspw. eher zu ungesunder Nahrung greifen müssen. Obwohl Chancengleichheit und soziale Mobilität in Deutschland noch Defizite zeigen, bestehen dennoch Möglichkeiten, sozial und wirtschaftlich aufzusteigen. Die Zugehörigkeit zur Gruppe der gesunden, bewusst lebenden Menschen kann allerdings durch die Anpassung an den Lebensstil erfolgen – „Du bist, was du isst“ nimmt dabei eine neue Dimension sein. Schließlich kann man Trainingserfolge auch recht schnell sehen und zur Schau stellen. Gesundheit kann zum Kriterium für Zugehörigkeit werden, statt nur dem Zweck des Wohlbefindens zu dienen. Dabei erklären sich viele Anhänger selbst zu Gesundheitsexperten und werten andere ab, die nicht in die Norm passen.

Ein anderes Muster sehen manche Soziologen – eine intensive Gesundheitsmoral würde vor allem in protestantisch geprägten, säkularen Gesellschaft entwickeln, quasi als neues Credo, um die erodierten biblischen Werte zu ersetzen. Auch wenn das eine mögliche Erklärung für eine höhere Priorisierung der Gesundheit ist, ändert es nichts an der Tatsache, dass viele gesundheitliche Probleme auch weiterhin indiskutabel bleiben werden, vielleicht weil sie einfach nicht sichtbar genug sind.

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