„Es betrifft uns ja nicht“

Das Kuriose bei dem Germanwings-Absturz war der Wulst an Solidarität und Mitgefühl noch bevor die Umstände überhaupt klar waren. Die örtliche Nähe und die Tatsache, dass wir alle mit den Flugzeug reisen rief eine tiefe Betroffenheit hervor – es hätte ja jeden von uns treffen können.

Keinen Monat später ertrinken 700 Menschen im Mittelmeer – Lieblingsziel für den Sommerurlaub – und das einzige was mächtig wirkt ist die Entrüstung über die mangelnde Entrüstung. Ja, die Reaktionen sind stumpf bis nicht vorhanden. Was passiert ist, ist dabei gar nicht so schwer zu begreifen: Menschen brechen in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf. Dasselbe tun viele Europäer, wenn sie ebenfalls aus wirtschaftlichen Gründen für einen Job umziehen – sei es im eigenen Land oder über Staatsgrenzen hinweg.

Es handelte sich dieses Mal allerdings nicht um Europäer. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Oder ist das vielleicht doch der Kern des Ganzen? Die Abgrenzung zwischen „uns“ und „denen“? Vielleicht ist manch einer auch beruhigt,  dass nicht noch mehr Flüchtlinge ans Festland gekommen sind. Brutal gesagt: die da sind schwarz, arm, potenzielle Sozialschmarotzer, welche die EU, den Friedensnobelpreisträger, melken wollen – ist das vielleicht die vorherrschende Logik in den Köpfen mancher? So schnell werden alte Rassismen und Ängste wach.

Dass wir fähig sind, Ereignisse ins Emotionale zu übersetzen und als Kollektiv zu trauern, haben wir bewiesen. Die Bedingung für Betroffenheit scheint allerdings zu sein, dass die Opfer einem selbst ähneln und keine „potenzielle Gefahr“ darstellen.

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