Streitthema Liebe: Was bedeutet Ehe im Jahr 2015?

Binnen weniger Stunden waren alle sozialen Medien in Regenbogenflaggen getaucht, nachdem der Supreme Court, das oberste US-Gericht, verkündet hat, dass die gleichgeschlechtliche Ehe nicht im Widerspruch zur Verfassung steht. Nicht nur die LGTBI-Gemeinde hat sich über das längst hinfällige Urteil gefreut, das auch aus einer Hollywood-Liebeskomödie stammen könnte: „Kein Bund ist tiefer als die Ehe. Die Hoffnung der Kläger ist, dass sie nicht dazu verdammt sind, in Einsamkeit zu leben, ausgeschlossen von einer der ältesten Institutionen der Zivilisation. Sie erbitten sich die gleiche Würde vor dem Gesetz und die Verfassung garantiert ihnen dieses Recht.“ Hach, schön. Aber Moment – galt die Ehe nicht zwischendurch als verstaubter Rest einer ökonomischen Abhängigkeitsbeziehung? Warum ist uns gerade diese Institution so viel Wert und warum streitet man sich gerade darüber so häufig?

Die Hobby-Biologen haben nicht immer Recht

Die Institution der Ehe wird oft kritisiert – sie sei ein Relikt aus der Vergangenheit, ein rein ökonomisches Instrument, um Steuern zu sparen, ein Symbol für die finanzielle Abhängigkeit der Frau, oder ein bedeutungsloses religiöses Ritual. Dies sind unter anderem Gründe, warum in Deutschland jedes Jahr weniger Menschen den Bund fürs Leben eingehen. Gefühlt wird aber eine biologische Argumentation am häufigsten benutzt, um die Ehe als sinnlos darzustellen. Dem liegt eine Analogie zugrunde, bei der Menschen mit animalischen Vorfahren, gerne Primaten, verglichen werden und daher – so die Annahme – nicht ewig monogam leben können. Die promiskuitiven Instinkte kennen wahrscheinlich tatsächlich die meisten, allerdings ist diese rein biologische Debatte auch vom Blickwinkel abhängig.

Angenommen, es ginge bei Paarbeziehungen nur um die Reproduktion. Logisch wäre dabei, dass sich Paare nach weniger als 10 Jahren wieder trennen (Stichwort „das verflixte siebte Jahr). Die Beziehung dient dabei dem Schutz des Kindes, sobald dies selbst überlebensfähig ist, besteht kein Grund, diese Paarbeziehung aufrecht zu halten. So weit, so gut. Wenn wir uns aber auf die Diskussion einlassen, Liebe nur mit Hinblick auf Reproduktion und „natürliche Prozesse“ zu betrachten, dann hieße dies im Umkehrschluss, dass Väter bei der aktiven Erziehung nicht nötig sind, Paare, die keine Kinder bekommen möchten oder können „fehlerhaft“ sind und Homosexualität – gestern noch gefeiert – ebenso dem biologischen Zweck der Reproduktion und Kindererziehung, wenn überhaupt, dann zumindest nur auf „unkonventionellen“ Wegen nachkommen können. Allerdings wirken diese Punkte aus heutiger Perspektive vollkommen absurd. Menschen sind eben nicht nur ein Produkt der Evolution, sondern auch in einem sozialen Umfeld eingebettet.

Ein anderes Argument ist, dass etwa die Hälfte aller Ehen heutzutage geschieden werden – aus welchen Gründen sei dahingestellt. Sexualität und Monogamie werden an dieser Stelle auch oft als Gründe genannt. Man muss dabei allerdings zwei Punkte beachten: 1. Es ist möglicherweise das erste Mal in der Geschichte, dass Menschen sich freiwillig, ohne massiven gesellschaftlichen, religiösen oder ökonomischen Druck für die Ehe entscheiden – aus rein romantischen Gründen, möchte man meinen. Dass tatsächlich die Hälfte dieser Beziehungen nicht endet ist in Anbetracht der Umstände eine verdammt gute Quote – es geht schließlich um einen Bund, der erst mit dem Tod beendet werden soll. 2. Es ist bewiesen, dass mit der Länge der Beziehung, die Libido nachlässt. Ebenso ist allerdings bewiesen, dass monogame Paare mehr Sex haben als Singles – und das bis ins hohe Alter. Außerdem – wer hat eigentlich bestimmt, dass Ehe heutzutage auch tatsächlich monogam sein muss? Bei den vielen alternativen Lebensmodellen, ist es die freie Entscheidung eines jeden Paars, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen möchten.

Soziale Normen – irgendwie erwartet man es doch

Auch wenn die Hobby-Biologen einige kritische Aspekte gegen die Ehe nennen können, sind die sozialen Normen mindestens genauso tiefgreifend in der Diskussion über institutionalisierte Paarbeziehungen. Richtig ist: in einer zunehmen säkularen Gesellschaft, kann man auch problemlos ohne Trauschein zusammenleben und Kinder bekommen. Aber dennoch wird Liebe, die gern in einer romantischen Hochzeit zelebriert wird, als höchstes Credo angepriesen. FAZ-Redakteur Markus Günther bezeichnete Liebe als Ersatzreligion und trifft damit einen wunden Punkt. Sei es wegen zunehmender Individualisierung, der Schnelllebigkeit des Alltags oder gesellschaftlichem Druck der Selbstoptimierung – Menschen suchen nach einem festen Rahmen, der ihnen Orientierung gibt und tatsächlich ist es oft eine idealisierte, fast schon unrealistische, Form der Liebe. Ob dies gut oder schlecht ist, sei dahingestellt, aber es erklärt, warum die Gesellschaft so stark an dieser Institution hängt und versucht sie vor Veränderungen zu schützen. Vor allem in Deutschland wirkt die Ehe wie der letzte exklusive Heimathafen konservativer Werte in Anbetracht der politischen Positionen gegen die Legalisierung dieser Institution für die LGTBI-Community.

Es spielt tatsächlich eine Rolle, in welchem Umfeld man sich bewegt – nicht jeder kann oder will sich in einem sozialliberalen Milieu aufhalten. Jenseits dieser Gruppen passiert es dann: sei es aus Tradition oder Religion – früher oder später kommen die Fragen und Kommentare von Verwandten und Freunden, ob es denn nicht langsam so weit sei. Es ist zudem erstaunlich, in wie vielen Gesprächen man mitbekommt, dass der persönliche Wert, die Qualität der eigenen Beziehung und der Lebenserfolg von den Kriterien Ehe und Reproduktion abhängen. Irgendwie erwartet man es also doch. Auch wenn soziale Normen belastend sein können, Ehe kann manchen Menschen das Gefühl geben „zu Haus angekommen zu sein“.

Leben und leben lassen?

Mich verwundert es manchmal, wie sehr sich Menschen an den privaten Entscheidungen anderer stoßen. Sei es aus Unwissenheit oder einem anderen Verständnis von dem, was „normal“ ist. In Deutschland hinkt man nun inzwischen sogar dem erzkonservativen Supreme Court in puncto Gleichstellung der Ehe hinter, aber auch insgesamt in der ganzen Debatte, als was man diese Art der zwischenmenschliche Verbindung im Jahr 2015 überhaupt versteht. Man ist weit genug, dass Familien jenseits formaler Unterschrift bestehen, Liebe ohne Trauschein existiert und Menschen ihr Liebesleben sonst wie flexibel gestalten können – das ist inzwischen eine Realität in Deutschland, die man anerkennen muss.

Genauso muss man allerdings anerkennen, dass es gute Gründe für die Ehe gibt und es letztendlich ebenso eine freie Entscheidung von Paaren ist, in welcher Lebensform sie verbunden sein wollen – unabhängig vom Geschlecht. Für manche bedeutet die Ehe vielleicht Sicherheit, Geborgenheit und Orientierung, die sie aus der Hektik befreit. Vielleicht ist es für andere auch das Versprechen, gemeinsam als Partner einen Weg zu gehen und sich loyal zu bleiben. Andere wollen wiederum einfach Steuern sparen. Was auch immer es ist – wenn Deutschland modern sein will und eine Signalwirkung gegen Homophobie setzen will, ist es längst an der Zeit, wieder darüber zu diskutieren, welchen Stellenwert die Ehe an sich hat und wie viel eine Gesellschaft sich herausnehmen kann, wenn es um die Wertung des Privaten geht.

Foto: Walter; Creative Commons

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