Arbeitslose Akademikerin – Woche 2: Angst frisst Seele

Es ist kein Geheimnis – Arbeitslose haben ein höheres Risiko an Depressionen zu erkranken. Während bei den erwerbstätigen Männern und Frauen die Quote der Erkrankung bei 3, bzw. 6 Prozent liegt, sind es bei den Arbeitslosen bereits 11, bzw. 12 Prozent. Die Gründe liegen auf der Hand: Druck und Ängste zermartern das seelische Wohlbefinden, denn nur diejenigen, die arbeiten werden als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft betrachtet. Auch in meinem Umfeld kenne ich Situation der Wut, Frustration und Resignation – sind die Ängste überhaupt berechtigt oder müssen Akademiker Demut lernen?

Die gute Nachricht zuallererst: 95% der Akademiker schaffen es langfristig einen Job zu finden – am Ende wird also alles gut. Naja, fast. Die meisten Ängste drehen sich nämlich gar nicht darum irgendeine Beschäftigung zu finden, sondern eine angemessene. Die Befürchtung fachfremd angestellt zu werden, ist dabei gar nicht so abwegig, es gibt schließlich viel mehr Arbeitsstellen in denen „praktische“ Kenntnisse benötigt werden – IT-Spezialisten, Sales-Manager und Wirtschaftsprüfer haben es einfacher als Kulturanthropologen oder Slavisten. Folglich ist es ein naheliegender Gedanke, dass viele Fähigkeiten und das Potenzial von Absolventen verloren gehen, weil ihr Profil nicht profitbringend ist und sie sich umorientieren müssen.

Doch bereits vor dem Moment, in dem man sich für den Arbeitsmarkt verbiegt, beginnen die meisten Ängste – „Wo gehe ich hin wenn ich keine Arbeit finde?“, „Werden meine Eltern enttäuscht sein?“, „Muss ich Hartz IV beantragen und jeden noch so schlechten Job annehmen?“ oder „Wie zahle ich meine Schulden zurück?“ sind Gedanken, die ich in meinem Umfeld sehr häufig gehört habe. Eine Freundin von mir muss mit dem Abschluss ihr Wohnheim verlassen, allerdings sind ihre Eltern berufsbedingt weggezogen – wohin also? Eine andere Freundin von mir lebt seit einem halben Jahr wieder bei ihren Eltern – mit jedem Monat wächst der Druck des Umfeldes und die Angst, nie etwas Passendes zu finden, nachdem zahllose Bewerbungen erfolglos geblieben sind.

Nein, es ist nicht angenehm sich der Tatsache zu stellen, dass man pleite und haltlos die Jobportale durchsuchen muss, um einen Kompromiss mit sich selbst zu vereinbaren und die eigenen Wünsche herunterzuschrauben. Vielleicht liegt allerdings da der springende Punkt – Wünsche, Erwartungen und Wertungen. Die Auffassung, dass jeder Mensch hauptsächlich durch seinen Beruf definiert wird, teilen sehr viele Absolventen. Es geht auch längst nicht mehr um einen Beruf – es geht um eine Berufung! Wer dieses Credo willenlos akzeptiert und sich schlicht das Leistungsprinzip zu eigen macht, verstärkt die Spirale der Angst – vor allem der Angst zu scheitern.

Was ist eigentlich passiert, dass wir uns als Absolventen so wichtig nehmen und sofort in einen Top-Job starten wollen, ohne uns auf der Karriereleiter abzumühen? Im Grunde war es schon immer so, dass man zunächst kleine Brötchen backen muss, wesentlich anders ist heutzutage nur, dass der materielle Wert von Arbeit abgenommen hat, der ideelle allerdings zunahm. Gute Arbeit scheint ein knappes Gut zu sein, von Einstiegsgehältern lässt sich keine Familie durchbringen – das war vor einer Generation noch anders. Nichtsdestotrotz identifizieren wir uns so stark mit unseren beruflichen Tätigkeiten, dass kein anderer Weg möglich scheint, als ambitioniert zu sein und folglich stets den Absturz zu fürchten.

Zweifelsohne, Arbeitslosigkeit ist belastend für die Gesundheit und das seelische Wohlbefinden, doch es liegt auch an jedem selbst, aktiv gegen Angst vorzugehen und ehrlich damit umzugehen – wir sitzen schließlich alle im selben Boot. Jenseits der existenziellen Ängste, liegt es in der Natur der Situation mit dem Hochschulabschluss nervös zu werden und die ungewisse Zukunft zu fürchten. Nichtsdestotrotz könnte ein wenig Demut vor den Lebensumständen und der eigenen Eitelkeit nicht schaden. Im Grunde läuft es für die meisten Absolventen recht gut – die Arbeitslosigkeit ist bei weitem nicht mit der in den südlichen Krisenländern zu vergleichen, in denen eine gesamte Jugendgeneration bereits jetzt in die Altersarmut gedrängt wurde. Vielleicht reicht es auch zu hinterfragen, welchen Wert man seiner Profession geben will und wie stark man sich dadurch identifiziert – was für den einen Berufung ist, kann schließlich für den anderen lediglich Mittel zum Zweck sein.

Foto: Bethy; Creative Commons