Arbeitslose Akademikerin – Woche 5: Was will ich eigentlich?

Als ich etwa sechs Jahre alt war, wollte ich Chemikerin werden. Ich hatte keine Ahnung von Chemie, allerdings wollte ich auch Explosionen hervorrufen, wie ich es in den Zeichentrickserien gesehen hatte. Mit etwa zwölf fing ich an für die Schülerzeitung zu schreiben – daraufhin wollte ich Journalistin werden, weil mir das Schreiben lag und ich dachte, ich könnte Menschen durch meine Worte zum Nachdenken bringen. Mit 20 fing ich an zu studieren und hatte auf einmal keine Ahnung mehr, in welche Richtung ich eigentlich gehen wollte – sollte ich den Weg des geringsten Widerstandes mit der größten Sicherheit wählen oder prekäre Arbeitsverhältnisse für meine Leidenschaften in Kauf nehmen?

Natürlich bedenkt man als Erwachsener die Konsequenzen seines Handelns viel mehr als in seiner Kindheit, doch wieso war es früher so viel einfacher zu erkennen, was einen wirklich begeistert? Es sind fast sechs Jahre seit dem Studienbeginn vergangen und wenn ich mit meinen Freunden über die Zukunft rede, höre ich oft dieselben Dinge: „Ich will die Welt verbessern“, oder „Ich will richtig viel Geld verdienen“, manchmal auch „Ich will Macht“, doch sehr oft „Ich habe keine Ahnung“. Letzteres führt oft zu dem Schritt, einen Job suchen, weil er sicher und wie ein solider Start scheint, auch wenn man nicht glücklich wird. Die anderen „Visionen“ sind in etwa so unkonkret als würde man in einem Restaurant etwas Süßes zum Dessert bestellen. Wie soll man einen Weg verfolgen, wenn man nicht weiß, welches Ziel man hat?

Zugegeben, ich halte nicht viel von Fünf-Jahres-Plänen und versteiften Karrierevisionen– das Leben bringt stets Überraschungen und öffnet manchmal ungeahnte Türen. Auch bin ich keine Anhängerin von der Idee, dass es nur ein allgemeingültiges Glückskonzept gibt, welches ein Reihenhaus mit dem attraktiven Ehepartner, den braven Kindern und der steilen Karriere bei einem großen Unternehmen beinhaltet – dieser Lebensstil ist nicht für jeden, genauso wenig wie Selbstoptimierung und Perfektionismus. Dennoch glaube ich, dass es wichtig ist, zu identifizieren, was man will, was man nicht will, was Begeisterung weckt und anspornt – sofern man nämlich nicht in reiches Elternhaus geboren wurde, stehen einem viele Jahre der Arbeit bevor. Der Prozess seine Leidenschaften (wieder) zu entdecken kann allerdings seine Zeit brauchen.

Karriereberater nennen im Kern oftmals dieselben Strategien und Ansätze:

  • Selbstzweifel abschütteln: ohne ein gesundes Selbstbewusstsein, behindert man sich selbst auf seinem Weg. Wer sich für einen Versager hält, wird auch nicht herausfinden, worin die eignen Stärken liegen und welche Wünsche man insgeheim hat. Scheitern ist dabei fast unvermeidlich, Selbstvorwürfe bringen allerdings nichts – im Gegenteil!
  • Den Mut haben zu träumen: Manchmal rationalisiert man das Leben zu sehr und überzeugt sich davon, warum die eigenen Wünsche nie wahr werden können, weil es zu viele Gründe gibt, die dagegen sprechen. Wer allerdings manchmal phantasiert, kann kreative Wege finden, um seine Herausforderungen zu meistern.
  • Um Hilfe bitten: Niemand hat gesagt, dass man sich allein auf seinem Weg durchschlagen muss. Leute, die man bewundert oder einen interessanten Werdegang haben, kann man nach Tipps und persönlichen Erfahrungen fragen. Das Karriereportal The Muse rät sogar dazu, Leute einfach per Mail zu kontaktieren – was könne man dabei schon verlieren?
  • Neues ausprobieren: Wenn man trotz aller Bemühungen partout nicht herausfindet, was man mag, heißt es nur – ausprobieren und sehen, was einem liegt! Der makellose Lebenslauf bringt nichts, wenn man jahrelang festgefahren ist und feststellt, dass man seine Zeit mit etwas Sinnlosem vergeudet hat.
  • Nicht von anderen beeindrucken lassen: Menschen vergleichen sich und lassen sich von ihrem Umfeld beeinflussen. Das ist normal. Schwierig wird es allerdings, wenn man seine eigenen Interessen infrage stellt, weil ein beliebiger Professor prophezeit, man würde als Taxifahrer enden oder weil eine ambitionierte Kommilitonin in drei Jahren das fünfte Top-Praktikum absolviert hat. Es gibt keine allgemeingültige Regel für den eignen Werdegang.

Das war es auch schon. Diese simplen Schritte sollen genügen, wenn man herausfinden will, was man möchte. Aber ist es tatsächlich so einfach? Kostet es manche Menschen nicht mehr Energie und Zeit, denselben Weg zu gehen, weil ihr Umfeld schwieriger ist? Wenn es so einfach wäre, wären dann nicht viel mehr Leute glücklich und erfolgreich? Mich interessiert: Was sind Ihre Erfahrungen und Meinungen? Muss man seine Ziele erst definieren bevor man startet oder lieber ins kalte Wasser springen und schwimmen lernen?

Lesen Sie auch meine Gedanken aus den vorherigen Wochen:
Arbeitslose Akademikerin – Woche 1: Neue Fähigkeiten
Arbeitslose Akademikerin – Woche 2: Angst frisst Seele
Arbeitslose Akademikerin – Woche 3: Mit Xing und LinkedIn warm werden
Arbeitslose Akademikerin – Woche 4: Das Bewerbungsgespräch: sinnvoll oder oberflächlich?

Foto: Creative Commons; Stanley Yuu

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