Paradoxe Jugend: Teil 1 – Vegane Kokser

Irgendetwas muss an dieser Generation dran sein – diese vieldiskutierte Generation Y, über die es zahlreiche widersprüchliche Artikel gibt und jene Menschen dazu zählt, die zwischen 1977 und 1997 geboren wurden. Einerseits ängstlich vor Verpflichtungen in allen Belangen, andererseits auf der Suche nach einer Konstanten und Stabilität. Einerseits freiheitsliebend und werteorientiert im Job, andererseits karrieregeil und ambitioniert. Einerseits sehnsüchtig danach herauszustechen, andererseits hoffnungsvoll akzeptiert und verstanden zu werden.

Es sind viele Gegensätze, welche diese vermeintlich Ich-bezogene Generation, die neidisch auf die Facebook- und Instagram-Geschichten ihres Umfelds schaut, kennzeichnet. Wichtig ist dabei, endlich diese Jugend zu entzaubern, ihr den Status des Besonderen zu nehmen, um den allergrößten Widerspruch aufzulösen: die Erwartungshaltung frei, hip und individualistisch zu sein. Wie es nämlich so ist, ist Freiheit gar nicht mal so frei, wenn man sich einem Gruppenzwang hingeben muss und man ist im Grunde nie selbstbestimmt. Wirklich nicht. Auch wenn viele es gerne glauben. Spätestens nach einem Monat ohne Geld und Freunde, merkt man wie viel man braucht.

Deswegen gilt – weg mit den Schubladen, weg mit der Erwartungshaltung, weg mit dem Druck Rollenerwartungen erfüllen zu müssen! Ich erzähle euch ironische Geschichten und kleine Anekdoten mit überzeichneten Charakteren, von denen jeder etwas wiedererkennt, um zu zeigen, dass diese Generation mehr als nur der Stempel ist, der ihr immer wieder gegeben wird. Das ist eine Liebeserklärung an die Makel, die auch in Ordnung sind, selbst wenn der Blick in den Spiegel manchmal weh tut und kein Foto-Filter die Wahrheit weich zeichnet.

Genug der Einleitung. Ich beginne gleich mit einem meiner gegenwärtig liebsten Typen: dem koksenden Veganer, mit dem ich ab und zu Kaffee trinken gehe. Ich mag diese Art Mensch deshalb so gern, weil er die paradoxen Seiten der jungen Menschen so gut zum Ausdruck bringt:

Er ist an sich ein Gutmensch, er hat sich bewusst dafür entschieden, sein Konsumverhalten in puncto Ernährung und Kleidung umzustellen. Schont das Klima, ist sozialverträglich und gesünder als Gewohnheit sich von TK-Pizzen zu ernähren. Er fährt am liebsten mit dem Fahrrad und trinkt Fair-Trade-Kaffee. Bei H&M würde er nie einen Fuß reinsetzen. Wahrscheinlich sind es tatsächlich diese Menschen, die uns an soziale und ökologische Verantwortung im Alltag erinnern und das veränderte Konsumverhalten kann einen Effekt haben.

Ein Fleischessender Mensch verspeist in seinem Leben zwischen 635 und 715 Tiere, folglich ist es logisch, dass bei Verzicht die Produktion sinken würde. Obwohl der Fleischkonsum in Deutschland eher stagniert und die Schlachtungen sogar zunehmen, achtet mein Veganer auf regionalen Anbau und Saisongemüse. Er gibt mir Hoffnung, dass wir die drohende Klimaerwärmung und die Herausforderung Milliarden Menschen zu speisen irgendwie geschaukelt kriegen. Er sitzt im Öko-Café und erzählt mir, wie begeistert von der Idee ist, die Welt ein Stück besser zu machen. Dann mag ich ihn sehr gerne.

Dennoch – der Typ Mensch, von dem ich hier spreche, wird in seiner Moral ein wenig nachlässig, wenn es dabei geht, sich selbst etwas zu gönnen. Die zwei großen Schwächen: Reisen und Koks. Trotz der draufgezahlten Umweltpauschale, gehören Interkontinentalflüge mit Sicherheit nicht zu der nachhaltigsten Art zu reisen.

Der BUND erklärt, dass ein Flug von Deutschland nach Nordamerika etwa mit einem Jahr Autofahren gleichzusetzen ist, wenn es um Treibhausgase geht. Diese werden zu über einem Fünftel eben von Autos und Flugzeugen ausgestoßen. Er erzählt mir von den faszinierenden Tempeln in Südostasien und dem süßen Obst in Brasilien, seine Augen funkeln als er mir dabei sagt: „Das MUSST du erleben!“
Ich fühle mich ertappt, das Fernweh verschwindet nie vollständig aus meinem Kopf. Dabei weiß ich ganz genau, dass ich auch mit dem Bus an den Balaton fahren könnte, anstatt von der weiten Welt zu träumen. Das will ich aber nicht.

Der andere Knackpunkt: Koks. Die Nachfrage der Droge bleibt trotz der Bemühungen Händler und Dealer im großen Stil festzunehmen in den USA und Europa stabil. Dass dabei unzählige Menschen ihr jähes Ende in Drogenkriegen und bei Schmuggelaktionen gefunden haben, wird oft vergessen. Allein in Mexiko haben in den vergangenen 10 Jahren über 70.000 Menschen ihr Leben wegen der organisierten Drogenkriminalität verloren, in Kolumbien sind es seit den 1960-ern nach Schätzungen über 200.000 Menschen, die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher liegen. Korruption und Kartelle haben die produzierenden Staaten in ein Regierungschaos gestürzt, in dem der Rechtsstaat kaum funktioniert. Marode politische Strukturen können nichts gegen die großen Player machen. Koksproduktion macht die Hersteller krank, zerstört bei der Produktion den Regenwald und fördert die Ausbeute der Koka-Bauern.

Dennoch zieht sich der vegane Kokser am Wochenende die eine oder andere Line durch die Nase und vergisst, dass es mit seiner Ethik nicht weit her ist. Dafür knallt das weiße Pulver zu sehr. Wenn der Rausch vorbei ist, kauft er im Supermarkt wieder Bio-Hummus und Sojamilch ein – die Konsumentscheidungen machen schließlich einen Unterschied. Seine Worte verlieren an Substanz. Dann mag ich ihn gar nicht mehr.

Foto: Creative Commons; Toby