Paradoxe Jugend: Teil 2 – YOLO war eh immer eine Lüge

Als ich kürzlich die Post abholen wollte, bemerkte ich eine Schmiererei: YOLO – You Only Live Once. Intuitiv dachte ich mir, dass diese verbal verhunzte und zu oft als Tattoo zierende Version des lateinischen Spruchs „Carpe Diem“ ziemlich treffend für die Generation Y sei. Was man uns nachsagt ist diese erlebnisorientierte Sehnsucht nach der bewussten Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments. Dies manifestiert sich angeblich in dem Anspruch nach Work-Life-Balance, um mehr von Familie, Freunden und Hobbys mitzubekommen. Der Moment zählt, der Rest ist sekundär.

Ich fragte mich, wie viele Menschen aus meinem Umfeld tatsächlich nach diesem Credo leben und stellte fest – niemand. Zum einen, weil es im Allgemeinen nicht gut angesehen wird und schwer realisierbar ist planlos in den Tag hineinzuleben, zum anderen hat eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes gezeigt, dass Sicherheit im Job für die junge Generation genauso wichtig ist, wie für jede andere zuvor auch. Kaum jemand möchte Freiheit gegen Sicherheit eintauschen. Außerdem – sind es nicht gerade die jungen Leute, die den sinkenden Trend der Ehe wieder umkehren und vermehrt nach einer Beziehung mit Perspektive suchen und den Bund für die Ewigkeit eingehen?

Ich erinnerte mich an eine Freundin. Nennen wir sie Marie. Vor etwa fünf Jahren war sie ein typisches YOLO-Girlie. Sie kippte einen Tequila-Shot, auch wenn sie dafür gar nicht mehr in der Lage war, verschwand in Club-Toiletten mit nächtlichen Bekanntschaften und ließ sich spontan zur Erweiterung ihrer Piercing-Kollektion überreden. Auf viele schien sie leichtsinnig, doch sie war überzeugt von dieser Lebensart: „Und wenn schon – niemand bringt dir die Zeit zurück!“ war ihre Rechtfertigung nach jedem Kater. Das war vor fünf Jahren als sie Anfang 20 war.

Selten habe ich erlebt, dass sich Menschen so sehr verändern wie sie es in den Jahren danach getan hat. Inzwischen erzählt sie mir häufig, dass Milchprodukte für den Körper schädlich sind und ihre Ausschweifungen ins Nachtleben beschränken sich auf Konzertabende mit ihrem Freund. Ihr Leben ist auf Langlebigkeit ausgerichtet, auf die Zukunft. Auch wenn sie keine Kinder hat, überlegt sie, wie sie das Maß an Jobsicherheit erreichen kann, um eine Familie durchzubringen. Sie achtet auf sich, spart, lebt gesund und schläft viel, um in einigen Jahren tatsächlich das Eigenheim genießen zu können, für welches sie einen Bausparvertrag abgeschlossen hat.

Ich mag beide Versionen von Marie – das abenteuerlustige Mädchen, das sie mal war und die bedachte Frau, die sie heute ist. Sie meint, sie sei inzwischen einfach nur erwachsen geworden, doch auf mich wirkt es, als sei die Gegenwart einfach zu unsicher geworden und deshalb wünscht sie sich an diesen fernen Ort „Zukunft“, an dem in ihrer Vorstellung alles sicher ist. Vielleicht liege ich auch falsch. Vielleicht ist sie gar nicht so zukunftsgerichtet, sondern nostalgisch. Die Wünsche, die sie für sich hat, erinnern an ihre eigene Kindheit – das traute Heim, eine behütete Kindheit, geregelte Strukturen.

Auf Instagram fällt mir auf, dass sie fast alle Bilder auf alt trimmt, sodass sie aussehen als seien sie 20 Jahre alt und in einem Fotoalbum vergilbt, obwohl die Kamera ihres neuen IPhones scharfe Bilder schießt. Es geht dabei um mehr als Ästhetik, es geht um Erinnerungen. Sie ist bei weitem nicht die einzige, bei der mir diese Idealisierung der Vergangenheit auffällt. In so vielen WGs finden sich Erbstücke der eigenen Großeltern – stilvolle Kerzenhalter, manchmal auch schrullige Wandbilder. Es ist als ob man für die Zukunft versuchen würde, die Vergangenheit zu rekonstruieren.

„Früher habe ich davon geträumt wie ein Rockstar zu leben und ewig jung zu sein, aber ehrlich gesagt ist es ziemlich anstrengend ständig nach dem nächsten großen Ding zu suchen“, sie lacht als sie diesen Satz aus ihrem Mund hört. Bei unserem letzten Treffen hat Marie mir erzählt, dass sie versucht schwanger zu werden und es ihr egal sei, dass alle anderen aus ihrem Freundeskreis noch lieber feiern gehen. Ich hatte den Eindruck, als sei sie bei sich angekommen.

Lest auch den ersten Teil der Reihe „Paradoxe Jugend“: Teil 1 – Vegane Kokser.