Paradoxe Jugend: Teil 3 – Dating-Totalschaden

Das Thema wird einfach nicht langweilig. Vielleicht weil man ständig darauf wartet eine bahnbrechende Erkenntnis zu gewinnen, aber es passiert nicht. Es geht um Dating. In meinem Umfeld kenne ich nur vereinzelte Menschen, die bis an ihr Lebensende ungebunden und ohne Familie leben möchten. Zugegeben, einige haben es bereits früh geschafft – Ehe, Kinder, Zukunftsplan. Leute – ich freue mich aufrichtig für euch! Aber die Mehrheit wiederholt seit Jahren dieselben Fehler und will partout nicht daraus lernen. Die Folge: ein Dating-Totalschaden.

Es ist unfassbar paradox: es ist 2015, Männer und Frauen können gut miteinander befreundet sein, kollegial zusammenarbeiten und ihre Hobbys gemeinsam ausleben. Doch kaum wird es emotionaler, heißt es auf einmal „Männer sind egoistische Arschlöcher“ oder „Frauen – alle vollkommen durchgeknallte Psychos“. Vor diesen Sätzen sind oft zwei typische Szenarien passiert:

Szenario A („er ist der Arsch“): Er und sie begegnen sich. Sie sind sich sympathisch. Die Chemie stimmt. Sie landen im Bett. Einmal, zweimal, dreimal, usw. Er ist liebevoll zu ihr, weiß aber, dass sie entweder nicht die Frau seines Lebens ist oder gerade ungebunden sein will. Egal, ist ja nur Sex. Sie macht mit, wundert sich aber, was seine emotionale Mauer eigentlich soll – als ob man nicht miteinander schlafen könnte und sich gleichzeitig wertschätzen kann, wie ironisch! Vielleicht ist er auch einfach stumpf – das wäre traurig. Sie ärgert sich über seine Distanziertheit, spricht es aber nicht an, dann würde er erst recht denken, dass sie schon viel zu involviert sei in diese Affäre. Aber cool bleiben, Gesicht wahren. Nichtsdestotrotz sich bei ihren Freunden dann, wie viel er immer mit seinen Freunden macht, aber sie nur anrufen kann, wenn es um das eine geht. Der Satz fällt „Männer sind…“, während er bereits die Schlinge um seinen Hals fühlte und befürchtete, dass sie Besitzansprüche hegen könnte.

Szenario B („sie ist unehrlich“): Sie und er begegnen sich. Sie sind sich sympathisch. Die Chemie stimmt. Sie landen im Bett. Er lädt sie zum Essen bei sich ein. Sie denkt sich: „oh, wie nett“. Für ihn ist das aber bereits eine wesentliche Geste auf dem Weg in das Verhältnis zu investieren. Sie landen wieder im Bett, dreimal, viermal, fünfmal, usw. Er textet ihr regelmäßig, aber nicht zu oft, um sich zu erkundigen, wie es ihr geht. Sie weiß inzwischen, dass es allerdings nicht mehr wird. Sie schweigt, weil sie ihn nicht verletzten will und so gern hat. Er findet ihre Lässigkeit sexy und fühlt sich angespornt. Die Affäre scheitert. Sie zieht die Reißleine. Einige Monate später, trifft er ein anderes Mädchen, es geht gut. Sie schreibt ihm schnippische Nachrichten, warum er auf einmal keine Zeit mehr für sie hat.

Das sind nur zwei klischeehafte Beispiele, in denen denkbar viel schief gehen kann. Das kann mal passieren. Einmal, vielleicht zweimal, schlimmstenfalls dreimal. Spätestens dann sollte jeder mit einem gesunden Menschenverstand reflektieren, dass es nicht Affären und Beziehungen sind, die an sich nicht funktionieren, sondern man sich die falschen Partner aussucht, ein Problem mit Wertschätzung hat und ein wenig zu sehr von sich überzeugt ist. „Tinder ist ja voll von schönen Menschen“ ist nur einer der bequemen Gedanken – als ob man mit jeder Person kompatibel sei, Schönheit hin oder her. Man macht damit jeden Partner ersetzbar, aber sich selbst zugleich auch. Wenn die X-te Affäre an demselben Punkt scheitert, liegt es vielleicht daran, dass man selbst keine Kompromisse eingehen wollte. Aber Kompromisse gehören dazu. Jeder, der in einer Beziehung keine Kompromisse eingehen will, aber Kinder haben möchte, wird spätestens mit der Erstgeburt überrascht sein, wie viel Kraft und Zeit die Erziehung kostet.

Zugegeben, der Freundeskreis ist auch nicht sehr hilfreich. „Männer wissen nun einmal nicht, wie sie mit starken Frauen umgehen sollen, er war einfach eingeschüchtert“ tut nun einmal weniger weh, als „Tja, er steht halt einfach nicht auf dich.“ Aber sowohl die ständige Verfügbarkeit von unpersönlichen Sexualkontakten als auch das permanente Egopolieren führen zu einer Einstellung, die so absurd ist wie der Glaube an Einhörner. „Der/die Richtige ist da draußen“ – eine realitätsferne, kompromisslose Lüge, die einen davon freispricht, sich selbst zu reflektieren.

Letztendlich ist der Glaube daran, dass man stets der Leidtragende ist und selbst keinen Schmerz verursachen kann, ein gefährlicher Schutzmechanismus, der in eine Sackgasse führt, wenn man tatsächlich eine langfristige und stabile Partnerschaft und Familie anstrebt. Wäre man ehrlich mit sich selbst und mit seinen Bedürfnissen, würde man auch privat schneller das erreichen, was man möchte. Nicht jeder will eine klassische monogame Beziehung, genauso wenig fühlt sich jeder mit casual sex wohl. Angeblich seien alternative Beziehungskonzepte inzwischen akzeptiert, dann frage ich mich allerdings – warum leben so viele Menschen auf eine Art und Weise, die sie nicht glücklich macht und wiederholen in Endlosschleife die alten Fehler?

Foto: Lucas Chimello Simões; Creative Commons

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