Paradoxe Jugend: Teil 4 – „Ich bin besonders“

Letztens stand ich im Flur einer Hausparty und nippte an meinem Moscow Mule während ich auf WhatsApp tippte: „Alle sehen gleich aus!!!“ Tatsächlich sah ich mich um und sah schlanke Mädchen, die ihre zerbrechlichen Beine in schwarze Skinny-Jeans gesteckt hatten, weite, kurze schwarze Pullover trugen und einen wirren Dutt. Die Art von Dutt, bei dem die Hälfte der Haare runterhängt und ganz weit oben auf dem Kopf sitzt. Ein erstaunlich großer Teil der Männer erinnerte mich an Magnum – den Protagonisten aus der gleichnamigen 80-er-Serie mit dem markanten Schnäuzer und den Hawaii-Hemden, deren Farbkombination eher irritierend als ästhetisch wirkte.

Normalerweise fallen solche unübersehbaren subkulturellen Trends nur auf, wenn man selbst nicht gerade drin steckt. Mit 16 war meine Klamottenkollektion hauptsächlich schwarz, aber anders schwarz als bei den heutigen Hipstern – weniger chic. Ich hing in einem kleinen Proberaum ab, an dem ein Teil der Wand mit Eierkartons verkleidet war – der Akustik wegen – und umrandete meine Augen mit Kajal. Viel Kajal. Die Code-Frage in meiner Jugend, um zum Ausdruck zu bringen, zu welcher Gruppe man dazugehörte war „Kennste schon…?“ Dann fügte man eine Band, ein Lied oder ein Musikvideo ein – „du bist was du hörst.“ Zu dem Zeitpunkt war es irgendwas mit Rock, davor irgendwas mit Hip Hop, danach irgendwas mit Minimal.

Mit jeder Subkultur änderte sich mein Aussehen ein wenig, es waren kleine Details, die den Unterschied machen. Man passt sich – bewusst und unterbewusst – der sozialen Gruppe an, in der man sich bewegt. Das ist an sich weder verwerflich, noch verwunderlich. Man möchte sich mit seinen Freunden identifizieren und akzeptiert werden. Der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen: alle großen Errungenschaften von Kulturen, Organisationen oder Beziehungen wurden stets durch gegenseitiges Lernen und Austausch erreicht. Deswegen ist es keine Überraschung, wenn auf einmal alle vermeintlich denselben Modegeschmack haben.

Was sich allerdings mit der wachsenden Popularität von Instagram und Facebook sowie dem Trend zur Wegwerf-Gesellschaft etabliert hat, ist der stetige Drang herauszustechen – obwohl es doch so gemütlich ist in der eigenen Gruppe. Genauso wie man im Handumdrehen ein Handy, Laptop oder Job wechseln kann, scheint es so, als greife dieser Entwicklung auch zunehmend im Privatleben. Ob regelmäßige Updates von Fitness-Übungen, glupschäugige theatralische Selfies auf Facebook oder Geschichten über das neue coole Projekt, das man gerade erfolgreich gepitcht hat – der Wunsch zu bestechen ist folglich omnipräsent. Es ist, als würde man sich insgeheim denken „bitte, bitte, ersetzt mich nicht – ich bin doch besonders!“

Vielleicht ist es auch eine Art sozialer Überlebensreflex im reizüberfluteten Alltag, bei dem jeder nur seine besten Seiten demonstriert. Niemand sieht die beschissenen Momente. Niemand sieht den Stress, den es gebraucht hat, um das coole Projekt zu erarbeiten oder den Streit, den man manchmal mit seinem Umfeld hat. Man sieht nur Fotos von exotischen Reisen, dekadentem Essen und neuen Klamotten. Durch die Filter sehen alle immer so verdammt gut aus – überhaupt nicht so wie man selbst nach einer arbeitsreichen Woche oder durchzechten Nacht aussieht, wenn man sich im Spiegel anschaut.

Es ist egal, in welcher Subkultur oder Szenegruppe man ist. Jeder kennt Leute in seinem Umfeld, die mit solch einer Dringlichkeit davon überzeugen möchten, dass sie klüger, erfolgreicher, fitter, gewitzter, kreativer oder schlicht erfahrener sind. Damit wächst der Druck für alle und setzt die Messlatte immer höher. Manchmal schaukelt sich der Gruppenzwang so weit hoch, dass es negative Konsequenzen hat, die sich in Form von Ängsten und Selbstzweifel bemerkbar machen. Es sind die Geister, die wir selbst riefen, und uns jetzt nicht mehr in Ruhe lassen.

Man könnte sagen, es wäre einfach dem Ganzen ein Ende zu setzen. Man könne aussteigen, sich weniger darum kümmern oder würde spätestens wieder auf dem Boden der Tatsachen zurückkommen, wenn man wie ein überhitzter Draht durchbrennt. So simpel ist es allerdings nicht. Tatsache ist nämlich, dass die Welt sich weiterdreht, egal ob man aussteigt oder die Reißleine ziehen muss und das wollen die meistennicht akzeptieren. Das Dilemma bleibt ungelöst – Angepasstheit im Bestreben besonders zu sein.

Lest auch meine anderen Beiträge aus der Reihe „Paradoxe Jugend“:
Teil 1 – Vegane Kokser
Teil 2 – YOLO war eh immer eine Lüge
Teil 3- Dating-Totalschaden

Foto: Creative Commons, Christopher Michel