Paradoxe Jugend: Teil 5 – Tüchtige Freigeister

Creative Company Conference 2011

Vor drei Jahren saß ich mit einigen spanischen Freunden in einer Bar in Madrid. Wir lachten, aßen Tapas und tranken Bier. Die Stimmung war ausgelassen, obwohl es unter der Woche war. Da ich wusste, dass einer meiner Kumpels am nächsten Tag früh arbeiten musste, fragte ich ihn, ob er nicht langsam nach Haus muss, es war etwa 1:30 Uhr. Mit einem breiten Grinsen legte er einen Arm um mich und sagte zu mir: „Weißt du was der Unterschied zwischen euch Deutschen und den Spaniern ist? Ihr lebt um, zu arbeiten – wir arbeiten, um zu leben.“ Obwohl das eines der gängigen Klischees über Deutsche im Ausland ist, habe ich oft darüber nachgedacht, ob es stimmt und ob sich etwas in den letzten Jahren geändert hat.

Leben, um zu arbeiten. Eigentlich sind wir perfekte Kapitalisten. Einerseits konsum- und kapitalismuskritisch wenn es um Ernährung, Kleidung oder Freihandel geht, schaffen wir es den Marktdruck zu erhöhen, indem wir unsere Leidenschaften zu Berufen machen. Berater und freischaffende Kreative scheinen wie Pilze aus dem Boden zu sprießen. Das ist einerseits schön – man sagt schließlich man müsse nie wirklich arbeiten, wenn man mit etwas Geld verdient, das einem Spaß macht. Andererseits wird jede Handlung, jede Qualität zu einem wirtschaftlichen Gut.

Die Palette der Dienstleistungen wächst und zugleich werden die Löhne durch die große Konkurrenz gedrückt. Die Folge: eigentlich muss man ziemlich hart arbeiten, um stets finanzielle Sicherheit zu erlangen und ein Stück weit macht man sich selbst zum Produkt, das man verkaufen muss. Sind es nicht gerade die Selbstständigen, die von ihrem Ruf leben und um die Gunst von Kunden werben müssen? Wir sind tadellos eingegliedert in die Wirtschaftslogik – man benutzt alle Ressourcen, die man hat, um Geld zu machen und es ist naheliegend bei sich selbst zu beginnen.

Arbeiten, um zu leben – aber das Leben ist kein Süßwarenladen. Eigentlich ist es doch das, was der Generation Y immer vorgeworfen wird – wir passen uns nicht den gängigen Regeln an, haben keine Lust auf Hierarchien und Überstunden sind eh was für verrückte Karrieristen. Außerdem binden wir uns angeblich nicht gerne an Jobs. Wenn der Job nicht gefällt, sucht man sich eben einen anderen. Work-Life-Balance – das ist das Credo. Man könnte glauben, wir seien vergnügte junge Menschen, die auf wundersame Weise immer Geld haben. Oh Mann, in welchem Elfenbeinturm leben die Menschen, die sich sowas ausdenken und haben sie sich schon einmal mit einer Friseurin oder einem Maler unterhalten?

Dass die Realität anders aussieht, ist jedem klar – die Konkurrenz schläft nie, egal um welchen Bereich es geht und dass mit Aufträgen und gut bezahlten Jobs nach Young Professionals geworfen wird, wäre mir auch neu. Wäre es außerdem nicht vermessen zu behaupten, dass junge Menschen nicht ambitioniert sind, wenn sie doch diejenigen sind, die vermeintlich etwas Eigenes und Bedeutungsvolles schaffen wollen? Vielmehr verschmelzen Arbeit und Privatleben, denn auch der Anspruch „die Welt zu verändern“ lässt sich nicht mit Kaffee trinken erfüllen.

Es hat sich wenig verändert. Im Grunde möchte jede Generation doch dasselbe – sich durch Arbeit im Rahmen des Möglichen ein schönes Leben leisten. Dass die Möglichkeiten heutzutage andere sind als in der Nachkriegszeit, ist dabei klar. Allerdings hat sich im Kern wirklich nicht viel getan – seit Jahren sind dieselben klassischen Ausbildungsberufen beliebt und die „brotlosen Künste“ an Universitäten sind nach wie vor als hoffnungslos verschrien. Allerdings bekommen weder Einzelhandelskauffrauen noch Germanisten dieselbe Aufmerksamkeit wie Leute, die etwas „Hippes“ auf die Beine stellen. Auch 80-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit, wenn man am Beginn seiner Karriere steht. Aber auch innovative Unternehmen, freie Journalisten und Künstler haben bereits das 20. Jahrhundert geprägt. Ich frage mich dann – warum nehmen wir unser berufliches Schaffen dann so verdammt wichtig und warum heißt es, wir würden das Arbeitsleben umkrempeln? Die Huffington Post sprach sogar von einer Revolution, weil wir im Grunde die Erfüllung in der Arbeit suchen. Vielleicht handelte es sich stattdessen um einen kleinen Straßenumzug, der an mir spurlos vorbeiging.

Lest auch die bisherigen Artikel der Reihe:
Teil 1 – Vegane Kokser
Teil 2 – YOLO war eh immer eine Lüge
Teil 3 – Dating-Totalschaden
Teil 4 – „Ich bin besonders“

Foto: Creative Commons; Sebastiaan ter Burg