Paradoxe Jugend: Teil 6 – Verwirrte Frauen

Neulich beim Feierabendbier: Ich hörte einem Kumpel zu wie er sich über den Druck beschwerte den Erwartungen an seine Männlichkeit gerecht zu werden. Zunächst auf der Arbeit – der Händedruck muss fest sein, nicht als hätte man „einen toten Fisch“ in der Hand. Empathie und die ganze „Gefühlsduselei“ – das ist Schwäche. Und bei den Frauen? Wie solle man ihnen nur gerecht werden? Gefangen zwischen dem Ideal wie ein gestandener Mann aufzutreten und im richtigen Moment zuzuhören, liebevoll zu sein, gar ein potenzieller Familienvater, aber dennoch nicht zerbrechlich. Ich nickte, ich stimmte ihm zu. Ich hatte diese Geschichte oft gehört und auch die prätentiösen Vorstellungen meiner Freundinnen.

Nein, es war nicht fair. Er schaute mich dann an und meinte: „Ihr Frauen habt doch eure Kämpfe im Grunde ausgefochten, oder? Läuft doch mit der Selbstverwirklichung.“ Das brachte mich zum Nachdenken. Frau-Sein im Jahr 2015 war manchmal genauso anstrengend. Gar nicht wegen der „klassischen“ Probleme, die noch bestanden – dem Weg zwischen Familie und Beruf, die gläserne Decke, die Schönheitsideale. Vielmehr waren es die neu aufgerissenen Gräben zwischen den Frauen und die Politisierung des weiblichen Geschlechts, die kräftezehrend und von Doppelmoral durchzogen waren.

Der Feminismus ist tot – es lebe der Feminismus

In den 1960-ern und 1970-ern brannten die BHs, das Thema der häuslichen Gewalt wurde präsent, Frauen verließen langsam das Heim und gliederten sich ins Arbeitsleben ein. Man hatte eine konkrete Idee davon, wo die Grenzen des eigenen Handelns waren. Es war schließlich gar nicht so lange her, dass Männer darüber bestimmten, ob ihre Ehefrauen arbeiten durften. Man war sich klar – das ist weder gerecht, noch wirtschaftlich. Der Stern des Feminismus im Sinne der Gleichberechtigung ging auf.

2015: War „Feministin“ doch gleich ein Schimpfwort oder ein Kompliment? Als gäbe es keinen gesellschaftlichen Druck, keine arbeitspolitischen Herausforderungen bei der Familiengründung oder sexuelle Übergriffe, schämen sich die einen für die vermeintlich hysterischen Emanzen, die über Luxusprobleme blöken und ein Matriarchat einführen wollen. Auf der anderen Seite betonen die anderen, dass es noch immer keine vollkommene sexuelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Freiheit gäbe, weil „typisch weibliche Eigenschaften“ noch immer als hinderlich gesehen werden.

Während die einen dann mit ihrem Geschlecht kokettieren und ihre Weiblichkeit zum Teil gezielt nutzen, wehren sich die anderen gegen die Erwartungen mädchenhaft und lieb zu sein. Irgendwo zwischen diesen Fronten finden sich viele Frauen, die mindestens genauso verwirrt sind, wie oben genannter Kumpel. Sie versuchen daher vergeblich den besten Zeitpunkt für die Reproduktion zu kalkulieren, sich noch genug Freiheit für sich selbst zu nehmen – schließlich „braucht man ja keinen Mann, um glücklich zu sein“ – und den perfekten Job zu finden. Mich beschleicht bei der großen Verwirrung allerdings das Gefühl, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse und Lebenskonzepte nicht untereinander ausgetauscht werden, was der Spirale natürlich kein Ende setzt.

Die Frau als politisches Objekt

Was von besonders inkonsequenter Argumentation durchzogen ist, ist der politische Nutzen vom weiblichen Geschlecht. Julia Klöckner, die rheinland-pfälzische CDU-Politikerin, der einen Imam bekanntermaßen den Handschlag verwehrt hat, hat die Art von Feminismus für sich entdeckt, die im Grunde nur auf dem Feindbild des Islam basiert. Paradoxerweise ist die CDU nicht unbedingt für progressive Genderpolitik bekannt, eher im Gegenteil. Quoten-Diskussionen und Alltagsdiskriminierung werden gerne als Mythos der wütenden, machtlosen Frau beiseitegelegt und in der Familienpolitik sollte am besten noch das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Modell fortbestehen, in dem die Mutter den Hauptteil der Erziehung bestimmt.

Nun gibt es allerdings ein neues Argument: Moslems (lies: Flüchtlinge) seien potenzielle Vergewaltiger und sehen die Frau nicht als gleichwertig an. Jenseits der Tatsache, dass pauschale Vergewaltigungsvorwürfe schwerwiegend und rassistisch sind, werden politische Machtkämpfe auf der Geschlechterfrage ausgetragen. Gender sei ein Mythos, erhöhtes Vergewaltigungspotenzial allerdings nicht? Irgendwas stimmt nicht mit der Konsequenz der Logik. Natürlich gab es Übergriffe, die man nicht kleinreden darf, aber die Politisierung des Arguments ist vor dem Hintergrund zu schwach, da in Deutschland jährlich etwa 8.000 Vergewaltigungen angezeigt werden und erst in diesem Jahr Mädchen in Gymnasien dazu aufgefordert wurden, sich weniger „aufreizend“ anzuziehen. Wie sah es denn in diesen Fällen mit Female Empowerment aus?

Überraschende Rückendeckung gibt es aus dem konträren Lager, den linken Alice-Schwarzer-Feministinnen, die eigentlich für sich selbst und ihr Thema stets Toleranz fordern. Sobald es allerdings um „nicht-integrierte“ Moslems geht, enden die Toleranz und der Glaube an die Lernfähigkeit sowie das Gute im Menschen. Es ist auch hier die opportunistische Forderung nach Offenheit (sofern sie dem eigenen Vorteil dient), die den Ruf der selbsternannten Feministinnen in den Dreck zieht. Als sei dies nich genug, wird vielmehr an der gängigen Opferrolle der Frau gedeichselt, da man „dem Mann“ weiterhin die Rolle des Unterdrückers zugesteht.

Wir sind uns nicht einig – und zu stolz es uns einzugestehen

Oft habe ich ältere Frauen sagen hören, wir jungen Dinger sollen uns mal zusammenreißen, weil wir so viele Möglichkeiten haben und der Weg von den vorherigen Generationen geebnet wurde. Im Kern sind wir Frauen allerdings ziemlich verwirrt – es geht uns weder so schlecht, wie manchmal dargestellt, noch so gut, wie erhofft. Das bringt mich wieder zu meinem Kumpel: er hatte erwähnt, wie schwer es sei, mit seinen männlichen Freunden über Schwäche und Druck zu reden, aber ist es unter Frauen besser? Ich befürchte nicht.

Cover: Creative Commons; Charles Tsevis