Wie ich eine WG suchte und einen Sklaven fand

Wie viele andere bin ich gegenwärtig auf der Suche nach einem gemütlichen WG-Zimmer in Berlin. Ich klappere Facebook-Gruppen ab, bitte meine Freunde um Hilfe und habe eine Suchfunktion bei wg-gesucht.de eingerichtet. Heute stieß ich auf ein unfassbar gutes Angebot – der Preis war in Ordnung, die Lage war bequem, eine vollkommen normale WG. Also tippte ich schnell eine nette Beschreibung von mir und hoffte auf eine prompte Rückmeldung. Diese kam tatsächlich wenig später, doch in einer etwas anderen Form als erwartet:

GeldsklaveZunächst dachte ich, es handle sich um ein sexuelles Angebot, aber dann ließ ich die gesamte Mail – im Original viel länger – langsam noch einmal durch. Herr X erklärte, dass er benutzt werden möchte und keine Intimität sucht, was auf mich noch kurioser wirkte. Es sei ihm egal, ob ich einen Freund hätte, er würde lediglich sein Geld und seine Arbeit auf Abruf zur Verfügung stellen.

Ein freiwilliger Sklave also. Darüber hinaus, dass dieses Vorgehen meinem Verständnis von Sklaverei widerspricht und ich Menschen als gleichwertig betrachten möchte, verstand ich die Machtstruktur in dieser Konstellation nicht. Wird nicht eine finanzielle Abhängigkeit von dem Sklaven geschaffen, wenn er die „Herrin“ bezahlt? Besagter Herr bot mir also auch an, meine Miete zu bezahlen, wenn ich dann eine WG gefunden hätte. Wäre er dann nicht eine Art Sugar Daddy? Ich erinnerte mich an eine Reportage über dieses Phänomen, das mir eine Kommilitonin diesen Sommer geschickt hatte – Frauen ließen sich von Männern finanzieren, ohne jegliche Gegenleistung, Sex ist ebenfalls ausgeschlossen (Reportage auf Englisch):

Ich war verwirrt – sind das Frauen, die sich einem Machtverhältnis beugen oder die selbstbestimmt wussten, wie sie andere für ihre Zwecke ausnahmen? Und was hatten diese Männer davon Frauen mit teuren Geschenken zu überhäufen? Meine Recherche ergab, dass es einen Geldsklaven-Fetisch tatsächlich gab, einschließlich dubioser Seiten, auf denen vermeintliche Herrinnen auf Angebote warteten. Das Verhältnis war klar: sie übte durch ihre Befehle und Wünsche macht aus, er war devot. Er bezeichnete sich als paypig.

Zugegeben – ich bin ein neugieriger Mensch. Ich löschte also die ominöse Antwort auf mein WG-Gesuch nicht, sondern fragte nach, worum es sich eigentlich handelte. Besagter Herr X erklärte mir, es ginge ihm darum Demut zu empfinden – er wollte gerne erniedrigt werden oder auf Abruf für Arbeitsdienste zur Verfügung stehen. Auch wenn der Gedanke amüsant ist, dass jemand meine Wohnung putzen würde, lehnte ich dankend ab. Ohne dass ich die Fetische anderer Menschen werten will, stank die ganze Situation gewaltig. Ein neues WG-Angebot ist auch in Berlin nicht binnen weniger Stunden schon vergeben und als ich den Mann googlete, stieß ich auf ein Facebook-Profil, das gerade zehn Stunden alt war. Ich schaute mich auf Berlins Wohnungsgruppen weiter um – ähnliche Angebote von Männern mit ebenfalls ganz frischem Facebook-Profil waren zu finden. Ein klarer Fake. Ich fragte nach diesen Beobachtungen nach – er schreckte zurück.

Ich konnte nachvollziehen, warum sich der Herr hinter diesen Anzeigen dafür entschieden hatte, sein wahres Ich zu verschleiern. Auch wenn wir gerne so tun, als seien wir progressiv und aufgeschlossen, schlucken oder schmunzeln die meisten bei solchen Vorlieben zunächst irritiert bis verächtlich. Rollenerwartungen und die Dichotomie zwischen „normal“ und „unnormal“ prägen unser Verständnis auf eine normative Art, wenn es um das menschliche Verhalten geht. Oder wie ging es euch bei dieser Geschichte?

Fazit: Wieder kein WG-Zimmer gefunden, aber dafür etwas Neues gelernt.

Foto: Creative Commons; Emdot

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