Auf die Freundschaft: warum ich mich um meinen besten Freund sorge

Das da neben mir auf dem Foto ist M. Er gehört zu meinen engsten Freunden, wir haben uns vor knapp fünf Jahren im Studentenwohnheim kennengelernt und seitdem wurde er wie ein Ersatzbruder für mich. Als mir das Herz gebrochen wurde, hat er sich mein dramatisches Rumgeheulte angehört. Als ihm dasselbe passiert ist, habe ich seine Frustration miterlebt – Freunde sind schließlich für einander da.

In letzter Zeit habe ich aber ein wenig Sorge um M., er ist nämlich aus Ägypten und Moslem. Ich weiß, dass er in der Vergangenheit schon Schwierigkeiten wegen seiner Herkunft hatte – Frauen reagieren skeptisch auf ihn, als würde er ihnen im Schlaf ein Tuch um den Kopf festschnallen wollen, in Clubs reinzukommen war eh immer schwieriger, obwohl alle anderen problemlos am Eingang passierten. „Zufällige Polizeikontrollen?“ – ratet mal, wer immer herhalten muss. Ich bestimmt nicht. Die Ausländerbehörde ist bei jeder Verlängerung seines Studentenvisums besonders sensibel, obwohl sie skeptisch-verwundert über die Tatsache ist, dass er fließend Deutsch spricht. Fangen wir auch nicht an, über die Wohnungssuche mit einem arabischen Nachnamen zu sprechen oder von den Rufen „Ey Achmed, hast du Drogen dabei?“

Diese Alltagsdiskriminierung ist an sich zwar schon belastend genug, aber ich befürchte, dass in Deutschland die Stimmung gegenüber Moslems in Anbetracht der Flüchtlingslage und der Anschläge in Paris weiter kippen wird. Ich habe oft genug in den sozialen Medien Kommentare gelesen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehören würde, die Kulturen viel zu unterschiedlich und Moslems gar notorische Vergewaltiger seien. Dann denke ich an M., der ein goldenes Herz hat, Frauen gegenüber wie ein Gentleman auftritt und bei dem ich wüsste, dass ich ihn auch um drei Uhr nachts anrufen könnte.

Ich werde wütend wenn ich mir vorstelle, wie er auf der Straße als „Kanake“ beschimpft wird, wenn man ihm das Gefühl gibt, er würde nicht dazu gehören oder noch schlimmer – wenn ihm jemand körperliche Gewalt auf Grund seiner Herkunft antun will. Ich möchte ihn beschützen, ich weiß nicht einmal konkret vor wem. Warum behandeln wir Moslems in Deutschland noch immer so, als seien sie ein Fremdkörper, mit dem man nie direkten Kontakt hatte? Warum denken wir immer noch in Dichotomien – an „wir“ und „die anderen“? Warum sind es so oft allein die Moslemräte, die sich äußern oder nur Politiker, die sich als Deutsche identifizieren und für die Deutschen sprechen anstatt gemeinsam einen Weg zu gehen? Vor allem – warum sprechen immer mehr Menschen, anderen die Menschlichkeit, die Rationalität, das Benehmen und die Zuneigung ab, weil ihre Religion der Islam ist?

Ich sehe wie die AfD sich profiliert – sie sagen, Fälle wie M. seien Ausnahmen. Sarrazins Reden hallen noch in meinen Ohren – ein Großteil der Moslems sei integrationsunwillig, sagte er. Ich wohne aber zur Zeit im Berliner Viertel Wedding (der Migrantenanteil liegt bei knapp 50%) und ich muss sagen, dass ich mich zu dem türkischen Verkäufer, der mir mein Falafelbrot mit extra Salat vollstopft viel verbundener fühle, als mit einer Frauke Petry oder einem Lutz Bachmann – sind sie nämlich nicht auch Hassprediger, die Stimmung gegen andere Kulturen machen wie die Islamisten, die sie fürchten? Dennoch liegt die AfD bei inzwischen 10,5%. Verdammt.

Ich möchte nicht, dass M. unter Generalverdacht gerät radikal zu sein oder mit islamistischen Ideen zu sympathisieren. Ich möchte, dass er wie ein gleichwertiger Mensch behandelt wird, genauso wie jeder, der ein Teil dieser Gesellschaft sein möchte. Ich wünsche mir, dass wir Geschichten der Freundschaft teilen anstatt der Angst, dass wir uns gegenseitig zuhören und für einander einstehen anstatt mit dem Finger zu zeigen oder vom Schlechtesten auszugehen. Es ist wirklich an der Zeit.

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