Wenn Träume platzen: und wie scheiterst du?

galaxies and hurricances; (CC BY-NC-ND 2.0)

Jeder kennt es: man möchte etwas erreichen, der Plan ist ausgefeilt, man fühlt sich zuversichtlich und geht seinen Weg siegessicher – und dann kommt alles anders. Der Traum ist geplatzt, das Ziel nicht erreicht und was bleibt ist Enttäuschung. Beim Traumjob, auf den man seit dem ersten Semester hingearbeitet hat, wird man abgelehnt, die Jugendliebe, mit der mein sein Leben verbringen wollte, ist inzwischen glücklich mit jemand anderem verheiratet oder wegen des Gesundheitszustandes lässt sich die exotische Reise in die Tropen nicht umsetzen. Egal in welchem Alter, wie viel Erfolg man hat oder um welches Thema es geht – die allermeisten kennen das Gefühl zu scheitern. Doch was passiert bei einem Fehlschlag und wie geht man damit um?

Keine Loblieder auf das Scheitern

In letzter Zeit beobachte ich die Beschönigung des Scheiterns – bei FuckUp-Nights erzählen beispielsweise Unternehmer von gescheiterten Projekten, Steve Jobs holpriger Karriereweg wird zum Vorbild für den Weg zum Erfolg benutzt, als sei es ein notwendiger Schritt auf die Klappe zu fallen, um am Ende doch zu siegen. Man dürfe einfach nicht aufgeben, müsse sich schlicht oft genug aufrappeln und dann käme man schon irgendwie ans Ziel. Die außerordentlichen Geschichten werden zum Symbol eines perfiden Perfektionismus – die vielen gescheiterten Existenzen und gebrochenen Persönlichkeiten bleiben unerwähnt. Was wir nämlich seit frühster Kindheit in der Schule lernen ist nämlich, dass jeder vermeintlich bedingungslos seines eigenen Glückes Schmied sei. Wer Fehler macht, ist nämlich dumm oder faul – so die Annahme. Scheitern ist peinlich, die Missgunst anderer belastend. Wer es allerdings schafft, kann sein Scheitern glorifizieren und davon schwadronieren, dass ein innerer Kompass einen am Ende zum richtigen Ziel geführt hat – „es war sowieso nicht das Richtige für mich“ oder „ich musste diese Lektion lernen, um über mich hinauszuwachsen“ heißt es dann.

Es fällt uns schwer zu sagen „ich lag falsch“. Die Autorin Kathryn Schulz beobachtete eine typische Rechtfertigungshaltung, wenn man sich irrt und selbst einen Fehler begeht. Im ersten Schritt denkt man, die anderen, die einem widersprechen seien einfach ignorant – sie hätten nicht dieselbe Information, um die eigene Meinung oder Leistung zu würdigen. Sollte dies allerdings der Fall sein, denkt man sich im zweiten Schritt, dass die anderen einfach Idioten sind. Wenn auch dies nicht zutrifft, greift man zum Abwehrmechanismus – Schritt drei – und sieht alle anderen als schlicht schlechte Menschen. Wenn die Beziehung zerbricht oder man keine Wertschätzung vom Chef bekommt, liegt es folglich natürlich nicht an einem selbst. Manchmal platzen Träume allerdings, weil man selbst einen falschen Weg einschlug.

Eine Balance zwischen realistischer Einschätzung und Mut

Zugegeben – es ist vieles dran, wenn behauptet wird, man müsse sich immer wieder aufraffen nach einem Fehlschlag. Allein schon für sein Wohlbefinden. Psychologen haben beobachtet, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten schlechter und Ziele unerreichbarer einschätzen nachdem ein Traum geplatzt ist. In solchen Momenten raten sie, auf die realistischen Optionen zurückzugreifen, die tatsächlich in der eigenen Kontrolle liegen. An diesem Punkt wird es kompliziert. Wir haben in unserer Gesellschaft nämlich den Glauben an eine höhere Macht verloren, die uns wie eine unsichtbare Hand wohlwollend oder auf Grund unserer Tugendhaftigkeit zum Glück führt. Da es allerdings so schwer ist zu akzeptieren, dass viele Dinge schlicht zufällig im Leben ablaufen, glauben wir an die menschliche Ambition als Garant für Erfolg. Ein Ersatzglaube. Wäre es allerdings tatsächlich so, wären viel mehr Menschen reich und erfolgreich. Wesentlich bleiben noch immer Herkunft, Umfeld und auch der Charakter.

Wenn man ein Ziel nicht erreicht, heißt folglich im Umkehrschluss, dass an einem selbst etwas nicht stimmen würde, also arbeitet man unermüdlich an sich selbst – am Wissen, den sozialen Skills, dem Aussehen und werden dabei töricht. Ein Freund von mir erzählte mir nachdem er beruflich und privat große Turbulenzen durchlebt hatte, dass er gelernt hätte, nur auf seine innere Stimme zu hören – er würde keine Fehler bei sich erkennen und sah sich im Recht. Offensichtlich war er es jedoch nicht. Er war bei einigen Investitionen zu waghalsig und beachtete seine Freundin nicht bis sie ging. Natürlich ist es wichtig, seine eigenen Prioritäten zu kennen und dazu zu stehen, aber jede seiner Handlungen vehement zu rechtfertigen birgt zwei große Gefahren: man wird beratungs- und lernresistent und verhält sich seinem Umfeld gegenüber rechthaberisch, herrisch und herablassend.

Fehlschläge sind nicht schön – aber auch nicht so besonders

Träume sind wichtig – sie inspirieren, beflügeln und zeigen, was alles in einem drin steckt. Träume sind eine mutigere Version der rationalen Alltagspläne, doch manche werden platzen. Das ist kein Wink des Schicksals und auch nicht immer eine Konsequenz der eigenen Unfähigkeit, sondern oftmals schlichtes Pech. Obwohl es wichtig ist, sich nicht hängen zu lassen, eröffnet solch ein Einschnitt die Freiheit sich umzuorientieren, seine eigene Meinung zu revidieren, neue Blickwinkel zu erlangen und neue Träume zu träumen anstatt borniert an einer Idee festzuhalten. Es bedarf sogar mehr Mut wieder ins kalte Wasser zu springen und mit etwas vollkommen Neuem zu beginnen, als nach einer Enttäuschung einfach auf demselben Weg weiterzugehen. Fehlschläge sind schmerzhaft, aber auch kein besonderes Ereignis, sondern lediglich großartige Geschichten, die man rückblickend erzählen kann.

Ich habe Freunde, die aus oben genannten Gründen sehr stolz sind auf ihre geplatzten Träume – sie lassen sich gut inszenieren, sodass man das eigene Ego am Ende doch bestärkt sieht. Andere vergraben sich in Selbstzweifeln und reflektieren, ab welchem Zeitpunkt sie eigentlich bereits falsch lagen obwohl sie sich sicher fühlten, um nicht dieselben Fehler zu wiederholen. Wie seht ihr das? Zelebrieren wir unser Scheitern heutzutage zu sehr? Müssten wir bescheidener oder lockerer mit unseren Fehlschlägen umgehen? Lohnt es sich immer, an Ideen festzuhalten oder ist es manchmal besser sich komplett umzuorientieren?