Freizeit: Zwischen Rausch und Selbstoptimierung

Lauren Rushing (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Deutschen arbeiten im Schnitt 41,5 Stunden pro Woche – knapp drei Stunden weniger als die Griechen, drei Stunden mehr als die Dänen. Das macht etwa ein Drittel des Tages aus, ein Drittel schläft man, ein Drittel ist „Freizeit“. Zieht man pendeln, essen und die alltäglichen kleinen Zeitfresser ab, schrumpft das effektive Zeitfenster für Freizeit merklich. Diese verbleibenden Momente möchte man im besten Fall gut nutzen, aber was heißt „gut“ und wie funktioniert das mit der Work-Life-Balance?

E-Mails nach Feierabend lesen oder den Abend feiern?

Die Frage danach wie Menschen ihre Freizeit am besten nutzen, ist so alt wie die Arbeit als solche. In meinem Umfeld beobachte ich allerdings zunehmend, dass die Grenzen zwischen Privatem oder der Arbeit verschwimmen, obwohl die Work-Life-Balance als wichtig gilt. Der Digitalverband Bitkom veröffentlichte eine Studie, nach der 72% der Berufstätigen im Urlaub Dienstanrufe, E-Mails oder Kurznachrichten beantworten und auch der Urlaub ist eher Mittel zum Zweck, um erholt effizienter zu sein. Ein Leben für die Arbeit, weil Arbeit auch Selbstverwirklichung bedeuten kann – so die Annahme.

Konsum- und Kapitalismuskritiker behaupten, dass sich im Leben alles nur noch darum dreht, sich dem Arbeits- und Wirtschaftssystem zu beugen. Man liest also besagte E-Mails, eignet sich neue Skills nach Feierabend an, schleift das Netzwerk. Warum? Weil man Angst hat als durchschnittliche Arbeitskraft ersetzt zu werden und wirtschaftlicher Erfolg Anerkennung bedeutet – das dachte sich bereits Karl Marx im 19. Jahrhundert. Die moderne Gesellschaft wiederholt also im Grunde nur das Verhalten der früheren Generationen. Auch neue Modelle wie flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice führen im Grunde ja nur dazu, dass Arbeit und Privatleben sich noch enger verzahnen. Man nimmt die Arbeit mit, schustert sie sich nach dem eigenen Rhythmus.

In diese Denkweise reihen sich auch exzessive Trainingsprogramme ein – wer seinen Körper stählt ist nämlich belastungsfähiger und sieht erfolgreich aus. Der dickbäuchige, rauchende Manager ist inzwischen nur noch ein veraltetes Bild, das man aus Filmen und Zeichentrickserien kennt. Die Freizeit wird dafür eingesetzt, um seine Chancen für Erfolg zu maximieren. Erfolg ist schließlich sexy und wer sexy ist, hat auch mehr Erfolg.

Natürlich trifft dieses Verhalten nicht auf alle Menschen zu. Es gibt auch eine Gruppe, die Karriere und berufliche Verwirklichung nicht als höchstes Gut betrachten, sondern eher als Mittel zum Zweck, um sich den eigenen Lebensstil leisten zu können. Ich habe Freunde, denen ihre Arbeit zwar Spaß macht, aber wenn Feierabend ist, wollen sie nichts mit ihren Aufgaben zu tun haben und tauchen nahezu in eine andere Welt. Kaum ist das Bürohemd gegen ein lässiges T-Shirt getauscht, beginnt der Feierabend, bzw. das Wochenende. Was dabei nicht fehlen darf: gute Freunde und Alkohol (oder andere Rauschmittel) in großen Mengen – egal, ob zu Haus, im Club oder der Kneipe.

Während ich mir manchmal die torkelnd-tanzenden Körper anschaue, versuche ich mir vorzustellen, wie sie nach dem Wochenende mit einem Kater und einem sozialen Jetlag wieder adrett in ihre Büros zurückschleichen. Vom Alltag abschalten, Feste feiern, Freunde treffen – das alles geschieht häufig nur mit Alkohol. Dabei ist es vollkommen egal, ob man in ein schickes Restaurant oder zu einem Familienfest geht – wir verbringen einen großen Teil unserer Freizeit damit uns selbst zu vergiften und auszukatern.

Das tun, was einem gut tut – aber was ist das?

Ob nun im Rausch, selbstoptimierend oder im Beisein der Familie – heute kann jeder die eigene Freizeit nach Belieben gestalten. Ich frage mich allerdings, ob man in der Regel zu wenig darüber nachdenkt, wie man dieses Zeitfenster nutzt, das im Kern die Möglichkeit bietet, dem nachzugehen, was uns wirklich gut tut und kostbare Momente zu erleben. Auch wenn berufliche Erfolge großartig sind – lohnt es, alles danach auszurichten? Und selbst wenn man im Privaten abschalten möchte – ist es am sinnvollsten dem Alltag komplett entfliehen zu wollen?

Auch wenn der Großteil sich wahrscheinlich irgendwo zwischen den beiden Extremen Rausch und totale Selbstoptimierung befindet, wundere ich mich, wie wenig echte Aufmerksamkeit und Bedacht der Freizeit geschenkt werden. Man macht einfach. Dabei sind es die freien Stunden, in denen man selbst die Freiheit hat zu entscheiden, wofür man seine Kapazitäten und Ressourcen einsetzen möchte – für die Liebe(n), ein Ehrenamt, eigene Interessen?

Ich frage mich, ob ich mir meine Freizeit als letzten authentischen „Alice-Raum“ beibehalten soll, in dem nichts durchgetaktet ist, in dem ich spontan entscheiden kann, ob ich weiterschlafen will oder stattdessen in den Park gehe oder ob ich die Gelegenheiten, die sich auch nach Feierabend bieten, beim Schopf packen soll. „Mach wonach dir ist“ klingt inzwischen so kurz gegriffen. Was meint ihr? Wie geht ihr mit eurer Freizeit um? Nutzt ihr den Feierabend aktiv als Balancepunkt zur Arbeit oder lasst ihr die Dinge auf euch zukommen?

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