Wo seid ihr, ihr Work-Life-Balance-Helden?

Silvia Sala (CC BY-NC-ND 2.0)

Seit meinem Studium habe ich immer häufiger von „Work-Life-Balance“ gehört und gelesen – diesem neuen Drang vor allem junger Arbeitnehmer, die nicht mehr alles für die Arbeit aufgeben, sondern einen wesentlichen Teil ihrer Zeit für da private Vergnügen und die Familie aufbringen möchten. Die Arbeit hingegen soll nicht mehr nur dafür da sein, Geld zu verdienen, sondern sie soll auch mit Sinn und Erfüllung verbunden sein. Angeblich hätten auch Arbeitgeber inzwischen diesen Trend erkannt und stetig die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten angepasst.

Erfüllende Arbeit, individuelle Arbeitsbedingungen und Zeit für das Privatleben – das klingt nach einer Kombination, die glückliche Menschen und produktive, insprierte Mitarbeiter wie am Fließband schaffen sollte. Darum geht es schließlich im Kern – um ein Glückskonzept, das voraussetzt, dass Menschen sowohl eine Beschäftigung, als auch ein stabiles soziales Leben benötigen. Ich frage mich nur – wo sind diese ganzen glücklichen Menschen mit dem großartigen Lebensstil?

Ein unrealistischer Trend?

Von Work-Life-Balance zu sprechen, ist gerade so angesagt wie noch nie. Workshops zum Thema sprießen wie Pilze aus dem Boden, bei Amazon gibt es über 3100 Bücher zu finden – meistens Ratgeber. Auch der Blick in die Google Trends zeigt, dass immer mehr Leute nach „Work-Life-Balance“ wortwörtlich suchen.

Unbenannt
Google Trends: Häufigkeit der Suche nach „Work-Life-Balance“ seit 2004

Dass ich daran zweifle, dass Menschen tatsächlich diese Idee verinnerlicht haben, habe ich bereits zuvor beschrieben. Einerseits sehe ich genug Menschen, die Geld aus unterschiedlichen Gründen als größte Motivation für ihr Berufsleben betrachten und dafür auch hart malochen, andererseits scheint auch diese vermeintliche Traumkombination nicht der Weg zum Glück zu sein. Diejenigen, die entweder als Freiberufler arbeiten oder dank freundlicher Führungspersönlichkeiten mehr Zeit für ihr Privatleben haben, beklagen limitierte finanzielle Erfolge oder Unsicherheit. Diejenigen, die finanzielle Sicherheit und erfolgsversprechende Karriereperspektiven zu haben scheinen, wirken wie in einem Korsett aus Pflichten und Routine gefangen zu sein. Nichtsdestotrotz ist dieses Idealbild da, das suggeriert man könne alles haben – wenn man nur die gute Work-Life-Balance findet.

Wie das nun einmal mit Idealbildern ist, besteht natürlich auch in diesem Fall die Gefahr, sich selbst Druck und Schuld aufzubürden, falls man es doch nicht schafft, die perfekten Bedingungen zu erreichen. Damit hat man am Ende nichts gewonnen. Was hilfreiche wäre, wären echte Alltagsbeispiele, an denen man sich orientieren kann – und damit meine ich keine Ausnahmeautoren, die um die Welt reisen und damit gerade genug Geld verdienen, um ihre Kosten zu decken, es aber so darstellen, als hätten sie den dicken Fang gemacht. Nein, ich rede von normalen Menschen, die wie der Großteil der Arbeitnehmer in ihrem Betrieb jeden Tag sitzen, ihre Pflichten abarbeiten, nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden und nach Feierabend Zeit für Freunde, den Partner oder die Familie haben möchten.

Ist Bescheidenheit der Schlüssel zum Glück?

Heißt Work-Life-Balance vielleicht einfach nicht, dass man alles haben kann, sondern besser mit seinen Kompromissen und Entscheidungen umgehen kann? Ist es in Ordnung, sich langsamer beruflich und finanziell zu entwickeln, wenn man dafür das Aufwachsen der eigenen Kinder miterleben kann, anstatt bis nachts im Büro zu sitzen? Und welche Rolle spielt Geld in diesem Zusammenhang überhaupt noch? Vielleicht ist es gerade diese Bescheidenheit, die dazu führt, dass man so selten von zufriedenen Menschen den Satz „ich bin glücklich“ hört – sie wollen vielleicht keinen Neid provozieren oder ihren Mitmenschen ein schlechtes Gefühl geben und genießen ihr Glück in aller Stille.

Aber gerade die kleinen Alltagsgeschichten sind es, mit denen man seinem Umfeld Orientierung bieten kann, sonst hätten die unzähligen Ratgeber und Workshops eine himmelhoch jauchzende Gesellschaft erschaffen – das Gegenteil beobachte ich allerdings. Ich wünsche mir, echte positive Geschichten zu hören, um zu sehen, dass es wirklich funktionieren kann. Man verliert nämlich nicht sein gewonnenes Glück, wenn man teilt, wie man es erlangt hat.

 

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