Was würdest du tun, wenn dein Einkommen gesichert wäre?

Es klingt utopisch – alle Menschen bekommen ein festes Gehalt unabhängig von ihrer Tätigkeit, damit ihre Existenz gesichert wird. Was abstrakt und unrealistisch klingt, wird in der Schweiz am 5. Juni zur Abstimmung freigegeben. Dort entscheiden die Bürger über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE), das jedem Erwachsenen 2.300€ und jedem Kind 570€ gewähren soll. Auch wenn der bisherige Trend allem Anschein nach gegen das BGE ist, lohnt sich ein kleines Gedankenexperiment jenseits der Frage nach der Finanzierbarkeit, um zu erkennen, welchen Wert Arbeit hat und was uns eigentlich Sinn gibt.

Was treibt Menschen an?

Es gibt eine Reihe spannender Fragen, die man sich in Bezug auf das bedingungslose Grundeinkommen stellen kann: Angenommen niemand müsste sich mehr Sorgen um seinen Unterhalt machen, wie würde die Gesellschaft sich verwandeln? Wie verändern sich Menschen ohne Geldsorgen? Gäbe es mehr Menschen, die freien, künstlerischen und kreativen Aufgaben folgen würden – mehr Autoren, Fotografen, Filmemacher oder Philosophen? Wären Menschen weniger gierig? Wer würde unangenehme Arbeit ausrichten, wie volle Müllcontainer im Sommer ausleeren? Wer würde sich die Mühe machen, um innovativ zu sein? Welchen Effekt hätte das BGE auf die Produktivität eines Landes und die Effizienz von Unternehmen? Würden alle nur faulenzen?

Die meisten Fragen kann man nicht beantworten ohne dieses Modell ausprobiert zu haben, aber es gibt bereits wissenschaftliche Hinweise zu dem, welche Rolle Geld spielt. Eine wesentliche Erkenntnis zuerst: Geld motiviert, es gibt jedoch eine große Einschränkung: Geld führt zu besserer Leistung bei körperlicher Arbeit und simplen Aufgaben, bei denen es um die schlichte Ausführung geht und das Ziel klar erkennbar ist. Sobald es um kognitiv herausfordernde Aufgaben geht, bei denen Kreativität, Spontanität und komplexes Denken gefragt sind, tritt dieser Effekt nicht auf. Der Druck zu „performen“ kann sogar eine gegenteiliges Ergebnis herbeiführen.

Was allerdings wesentlich ist, dass man Menschen so hoch vergütet, dass sie sich nicht mehr Gedanken um das Geld machen müssen und ihre Energie und Konzentration schlicht auf die Arbeit richten können. Tatsächlich sind ein gewisses Maß an Selbstständigkeit bei der Arbeit, der Entwicklung von eigener Expertise und Fortschritt sowie das Gefühl, einen sinnvollen Beitrag leisten zu können, viel stärkere Treiber. Bei der Arbeit Sinn und Zweck zu empfinden fördert wiederum Innovation. Die britische Royal Society for the encouragement of Arts, Manufactures and Commerce hat diese Erkenntnisse in einem Video visuell veranschaulicht (Englisch):

Eine fairere Gesellschaft?

„Geld verdirbt den Charakter“ – so heißt es im Volksmund. Tatsächlich gibt es einige Hinweise, die darauf hindeuten. Es geht aber nicht direkt um das Geld als solches, sondern um das Machtgefühl und Prestige, die damit einhergehen. Je mächtiger sich ein Mensch fühlt, umso gieriger, geiziger und selbstgerechter wird er, wenn man die Ergebnisse einiger psychologischer Experimente betrachtet. Auch sei die Bereitschaft zu spenden unter Top-Verdienern geringer als unter Normalverdienern. Der Sozialpsychologe hat die Ergebnisse diverser Studien zum Thema in einem TED-Talk zusammengefasst (Englisch):

Wäre die Armut durch ein BGE beseitigt, wie würde das diejenigen beeinflussen, die sich sozial abgehängt fühlen und Angst um ihre Existenz haben? Die logische Folgerung für mich wäre, dass soziale Gräben sich schließen, indem man Menschen das Gefühl von Würde und Wertschätzung zurückgibt, das ihnen Armut raubt. Besonders wichtig ist, dass sich auch die gesundheitlichen Unterschiede ausgleichen würden, denn in Deutschland leben reiche Männer im Schnitt ganze 11 Jahre länger als arme Männer – unabhängig von ihrer Bildung. Der Unterschied bei Frauen liegt bei acht Jahren. Die Befürchtung, dass ein Großteil der Arbeitnehmer sich für ein faules Leben entschließen würde, ist meiner Ansicht nach unzutreffend – das Gehirn mag keinen Stillstand und braucht Beschäftigung und neue Erfahrungen.

Alte Ideen für eine bessere Zukunft

Die Idee des BGE ist nicht neu und wurde bereits im Kleinen in den 1970-ern in Kanada mit positiven Ergebnissen ausgetestet. Auch im niederländischen Utrecht wurde modellhaft ein BGE für Sozialhilfeempfänger eingeführt, auch in Finnland plant man ähnliche Tests und erneut ist das Thema in Kanada aufgekommen. Auch wenn die Finanzierbarkeit das stärkste und beängstigendste Argument gegen das BGE zu sein scheint, sind die Zukunftsperspektiven auch nicht rosig, wenn die aktuellen Arbeitsbedingungen konsequent fortgeführt werden: Digitalisierung und Automatisierung werden einen bedeutenden Teil der Arbeitsplätze auslöschen, die digitale Erziehung und Ausbildung geht so langsam von Statten, dass es zu wenige Experten gibt, um neue Branchen zu füllen. Ideen dafür, wie man diesen Veränderungen begegnet, gibt es genug und warum nicht einfach auch Elemente und Vorteile des BGE bedenken, wenn man die Zukunft gestaltet?