Schlaf dich hoch!

Whatsheart (CC BY-ND 2.0)

Arianna Huffington, eine der mächtigsten und erfolgreichsten Frauen der Welt hat ein neues Motto: „Sleep your way to the top“ oder auch „Schlaf dich hoch“. Die Journalistin und Mitbegründerin der Huffington Post meint damit aber keine schlüpfrigen Affären mit Vorgesetzen, sondern fordert in ihrem aktuellen Buch „The Sleep Revolution“ schlicht mehr Schlaf im Berufsalltag. Ihr Credo: nur wer ausgeschlafen ist, wird langfristig erfolgreich sein und überzeugen. Mit der grundsätzlichen Idee hat sie tatsächlich Recht – aber ist es so einfach?

Schlafmangel als moderner Wettbewerb

Wer war länger beschäftigt? Wer ist später ins Bett gegangen? Wer ist am frühsten aufgestanden? Das sind Fragen, die niemand direkt ausspricht, aber in manchen Branchen herrscht ein wahres Kräftemessen wenn es um Schlafentzug geht. Ob CEO oder ambitionierter Mitarbeiter – häufig habe ich gehört, wie erfolgreiche Menschen im Gespräch mit ihrem stressigen Lebensalltag kokettieren: „Ich habe 12 Stunden gearbeitet, danach war ich noch auf einer Cocktail-Party bis in die Morgenstunden und um 6 musste ich dann auch schon wieder raus, um ein wenig Sport zu machen, bevor ich die Kinder in die Schule bringe und dann zum Kundentermin gefahren bin – ganz schön stressig.“ Was dezent in einer Klage verpackt ist, ist eine Form des Eigenlobs, denn erfolgreiche Menschen schlafen nicht – sie arbeiten, sie networken, sie planen, sie optimieren sich selbst. So die verbreitete Meinung. Schlafmangel als Messlatte des Erfolgs.

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Autorin Arianna Huffington; C2 Montréal (CC BY 2.0)

Huffington hat selbst lange, schlaflose Nächte verbracht. Dann wachte sie 2007 in einer Blutlache auf – sie war vor Erschöpfung eingeschlafen und brach sich beim Fall einige Gesichtsknochen. Dieses Ereignis war der Beginn ihrer Schlafmission. Die Millionärin warnt inzwischen, dass US-Unternehmen über 60 Milliarden Dollar Verlust jährlich aufgrund mangelnder Produktivität einbüßen – der häufigste Grund ist, dass die Mitarbeiter müde sind. Ferner kritisierte sie übermüdete CEOs – ihre Entscheidungsfähigkeit leide massiv, wenn sie unausgeschlafen sind. Wer viel schläft, sei nicht faul, sondern würde verantwortungsbewusst die eigene Produktivität wiederherstellen.

Ein merkliches Schlafdefizit schwächt die Gehirnleistung tatsächlich ähnlich wie Alkoholkonsum. Besonders spannend ist, dass in wissenschaftlichen Tests beobachtet wurde, dass Menschen mit Schlafdefizit umso unethischer handeln und entscheiden, je weniger sie geschlafen haben. In den USA schlafen 40% der Manager weniger als sechs Stunden pro Nacht mit der Folge, dass sie leicht reizbar, unkonzentriert und eben auch „gemein“ werden können – keine gute Voraussetzung für verantwortungsbewusste Entscheidungen. Nicht nur in Bezug auf Konzentration, sondern auch auf Gewichtszunahme, Lebenszufriedenheit und bestimmte Erkrankungen wie Alzheimer gibt es Korrelationen mit Schlafmangel. Um die permanente Müdigkeit zu überbrücken, greifen zunehmen mehr Menschen zu (gesundheitsschädlichen) Aufputschmitteln – vor einigen Jahren galt Ritalin als Geheimtipp unter Studenten, inzwischen verbreitet sich Cristal Meth rasant.

„FOMO“ und der soziale Druck

Huffington schreibt in ihrem Buch über die Erfahrung mit dem neuen Hype-Phänomen „FOMO“  – fear of missing out (deutsch: Angst etwas zu verpassen). Diese Befürchtung manifestiert sich in dem intensiven Nutzen von Smartphones, Tablets und Laptops im Bett. Der Blick auf das Smartphone ist häufig der letzte vor dem Einschlafen – die Informationsflut, Nachrichten von Freunden und E-Mails regen das Gehirn an und ein Druck bei allem mitmachen zu müssen, baut sich auf. Sei es, um die Freunde nicht im Stich zu lassen oder für die Business-Partner die beste Performance zu erreichen – das Gefühl ständig auf Abruf für etwas bereit sein zu müssen, stört die Entspannung und fördert Schlafstörungen. Die Journalistin plädiert dafür alle Geräte, die einen Kontakt zur Außenwelt ermöglichen, aus dem Bett zu verbannen.

Manchmal geht es aber nicht anders – wenn das Baby nachts schreit, so will man es versorgen, wenn alte Freunde einmalig zu Besuch kommen, wird der Abend sehr lang, wenn ein Projekt kurzfristig geändert werden muss, spart man am Schlaf. Der Versuch, eine Work-Life-Balance herzustellen und dabei noch ein gesundes Maß zu erreichen, scheitert kläglich. Kurioserweise hat Huffington die Erkenntnis, dass Schlaf wichtig ist, erst gewonnen, nachdem sie bereits auf der Karriereleiter ganz oben war. Nichtsdestotrotz betont sie wiederholt, dass nur ein ausgeschlafener und somit kreativer und konzentrierter Kopf langfristig im Job überzeugen kann. Ob sie die HuffPo jedoch auch mit weniger Stress hätte aufbauen? Was glaubt ihr? Lohnt sich der Schlafmangel? Fühlt ihr euch selbst oft unausgeschlafen? Ich bin auf eure Antworten gespannt.