Kein Verständnis fürs Scheitern!

Flickr (CC BY-NC 2.0)

Google ist mein Freund, wenn ich sehen will, worüber Menschen reden. Wenn ich das Wort „Erfolg“ eingebe, zeigt mir die Suchmaschine über 84 Millionen Treffer. Gebe ich allerdings „Scheitern“ ein, sind es lediglich 7,7 Millionen Hits – wir reden und schreiben also mehr als zehn Mal so häufig über Erfolg – vor allem im Beruf und in der Liebe – als über das Scheitern. Eigentlich komisch, wenn doch eher die negativen Erfahrungen in der Regel überwiegen und es sinnvoll wäre, sich damit auseinanderzusetzen, anstatt nach Ratgebern und geheimnisvollen Wegen zum Erfolg fanatisch zu suchen. Eigentlich.

Scheitern im Arbeitsleben: Missgunst und mangelnde Fehlertoleranz

Seitdem ich in Berlin wohne, ist die Gründerszene ein unvermeidbares Element in meinem Alltag geworden. Freunde gründen ihr eigenes Ding, andere sind längst in ihrer Branche etabliert. Menschen machen sich seit jeher selbstständig, früher hat man es nur nicht Start-Up genannt und damit ging auch nicht diese lifestylige Kultur einher, die diese leger gekleideten Jung-CEOs umgibt. Was ich lange sehr kurios fand ist die Forderung nach einer „Kultur des Scheiterns“ nach US-amerikanischem Vorbild, nach der man sich nach Tiefschlägen erholen und rehabilitieren kann. Lucas Gerrits, einer meiner engsten und meist geschätzten Freude, widmet sich in seiner Masterarbeit dem Thema und er erklärte mir kürzlich, wie stark die Intoleranz für Misserfolge besonders in Berlin im Vergleich zu anderen Gründerstädten sei. Die dichten Netzwerke in der Gründerszene begünstigen allerdings den Schutz vor Missgunst und Ächtung, wenn ein Geschäftsmodell nicht aufgeht. Es seien nämlich hauptsächlich Selbstständige, die Verständnis für Misserfolge aufbringen.

Mir war nicht klar, warum bei Fuck-Up-Nights gescheiterte Unternehmer ihre Fehler so zur Schau stellen, sollte es doch das mindeste sein, jemandem trotz seiner Niederlagen Respekt und Anstand entgegenzubringen. Weit gefehlt. Die Universität Hohenheim untersuchte wie Scheitern wahrgenommen wird und siehe da – allgemein werde Fehler von 80% als notwendige Schritte auf dem Weg zum Erfolg betrachtet, dies ändert sich jedoch, sobald es um unternehmerische Niederlagen geht. Lediglich die Hälfte der Befragten sieht dies als etwas Positives an. Diese Skepsis führt zu Angst vor Risiken: 42% würden kein Unternehmen gründen, wenn die Gefahr zum Scheitern bestünde. Frauen bewerten Fehlschläge zudem strenger als Männer, aber es sind vor allem Menschen mit gutem Gehalt, die toleranter gegenüber dem Scheitern sind. Besonders fällt dies in der Gruppe der Befragten aus, die mehr als 5.000€ pro Monat verdienen, was zu meiner Beobachtung passt, dass gerade diejenigen behaupten, dass Geld nicht alles sei, die bereits abgesichert sind.

Fortune Global Forum  (CC BY-NC 2.0); Karl-Theodor zu Guttenberg im November 2015
Fortune Global Forum (CC BY-NC 2.0); Karl-Theodor zu Guttenberg im November 2015

An beruflichem Erfolg hängt schließlich nicht nur das Einkommen, sondern auch Prestige. Psychologen sehen besonders bei gescheiterten Unternehmern, die sehr erfolgreich waren und dann tief gefallen sind, ähnliche Verhaltens- und Denkmuster wie bei Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben. Je mehr ich darüber nachdenke, wundert es mich umso weniger. Beruflicher Erfolg wird mit Glücklichsein und einem guten Leben gleichgesetzt – nur die besten scheinen dies vermeintlich zu erreichen. Gleichzeitig wird massiver Druck auf einflussreiche Menschen ausgeübt. Wenn man sich die süffisanten Artikel und Kommentare vor Augen hält, die Führungspersonen oder auch Politiker aufs schärfste für Fehler angreifen, zeugt es von einer unmenschlichen Genugtuung des Publikums sie am Boden zu sehen. Erinnert sich noch jemand daran, wie der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff oder der ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nach der Plagiatsaffäre medial zerfleischt wurden? Es war ein verbales, boshaftes Gemetzel, auch wenn es richtig war, dass beide Politiker Konsequenzen aus ihren falschen Entscheidungen ziehen mussten. [Edit: Ich wurde gerade darauf angesprochen und betone es, weil es missverständlich klingt: Ich will keinen Betrug rechtfertigen, er gehört gestraft. Lediglich möchte ich auf Schadenfreude und Missgunst hinweisen, die häufig sind, wenn eine erfolgreiche Person tief fällt.]

Scheitern im Privatleben: Stigma und Schadenfreude

Es ist kaum vermeidbar, dass diese Einstellung sich nicht auch auf das Privatleben auswirkt. Unabhängig davon, ob Single oder vergeben – es wird erwartet jede Situation glorreich zu zelebrieren. Du bist Single und fühlst dich einsam? Reiß dich zusammen und genieß‘ die Freiheit! Deine Beziehung ist von Konflikten getränkt und zermartert dich? Sei glücklich, dass dich überhaupt jemand liebt! Und vor allem: arbeite daran, dass es gut läuft. Egal, wie viele Zitronen dir das Leben schenkt, mach süße Limonade daraus oder öffne die Flasche Tequila und trink einen großen Schluck!

Und dennoch: es sind gerade die pikanten Geschichten über Untreue und Unglück, die am Frühstückstisch in WGs, beim Abendessen mit dem Partner oder an der Kaffeemaschine im Büro mit Schadenfreude breitgetreten werden, weil sie einem beweisen, dass die eigenen heimlichen Dramen relativ normal sind. Genau deswegen gehen unglückliche Paare lieber zum Therapeuten oder suchen einen Seitensprung, anstatt sich ihren Freunden anzuvertrauen, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben oder sich in der Horizontalen nichts mehr regt. Genau aus demselben Grund kaufen sich vermeintlich glückliche Singles Ratgeber darüber, wie man als Single glücklich sein kann, anstatt vor anderen einzugestehen, dass das Bett zwar bequemer, aber kälter ist, wenn man allein darin liegt.

Das Ergebnis: Roboterartige Selbstoptimierer

In den vergangenen fünf Jahren habe ich etwa ein Dutzend Menschen aus meinem Bekanntenkreis gesehen, die eine psychologische Therapie wegen ernsten Beschwerden in Anspruch genommen haben, obwohl sie nach außen hin die zufriedene Maske des perfekten Lebens tragen konnten. Mütter, die das Gefühl haben zu versagen, Studenten, die befürchten, nie gut genug zu sein, erfolgsverwöhnte Überflieger, die emotional abgestumpft sind und aus ihrem Leben insgeheim keinen Erfolg mehr schöpfen können. Der Druck erfolgreich und glücklich zu sein, raubt den Raum für Selbstreflexion, für die kathartische Melancholie und für Neuanfänge nach dem Scheitern.

Es ist also kein Wunder, dass der Trend der Selbstoptimierung nicht abebbt und man krampfhaft versucht, die Risse in der eigenen Fassade zu kaschieren. Was allerdings wirklich mutig wäre, ist in schwierigen Momenten zu sagen „Es läuft gerade richtig scheiße!“ anstatt sich in die nächste berufliche oder persönliche Versuchung zu stürzen. Das jedoch wird nicht geschehen, wenn Spott und Hohn von allen Seiten lauern, obwohl ausnahmslos alle Menschen mit ihren eigenen Dämonen beschäftigt sind und irgendwann Mist bauen. Deswegen bin ich inzwischen auch zu dem Schluss gekommen, dass wir eine Kultur des Scheiterns brauchen – sowohl in beruflicher, als auch in privater Hinsicht brauchen.

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