Sei mein Mentor!

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„Wie verhandle ich Gehälter? Welche Fortbildungen sind sinnvoll in meiner Branche? Wie entkomme ich den befristeten Verträgen? Wie schreibe ich einen Businessplan? Wie setze ich mich als Frau in klassischen Männerbranchen durch? Wie kann ich Familie und Beruf vereinbaren?“ Es gibt eine Reihe von Fragen, die man sich an verschiedenen Punkten seines Berufslebens stellt und jemanden bräuchte, der wertvolle Tipps gibt, selbst in einer ähnlichen Situation war und einen ermutigt – einen Mentor! In Deutschland haben wir allerdings keine ausgeprägte Mentoring-Kultur wie in den USA, dabei wird es immer wichtiger, solche Beziehungen zu etablieren, um nicht im nächsten Kurzzeitvertrag zu landen oder schlicht seine beruflichen Ziele zu erreichen.

Mentoren sind so wichtig wie noch nie zuvor!

Mein Umfeld ist voll von jungen Menschen, die Bock auf eine Karriere haben, aber keine Ahnung haben, wie sie es anstellen – niemand konnte ihnen bisher erklären, wie man den beruflichen Aufstieg schafft. Binsenweisheiten wie „Hättest du mal IT studiert“ helfen nicht. Betrachten wir kurz die modernen Strukturen der Ausbildungs- und Erwerbswelt: wir haben immer mehr Menschen mit einem Studienabschluss, einen gestiegenen Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und veränderte Sektoren – Industrie macht einen zunehmend geringeren Teil aus, während die Dienstleistungs- und IT-Branche wachsen. Gleichzeitig haben sich neue Berufe entwickelt, die es vor 30 Jahren noch nicht gab. Was bedeutet das? Immer weniger junge Menschen können auf die Ratschläge ihrer Eltern oder Großeltern zurückgreifen, wenn es um die berufliche Weiterentwicklung geht.

Zwar können familiäre Netzwerke und ein finanzieller Puffer entscheidend sein, um sich mit mehr Ruhe und Besonnenheit nach dem passenden Karriereweg umzuschauen, aber in zunehmend kundenorientierten Berufen, bei denen soziale Kodizes – also Verhaltensweisen, Sprachgebrauch und informelles Wissen – eine Rolle spielen, braucht es mehr als das, um berufliche Sicherheit zu schaffen. Stellenausschreibungen werden häufig nur pro forma veröffentlicht – wer zuvor über sein Netzwerk Bescheid wusste, ist klar im Vorteil und für den jeweiligen Posten inoffiziell designiert.

Dies stellt besonders Berufseinsteiger vor eine Herausforderung, die einen Abschluss im Bereich der Geistes- oder Sozialwissenschaften erlangt haben. Im Wintersemester 2016/2017 haben nahezu die Hälfte der Studienanfänger ein Fach aus diesem Bereich gewählt, da die Prämisse, mit der Universitäten für Studienabschlüsse werben, sowieso stets lautet: ihr kommt sowieso gut unter! Das möchte man grundsätzlich auch meinen – wir leben schließlich in einem Land, das sich in den vergangenen Jahren wirtschaftlich überraschend stabil entwickelt hat. Trotz guter Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt stagniert das Armutsrisiko und nach wie vor spielt der familiäre Hintergrund eine entscheidende Rolle beim Berufsweg. Das liegt mit Sicherheit an der unbeholfenen Art derjenigen, die sich erst durch den Morast ihrer Branche kämpfen müssen und sich lediglich auf eigene Erfahrungswerte verlassen können, anstatt auf ein robustes Netzwerk, das gute Tipps geben kann.

Es sind jedoch nicht nur Erstakademiker oder Menschen mit Migrationshintergrund, deren Eltern den hiesigen Arbeitsmarkt schlechter einschätzen können, die Mentoren brauchen. Auch Selbstständige oder junge Familien, die Familie und Beruf balancieren möchten, müssen Herausforderungen bewältigen, die mit gutgemeinten Hinweisen sicherlich leichter zu stemmen sind. Es gibt an jedem Punkt der Karriere eine Vielzahl von Entscheidungen, die für die spätere Karriere prägend sein werden und es handelt sich dabei gewiss nicht nur um die Anfangsphasen.

Der soziale Aufstieg ist mittlerweile ein harter Kampf

Schlechte Kurzzeitverträge, fehlende Sicherheiten und Perspektiven, stagnierende Gehälter – das ist Teil der Lebensrealität vieler Menschen. Zugebenen, einiges davon ist selbstgeschaffen – wem Flexibilität und Freiheit wichtiger sind, der geht auch bewusst Risiken ein. Aber gerade für diejenigen, die an dem Punkt stehen, sich ein Eigenheim kaufen zu wollen oder eine Familie zu gründen, bedarf es einen harten Sparplan – um unter Umständen am Ende sowieso zu scheitern.

Ja, das Paradigma, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und mit Mühe, Leidenschaft und rationalen Entscheidungen unfassbar erfolgreich und reich werden kann, hat sich mittlerweile in die Köpfe der Jungen und Alten eingebrannt. Und wer ist nicht schafft, ist selbst schuld. Der Gedanke ist so tief verwurzelt, dass viele aus Stolz vergessen, um Hilfe zu bitten, andere aus Selbstgefälligkeit keine Unterstützung mehr anbieten – man habe es doch schließlich selbst auch vollkommen alleine geschafft. Allerdings schafft es kaum jemand vollkommen alleine, erfolgreich zu werden – man vergisst nur seine kleinen Helfer schnell. Die klassisch bürgerliche Denkweise, dass sozial und finanziell starke Menschen anderen die Hand reichen, um die Gesellschaft zu stärken, scheint auf zwischenmenschlicher Ebene abzunehmen.

Wie findet man bei solchen Voraussetzungen einen Mentor? Sich auf den Zufall verlassen und gute Beziehung zu einem älteren Kollegen aufbauen oder gezielt nach erfahrenen Entscheidern suchen, die aus ihrer Perspektive berichten können? Wird man Teil eines formalen Mentoren-Netzwerkes? Manche großen Unternehmen haben interne Austauschprogramme, von denen junge Arbeitnehmer profitieren, aber für den Rest gibt es keinen Standardweg, wie man zum Mentor kommt. Man muss seinen Mentor ja nicht einmal als solchen bezeichnen, aber sich vergegenwärtigen, dass man früher oder später von einer guten Beziehung zu einem erfahrenen Kollegen derselben Branche profitieren kann. So weit die Theorie.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, wie man einen Mentor am besten findet. Ich beobachte jedoch verstärkt junge Leute mit Potenzial, die schlicht orientierungslos sind, weil sich ihre Arbeitswelt so stark von derer ihrer Eltern unterscheidet, dass sie jahrelang damit verschwenden, den richtigen Dreh zu finden, um sich gut weiterzuentwickeln. Ich sehe, dass diejenigen, die Rückendeckung und die passenden sozialen Kodizes von zu Hause oder durch erfahrene Freunde erhalten, ihre berufliche Entwicklung besser navigieren können. Eigentlich ist dies auch eine Frage der Generationengerechtigkeit – erfahrene, wohlhabende Ältere reichen den jüngeren die Hand, damit diese wiederum die Sozialkassen füllen. Es sollte eigentlich eine Win-Win-Situation sein, die jenseits der Familiennetzwerke reicht. Da Arbeitnehmer allerdings häufig übermütig sind und Entscheider in ihren eigenen Sphären schweben, läuft es allerdings nur darauf hinaus, dass die wirtschaftlichen Eliten sich lediglich untereinander reproduzieren, da sie natürliche Berührungspunkte haben. Dass diese einseitigen Netzwerke einen wachsenden Anteil der Gesellschaft in mittelmäßigen Berufsverhältnissen zurücklassen, wird gerne in Kauf genommen – es sei schließlich der normale Lauf der Dinge, oder?