Meinem früheren Studenten-Ich würde ich am liebsten eine klatschen!

Isabell Winter (CC 0)

Vor vier Jahren war ich kurz davor mein Masterstudium anzutreten. Ich hatte im letzten Bachelorsemester ein Praktikum bei einer politischen Stiftung in Sofia abgeschlossen und ein wenig Zeit in Bosnien und Herzegowina im Zuge meister Bachelorarbeit verbracht, davor absolvierte ich ein Austauschsemester in Madrid. Mir war danach klar, dass ich Internationale Beziehungen studieren wollte – am liebsten im Ausland, denn den Umgang mit anderen Sichtweisen und Mentalitäten lernt man nicht aus Büchern kennen, sondern durch die Praxis. Dann bekam ich die Zusage für einen Auslandsmaster in Polen und Dänemark – das Leben war aufregend! Hell, yeah!

Bereits heute amüsiert, empört und nervt mich mein früheres Ich. Auch bin ich neidisch auf diese ehemalige Version von mir selbst, weil sie sich vor allem durch eine optimistische Leichtigkeit und Überschwänglichkeit auszeichnete. Die Welt liegt mir zu Füßen. Ach, war das schön! Und dazu noch die Partys, Praktika, spontanen Reisen und Seminardiskussionen innerhalb eines diskursiv-eloquenten Elfenbeinturms! Ich trauere meinem Studentenleben in manchen Momenten noch immer hinterher, bis mir auffällt, wie viel davon Quatsch war, wenn man bedenkt, dass das Studium eigentlich auch berufsqualifizierend sein sollte. Aber egal – Strawberry Fields Forever!

Natürlich hatte man neben der Vorlesungszeit Praktika absolviert und war ehrenamtlich oder nebenberuflich tätig, aber ein Gefühl von dem, was sich nach dem Abschluss einstellt, hatte kaum jemand. Dass Intellektualität und gute Noten nichts mit beruflichem Erfolg zu tun haben, dass der Anspruch die Gesellschaft zum Besseren zu verändern kaum jemanden in der freien Wirtschaft interessiert oder dass Hierarchien und verkalkte Strukturen in öffentlichen Institutionen und Großkonzernen zu einem Problem werden können, weiß man nicht. Der Moment, in dem diese Blasen zerplatzen, tun ganz schön weh. Es war eine gemütliche Naivität, die sich in Wachstumsschmerz verwandelte, sobald man sich der Realität stellen muss und begreift, wie rar wirklich gute Jobs in Deutschland gesät sind. Und wie viel sich um Geld, Einfluss und Aufstieg dreht – ob man mag oder nicht. Wer einen Hauch von Idealismus noch bewahren kann, stellt fest, wie viel Mühe und Zeit dieser in Anspruch nimmt.

Durchaus hätte man sich besser auf das Berufsleben einstellen können, anstatt schöngeistige oder sozialwissenschaftliche Disziplinen zu studieren. „Kind, lern‘ was Anständiges!“ – aber BWL schien leider immer wie ein praktischer Ausbildungsberuf, der aus Versehen an Universitäten unterrichtet wird und meist keinen intellektuellen Unterbau benötigt. Mit der Bologna-Reform dachte man ja eh, dass der Bachelor das akademische Äquivalent zur Ausbildung werden würde. Welch trottelige Annahme. Leider lernt man im Bachelor weder Selbstständigkeit, noch tiefes Fachwissen – man musste schließlich sehr viel auswendig lernen. Weil sich nach dieser Erfahrung viele Studierende – richtigerweise – nicht für das Berufsleben geeignet fühlen und Arbeitgeber einen Masterabschluss erwarten, um die Bewerberflut zu reduzieren.

Der Master wiederum, der wissenschaftsqualifizierend sein soll, bietet kaum einen praktischen Bezug, macht dafür wegen der Tiefe der Diskussionen und Schwerpunkte mehr Spaß. Ich erinnere mich, wie gern ich mich damals mit Theorien über globale Wertschöpfungsketten beschäftigt habe – ein nettes Nischenthema. Bei mir lief die Integration in das Berufsleben dennoch irgendwie glatt – viele andere waren monatelang arbeitslos oder an Schrott-Arbeitsverträge gebunden. Ich frage mich daher, was anders hätte laufen können. Hätte man sich in Universitätsgremien mehr Praxisbezug einfordern müssen oder hätte das den Anspruch an die akademische Arbeit weiter ausgehöhlt? Sind Praxissemester sinnvoll und wenn ja – warum werden sie nicht häufiger an Universitäten vorausgesetzt? Warum kommen Ausbildungen immer seltener in Frage?

Dass die akademische Ausbildung durch die Bologna-Reform einen nachhaltigen Schaden davongetragen hat, führte dazu, dass ich nicht allein mit meiner Einstellung war – nichts können, alles wollen! Aus heutiger Sicht hatten meine Kommilitonen und ich vermessene Vorstellungen vom Arbeitsleben und balancierten zwischen Selbstausbeute für unbezahlte Praktika und schlechten Bewerbungen für Jobs jenseits ihres Erfahrungsspektrums. Man könnte sich selbst für so viel fehlende Vorbereitung ohrfeigen und sich wünschen, man wäre wachgerüttelt worden – aber dann wäre die Studienzeit mit Sicherheit nur halb so lustig gewesen!

Vielleicht ist dieses Gefühl, dass man früher trottelig war im Grunde ein gutes und solides Zeichen für Lernerfolge und Erfahrungen, die man seitdem gesammelt hat. Die Belustigung über die eigene Unwissenheit schließt ja eine Veränderung von der Vergangenheit ein – und das hat etwas sehr beruhigendes! Mittlerweile wundere ich mich nämlich darüber, weshalb ich je in einer kleinen UNO-Organisation arbeiten wollte – damals wusste ich nicht, wie sehr ich Dynamik und flache Hierarchien schätze und dass die UNO eher ineffizient, träge und verkalt ist. Neue Träume traten an die Stelle der alten – nichts ist verloren. Ich rechne eigentlich mittlerweile sogar fest damit, dass sich mein 40-jähriges Ich über mein gegenwärtiges End-20-er-Ich lustig machen wird. Liebe Grüße in die Zukunft!