Pop & Politik 2: Donald Trump & Country

Als Donald Trump im vergangenen Jahr die US-Präsidentschaftswahl gewann, waren viele ratlos woher die Zustimmung für diesen vulgären, populistischen Mann gekommen war. Gerade in den USA – dem Land, das den Aufstiegsmythos des „American Dream“ zur Säule der Kultur erkoren hat und im Bankenwesen und bei der digitalen Innovation anderen Ländern den Rang abläuft – sollten nicht brachiale Egomonster politisch imponieren, so zumindest die Annahme. Wenn man allerdings einen Blick in die US-Popkultur, speziell Country-Songs, wirft, wird schnell klar, dass viele Amerikaner nicht den American Dream, sondern den Kampf um ihre Identität erlebten – vor allem die Arbeiterschicht. Um die Kränkung durch den Verlust der gesellschaftlichen Stellung zu illustrieren, habe ich mir bezeichnende Passagen aus Country-Songs ausgesucht.

Worum geht’s?

Wenn man Musik als Ausdruck des Zeitgeistes begreifen möchte, dann findet man neben den gewohnt kitschigen, sehnsuchtstriefenden Balladen auch eine Reihe von Liedern über christliche Arbeitsethik, Armut und die blue collar worker – den Arbeitern im Blaumann als Symbol für die fleißigen Beschäftigten in der Industrie, die dem popkulturellen Mythos nach die USA aufgebaut haben. Zwischen den späten 1950-ern und den 1990-ern gab es immer wieder Lieder, die das Leben der Arbeiter und derer Familien thematisiert haben.

Ein Beispiel dafür ist das Lied „Coal Miner’s Daughter“ (1970) der Country-Ikone Loretta Lynn. Sie war eine der erfolgreichsten Interpretinnen des Genres in den 60-ern und 70-ern und hat 2004 ein Album mit White-Stripes-Frontman Jack White aufgenommen. In besagtem Song singt sie über ihre Erinnerungen als Tochter eines Kumpels im Steinkohlebergbau mit sieben Geschwistern, Armut und harter Arbeit der ganzen Familie. Ihr Vater habe in der Van Lear Mine (Kentucky) gearbeitet, die zwischen 1910 und 1946 in Betrieb war, doch bereits 1970 sang Lynn davon, dass nach der Schließung der Mine nichts mehr in der Gegend übrig geblieben sei.

Ungefähr aus derselben Zeit stammt „Workin‘ Man’s Blues“ von Merle Haggard, der mit einer Liedzeile einen treffenden Punkt macht:

I ain’t never been on welfare, that’s one place I won’t be, cause I’ll be working long as my two hands are fit to use

Sozialhilfe als persönliche Bankrotterklärung an die eigene Arbeitsleistung ist ein Narrativ, welches man gut aus der US-amerikanischen Politik kennt. Arbeit bedeutet gesellschaftliche Integration und Wertschätzung und wenn man diese verliert, verliert man einen Teil seiner Identität.

Auch im Lied „40 Hours Week“ (1985) von Alabama drückt aus, wie wichtig Arbeitsmoral ist:

There are people in this country who work hard every day, not for fame or fortune do they strive but the fruits of their labor are worth more than their pay

Ja, wieder das bekannte Muster: der ideelle Wert der Arbeit ist viel wichtiger als materielle Dinge.

Was ist daran politisch?

Man kann davon ausgehen, dass diese Geschichten auf realen Erfahrungen basieren und heute auch noch anwendbar sind – der Kohlebergbau oder die Automobilindustrie haben tatsächlich in den vergangenen Jahrzehnten massiv gelitten. Das Thema ist weiterhin brisant und kein Echo aus einer romantisierten Country-Vergangenheit. Zwischen 2011 und 2016 gingen 30% der bestehenden Kohlekraftwerke vom Netz – das traf natürlich auch die Beschäftigten. Die wirtschaftliche Entwicklung ist bekannt, aber was zumeist fehlt, ist die kulturelle Komponente.

Im Journalismus wird gerne über Kennzahlen und die wirtschaftlichen Flaggschiffe berichtet, jedoch nicht, was Menschen treibt und beeinflusst. Wahrscheinlich kann man sowieso nicht nachempfinden wie es US-Amerikanern geht, aber man kann sich in seinen Analysen nähern. Auch das was ich schreibe, ist lediglich eine Annäherung. Tatsächlich hat die Mehrheit der politischen Kommentatoren in puncto kulturelles Verständnis versagt. Dabei ist es bedeutend, dass 70% der US-Amerikaner sich als Christen identifizieren, die Mehrheit davon protestantischer Natur mit teils moderaten, teils konservativen Ausprägungen. Wie auch in Europa ist das protestantische Weltbild von harter Arbeit getrieben – Gott mag es nicht, wenn man faul ist, Gott belohnt diejenigen, die schuften. Wie tief die Bibeltreue in den USA geht, ist für mich nicht nachzuempfinden, aber sie bleibt ein prägender Bestandteil der Kultur.

Als Donald Trump seine düstere Vision der USA im Vorwahlkampf zeichnete und von desaströsen Verhältnissen sprach, gab es viele, die sagten, dass er die Dinge endlich beim Namen nennen würde – „he tells it like it is„. Was aus europäischer Sicht überholt und dramatisch wirkt, spiegelt sich jedoch in den Erfahrungen und dem Generationenwissen jener Schicht der Amerikaner, die aus Arbeiterfamilien stammen und im Konflikt mit ihrer Identität und dem Platz in ihrer Gesellschaft stehen. Zudem ist die white collar Arbeit, also die von Beschäftigten in Büro-Jobs, nicht mit demselben Ethos verbunden, im Gegenteil. Während des Wahlkampfes war viel Groll gegen die „Sesselfurzer“ der Wallstreet, der Politikinstitutionen und der Führungsebenen in Unternehmen gerichtet. Ein Bild sah ich dabei immer wieder:

ac22314d9ec329df57893e628016e3a6--country-men-country-life

Auch wenn es den USA insgesamt betrachtet nicht so schlecht geht, wie Trump es bis heute beschreibt, versteht er die Kultur und die Eigenwahrnehmung der Arbeiterschicht aufzugreifen, denn die Wahrnehmung wird zur eigenen Realität. Trotz einer bisher sehr chaotischen Amtszeit unterstützen ihn den Gallup-Befragungen nach knapp 40% der Amerikaner.

Offenbar brodelte seit Jahrzehnten nicht nur der Frust über die Arbeitslosigkeit, sondern die Wut darüber, dass Arbeitern gegenüber keine Wertschätzung aufgebracht wurde und dass für sie nicht nachvollziehbare Entscheidungen von Managern getroffen wurden, Werke und Minen zu schließen. Trump greift diese Resignation auf, er suggeriert als würde er den Arbeitern ihre Würde und Stellung in der Gesellschaft zurückgeben wollen und als könne er Arbeit schaffenn, die ihnen ihre Identität wiedergibt.

Im Grund geht es um identity politics – ein Bereich, dem sich eigentlich die Demokraten hätten widmen müssen. Eigentlich ist es sogar erstaunlich, dass die Sorgen der weißen Arbeiterschicht nicht auch als identity politics betrachtet wurde, da ein großer Teil des Wahlkampfes darauf ausgerichtet war. Die Schwere und Resignation, die in Liedern besungen werden, können nicht in wirtschaftlichen Indikatoren abgebildet werden – die Kultur ändert sich indes trotzdem. Nachdem die Demokraten sich jedoch für die Identitäten und Rechte von ethnischen, religiösen und sexuellen Minderheiten stark machten, haben sie vergessen, dass es dem durchschnittlichen Arbeiter nicht nur um Geld und einen bloßen Job geht – Arbeit ist seine Identität und der Zugang zur Gesellschaft. Als dies über Jahre missachtet blieb, war die logische Konsequenz nur, dass die Wähler den Demokraten den Rücken kehrten.

 

Es ist Sommer und Zeit für leichtere und abwechslungsreichere Kost – auch beim Lesen. Deswegen habe ich mich entschieden, in den kommenden Wochen in der Sommerreihe „Pop & Politik“ meine beiden Leidenschaften für Popkultur und gesellschaftspolitische Themen zu verbinden.

Teil 1: Feminismus & „The Handmaid’s Tale“