Weniger Lebenszeit für Arbeiter:innen – sollten sie früher in Rente?

Was passiert in den letzten Jahren des Lebens? Für die meisten Menschen heißt es ab einem bestimmten Zeitpunkt: Zeit für die Rente. Manche nutzen die Zeit zum Reisen, andere verbringen Zeit mit der Familie oder widmen sich Hobbies und Ehrenämtern. Doch wer wie viel Zeit für die Rentenzeit hat, hängt merklich vom Beschäftigungsstatus ab: Arbeiter:innen sterben früher als Beamt:innen.

Eine neue Studie bestätigt Unterschiede in der Lebenszeit

Laut übereinstimmenden Medienberichten hat eine Studie des Deutschen Wirtschaftsinstituts (DIW) im Auftrag des Sozialverbands VdK herausgefunden, dass es Unterschiede in der Lebensdauer je nach Beschäftigungsstatus gibt. Das Forschungsteam hat sich angeschaut wie viele Jahre ab dem Rentenalter von 65 übrig bleiben. Bei Männern ist der Unterschied gravierend: Beamte leben beim Renteneintritt im Schnitt noch 21,5 Jahre, Selbstständige und Angestellte 19 Jahre, Arbeiter hingegen 15,9 Jahre. Der Unterschied in der Lebenserwartung liegt bei über fünf Jahren! Bei Frauen ist die Differenz ein klein wenig geringer: Zwischen Beamtinnen und Arbeiterinnen klafft eine Lücke in der Lebenserwartung von drei Jahren.

Zwar ist die Studie noch nicht veröffentlicht und Erklärungen sind somit nicht direkt abzuleiten, jedoch reiht sich dieses Ergebnis in eine Erhebung des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2019 ein. Menschen, die unter hoher Belastung gearbeitet haben, haben ein kürzeres Leben. Jobs mit geringer körperlicher Belastung gehen dabei oft mit höheren Gehältern einher. Die IAQ-Studie zeigte, dass die Menschen aus der obersten Einkommensschicht die längste Lebenserwartung aufweisen.

Die Forschung sieht Unterschiede nach Berufsgruppen. Bergbauarbeiter sollen demnach lediglich eine Lebenserwartung von elf Jahren bei einem Renteneintrittsalter von 65 haben. Auch wenn sie in den letzten Jahren ihrer Erwerbsbiografie nicht körperlich schwer gearbeitet haben, so scheint sich die Dauerbelastung früherer Jahre langfristig zu rächen.

Es ist keine Überraschung, dass körperlich schwer arbeitende Menschen gesundheitliche Probleme bekommen. Wer viel hebt – ob in der Pflege oder auf dem Bau – bekommt nicht selten Schmerzen in den Gelenken oder erleidet einen Bandscheibenvorfall. Zusätzlich ist bekannt, dass Nachtarbeit gesundheitsschädlich sein kann. Experten gehen davon aus, dass wer langfristig nachts arbeitet, sein Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf- sowie Magen-Darm-Erkrankungen erhöht. In Deutschland arbeiten etwa 3,5 Millionen Menschen hauptsächlich nachts.

Allerdings ist nicht nur die Belastung auf der Arbeit ein Faktor, der zur Korrelation mit der kürzeren Lebenserwartung einhergeht. Man weiß, dass Arbeiter:innen häufiger rauchen als Beamt:innen und dass das Risiko für Adipositas mit einem niedrigen Bildungsabschluss korreliert.

Viele Faktoren haben einen Einfluss auf die Lebenserwartung. Man kann Korrelationen beobachten, aber nicht den einen entscheidenden Aspekt für die Kausalität herausstellen. Nichtsdestotrotz geht es um das Ergebnis: Menschen in bestimmten Berufsgruppen sterben statistisch früher.

Politische Lösungen müssen Gesundheit, Alter und Demographie beachten

Mit Studien zur Lebensqualität und der Lebenserwartung wird eine politische Debatte um die Zukunft der Rente drängender. Der DGB fordert, dass es keine Erhöhung des Rentenalters gibt. Man strebt flexible Regelungen Rentenübergang an. Das ehemalige DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte 2019:

„Jene, die ein höheres Rentenalter fordern, nehmen damit neue Ungerechtigkeiten in Kauf, denn wer früher stirbt, bekommt auch eine kürzere Zeit Rente. Damit wäre gerade für diejenigen, die in ihrem Arbeitsleben eine hohe Belastung zu verkraften hatten, ein höheres Rentenalter nichts anderes als ein Rentenkürzungsprogramm.“

Ein Beratergremium der Bundesregierung hatte ein Vorschlag ins Spiel gebracht, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu knüpfen.

Die FDP hingegen wirbt damit, das Rentensystem umfänglich reformieren und mehr Flexibilität durch eine Aktienrente ermöglichen zu wollen.

Unabhängig davon, welche Parteien die kommende Bundesregierung stellen werden, alle müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Rente gerecht, finanzierbar und für künftige Generationen nachhaltig gestaltet werden kann. Der demographische Wandel gekoppelt mit dem Fachkräftemangel müssen dabei genauso in Betracht gezogen werden, wie die Fakten, dass bestimmte Berufsgruppen früher sterben. Dabei spielen sowohl die körperliche, als auch die mentale Belastung eine Rolle. Es ist eine Mammutaufgabe, die mehr Sichtbarkeit erfordert. 

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