Heute hier, morgen dort

Vor einem Jahr saßen Eric und ich in einer Bonner Kneipe. Ich war gerade dabei meinen Umzug aus Polen nach Dänemark zu planen und er fragte mich, ob ich bei meinem Vagabundenleben auf der Suche nach etwas sei – eine Frage, die mir danach sehr oft durch den Kopf ging. Erics Leben ist genau das Gegenteil von meinem: er promoviert in Potsdam zum Thema „Big Data und der digitale Ungehorsam“ und lebt mit seiner Freundin zusammen, während ich seit drei Jahren ständig zwischen Tür und Angel stehe. Nun haben wir unsere Gedanken zu der Frage, wo man sein Glück findet verschriftlich und dabei etwas Neues ausprobiert: Erics Beitrag findet ihr im Folgenden, meine Sicht auf die Dinge gibt es auf www.ericmuelling.de zu lesen.

Meine gute Freundin Alice reist quer von Land zu Land und von Stadt zu Stadt. Vor einem Jahr saßen wir in einer Kneipe in Bonn. Sie berichtete mir von ihren neuesten Reiseplänen. „Wonach suchst du eigentlich?“, platzte es aus mir heraus. Eine wilde Diskussion entfesselte sich. Ein paar Monate später stand ich selbst am Flughafen (ich besuchte für ein paar Tage die Ewige Stadt). Am Gate fiel mir eine junge Frau auf, die sich merkwürdig benahm. Als Alice ein Jahr später, einen Beitrag über die Suche nach dem Glück und die Lust am Reisen erfragte, fiel mir die junge Frau am Gate 3 erneut ein:

Die Prägung auf dem braunen Leder erregt ihre Aufmerksamkeit. Die neuen Narben auf der Tierhaut formen ein kleines Flugzeug. Sie streicht über diese Nähte, um gleich davon abzulassen und die Reisetasche auf dem Laufband zu platzieren. Sie stellt ihren linken Fuß quer, vollführt eine Drehung und geht zielsicher zum nächsten Café. Aus einer Vielzahl an exotischen Sorten und Formen wählt sie aus, bestellt, bekommt ihren Kaffee und setzt sich danach auf einen nicht allzu bequemen Stuhl. Nur eine kurze Pause, dann wird es weitergehen. Der Milchschaum des doppelt gebrühten Kaffees fällt schnell in sich zusammen. Alles eine Frage der Konsistenz. Die Gedanken vermischen sich zu einem Brei aus alten Eindrücken. Ein Airbus startet. Ein Zweiter rollt auf die Startbahn.

Die Lust sich an der großen Suche zu beteiligen ist groß, gleich der Suche nach Herausforderungen und wilden Versprechungen – okkupierte Verpflichtungen. Wann das alles angefangen hat? Sie weiß es nicht mehr. Sie weiß, wo sie heute Abend sein wird. Sie weiß, in welchem Land sie in drei Monaten ist. Sie weiß, dass sie keine Zeit hat, ihre gesammelten Eindrücke zu sortieren. Keines ihrer gemachten Fotos wird ausgedruckt und abgeheftet. Sie werden gespeichert und vorsortiert. Für wen? Das weiß keiner.

Sie sieht den Taschen auf dem Laufband hinterher. Das Leben verpackt und festgezurrt zwischen Kofferdeckeln. Ein alter Song kommt ihr in den Sinn. Sie summt leise: „Heute hier, morgen dort“. Die Stimmung verfestigt sich. Kopfschmerzen und sie reibt sich beständig die Schläfen. Ein großer Menschenhaufen schiebt sich von links nach rechts. Die Gesichter bleiben neblig. Genau wie die Erinnerungen an die letzten Reisen. Sie beginnen stets zu verblassen, sobald die Fahrwerke im Bauch des abhebenden Flugzeugs verschwinden. Zurückbleibt nur überschüssiges Kerosin und aufgewirbelte Luft.

Unzählbar sind die Bekanntschaften und endlos die gehörten Geschichten. Ihr fällt auf, dass die gespielten Dramen stets die Gleichen sind, lediglich der Schauplatz ändert sich konstant. Die Angst, das Leben zu verpassen, manifestiert sich. Es war die gleiche Angst, die sie bewog, das Fremde zu suchen. Sie bekommt den Song nicht aus dem Kopf und spricht die zweite Liedzeile: „Bin kaum da, muss ich fort“. Der Flug wird durchgesagt. Sie stellt den Kaffeebecher zur Seite, ist froh darüber, nicht länger untätig dazusitzen und macht sich auf, das Flugzeug zu erreichen. Sie kennt den Weg. Ist ihn viele Male bereits gegangen. Die Abwicklung am Gate geht zügig voran. Sie zögert. Ein zackiges „Ticket, please!“ ertönt. Sie schaut den Steward an. Sie stellt ihren linken Fuß quer, vollführt eine Drehung und geht. Aus der Jackentasche kramt sie weiße Kopfhörer. Es kommt bereits Musik: „Manchmal träume ich schwer und dann denk ich, es wär Zeit zu bleiben und nun was ganz anderes zu tun.“ (von Eric Makswitat)

Artikel: „Das Glück liegt in der Ferne“ (von Alice Greschkow)
Foto: von Roland Bollinger / pixelio.de