Wir sind nicht unpolitisch! Ein Pläydoyer gegen die studentische Passivität

Die Schlagzeile ging durch die deutschen Medien – deutsche Studierende seien zunehmend unpolitischer und selbstbezogener einer neuer Studie nach, die vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veröffentlicht wurde. Die FAZ titelte über die „Generation Privatleben“, der Spiegel höhnte „Hauptfach Egoismus“. Bildungsministerin Wanka zeigte sich akut besorgt über die scheinbare Passivität der Studierenden, die Kritik an der Kritik folgte prompt von der Süddeutschen – zu ignorant sei es, die Studienrealität zu unterschätzen, die erst durch die Einführung der Bologna-Reform so sehr in das Korsett des Effizienzdenkens gedrängt worden sei.

Konsequenzen der Passivität – das ewige Hamsterrad

Studierende gaben in der Vergangenheit die hohe Belastung im Studium und den Leistungsdruck an, weniger politisch aktiv zu sein. Man könnte nun fragen, was zunächst kam – die Henne oder das Ei? Oder anders formuliert: Führt der Stress durch die Studienstrukturen zu mehr Leistungsdenken oder führt das Leistungsdenken zu mehr (sozialem) Stress, sein Studium gut abzuschließen und Praktika aneinanderzureihen? Die Wahrheit liegt sicherlich irgendwo zwischen den Antwortmöglichkeiten.

Wesentlicher ist die Frage, welche Konsequenzen aus dem fehlenden Engagement wachsen. Frei nach dem Motto „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, könnte man meinen, dass die Fixierung auf die eigenen Karrierewünsche und die Verwirklichung des privaten Glücks, kein schlechter Preis für das politische Desinteresse sei, aber so einfach ist es nicht.

Vor zwei Jahren veröffentlichte das Marktforschungsinstitut „rheingold salon“ die Studie „Die Unfähigkeit zu genießen – Die Deutschen und der Genuss“, aus der hervorging, dass es gar nicht so gut, um Zufriedenheit und Genuss im Alltag junger Menschen steht. Priorisierung der Arbeit und das Denkmuster, man bräuchte erst die Legitimierung durch erbrachte Leistung um sich etwas gönnen zu dürfen, klingt nicht danach, dass die Fixierung auf die persönlichen Wünsche unbedingt auch zu mehr Genuss führt.

Was passiert, wenn man dies einfach so hinnimmt? Genau – nichts! Man dreht sich weiter im Hamsterrad aus Leistungsdruck, ohne die Energie oder Zeit aufbringen zu können/wollen, die eigene Umwelt angenehmer gestalten zu wollen. Es könnte mit kleinen Dingen beginnen, wie der ehrenamtlichen Arbeit im Heimatverein bis hin zu Engagement in Kirchen, Parteien, NGOs oder Studierendenvertretungen. Die ausgeprägte deutsche Vereinskultur bietet genug Möglichkeiten, um an den Stellschrauben der Gesellschaft theoretisch drehen zu können – allerdings wird der idealistische Kampf für die Verbesserung der Umgebung nicht gefochten, wenn man zu besorgt ist, dass die Noten den Berufseinstieg erschweren. Bewegungen und Protest kennzeichneten schon immer den Abschnitt des Studiums, die Ziele variierten, mal waren es bescheidene Wünsche, dann wieder größere revolutionäre Gedanken, doch stets waren sie von Visionen für eine positive Veränderung geprägt. Welcher Verlust wäre es, wenn dies wegfiele und man sich auch schon in jungen Jahren seinem Schicksal einfach so hingeben würde.

Eine andere Lesart – wir sind nicht unpolitisch!

Ich habe mich gefragt, ob es wahr sein kann – sind wir zu einer unpolitischen und passiven Generation von Studierenden geworden? Wenn ich an mein erstes Studiensemester in Münster zurückdenke, erinnere ich mich an Sitzblockaden des größten Kreisverkehrs in der Innenstadt oder der Besetzung des Audimax, um die Abschaffung der Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen zu fordern (die auch eintrat). Ich erinnere mich an Plakate an allen Universitätsgebäuden für die Wahl des Studierendenparlaments und an Kommilitoninnen und Kommilitonen, die begeistert waren von den Möglichkeiten in Initiativen und NGOs aktiv zu werden – sei es für ein nachhaltigeren Lebensstil durch bedachtes Konsumverhalten oder Spendenaktionen für Entwicklungsländer.

Ein Blick in die Studie des BMBF (hier abrufbar), in der die politische Ausrichtung nur einen kleinen Abschnitt einnimmt, zeigt, dass es im Grunde gar nicht so schlimm ist, wie medial betrachtet. Fakt ist, dass noch nie so viele Studierende angegeben haben, dass Politik ihnen unwichtig sei (28%), allerdings behaupten 71% insgesamt, dass ihnen Politik „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ sei (1998 waren es 72%, die in diesen beiden Kategorien dachten – kein signifikanter Unterschied). Eben die Grauzone „eher wichtig“ darf man nicht missachten, die Studie schlüsselt nämlich nicht auf, was diese persönliche und subjektive Einschätzung genau bedeutet. Eine Tendenz ist zwar erkennbar, dass mehr Menschen sich von der Politik abwenden, aber die Behauptung, dass nur noch weniger als ein Drittel der Studierenden politisch Interessiert sei, ist überspitzt.

Studiensituation und studentische Orientierungen 12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen, Seite 59.
Studiensituation und
studentische Orientierungen
12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen, Seite 59.

Was auch in den Medien angemerkt wurde, ist die Identifikation im links-rechts-Spektrum. Während klassischerweise Studierende sich in einem sozialdemokratisch-grünen Wertekonzept gesehen haben, ist diese Bekennung zu diesen traditionellen politischen Linien geringer geworden – gleichzeitig ist aber die Unterstützung zu rechts-konservativen Gesinnungen nicht gestiegen. Lediglich die eigene Zuordnung zu diesen Ideen ist schwächer geworden – 1993 konnten sich noch 91% der Studierenden in das klassische links-rechts-Spektrum einordnen, heute sind es nur noch 70%. Was mit den übrigen 30% passiert, wird auch nicht klar. Es heißt nicht, dass diejenigen auch die Politikverdrossenen sind, die angaben, dass ihnen Politik unwichtig sei, es besteht auch die Möglichkeit, dass Interessierte sich den traditionellen Politikkonzepten nicht unterordnen wollen oder parteipolitisch eingefärbte Kategorien kritisch betrachten.

Studiensituation und studentische Orientierungen 12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen, Seite 63.
Studiensituation und
studentische Orientierungen
12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen, Seite 63.

Eine allgemeine Politikverdrossenheit der Studierenden zu attestieren, ist nicht richtig. Das Politikverständnis, aber auch die Wertevorstellungen der jungen Generation haben sich verändert. Während viele noch klassisch politisches Engagement ausschließlich mit Parteien verbinden, sind es eben auch die sozialen Freiwilligenprojekte oder regionalen Umweltinitiativen, die einen politischen Charakter im bürgerlichen Sinn haben. Auch wenn sie nicht effektiv sind, sind Maßnahmen in sozialen Netzwerken populär – Portale wie Change.org oder Avaaz.org adressieren hauptsächlich eine junge Zielgruppe. Politik ist nicht für alle irrelevant, man begegnet ihr nur anders.
Selbst wenn die Studierenden nicht mit den Parteien konform gehen, heißt es nicht, dass wir die Generation seien, die rein egoistisch ist, laut Studie geben nämlich 52% an trotz allem im Beruf nützliches für die Allgemeinheit tun zu wollen (Seite 55).

Link zur Studie „Studiensituation und studentische Orientierungen12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen“: http://www.bmbf.de/pub/12._Studierendensurvey_barrierefrei.pdf

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