Der Staat ist nicht dein Therapeut

Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat hat sich verändert. Der Fokus ist zunehmend von Themen wie Infrastruktur, der gesundheitlichen und schulischen Versorgung und wirtschaftlichen Impulsen gewichen und hat um Betroffenheit und Anerkennung von Bürgern gekümmert. Diese Psychologisierung der Politik hat jedoch nicht nur gute Seiten.

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama galoppiert in seinem aktuellen Buch „Identitiy“ durch die Geschichte der Identitätspolitik in Philosophie und Gesellschaft – von der Antike, über die Aufklärung bis zur Moderne durchquert er grundlegende Stationen, die unser Verständnis als Bürger sowie unser Verhältnis zum Staat geprägt haben. Fast beiläufig beschreibt er dabei, wie Interessen von Teilgruppen zunehmend wichtiger wurden.

Am Beispiel der USA erklärt er, wie der Kampf um die Stärkung von Frauen, religiösen und ethnischen Minderheiten, Homosexuellen und Transgendern in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass eindeutig diskriminierende Gesetzeslücken endlich geschlossen wurden. Dass beispielsweise Arbeit, Schutz vor Gewalt, und der Zugang zur Ausbildung allen Menschen gleichermaßen offenstehen, war lange keine Selbstverständlichkeit. Die Freiheiten und Privilegien gebührten in den USA vorranging weißen Männern, die Land besaßen. Im 20. Jahrhundert änderte sich dies glücklicherweise.

Die Bedeutung dieser Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte, ist kaum zu bemessen – es ist ein Meilenstein gewesen, dass Respekt, Freiheit und Gerechtigkeit allen Menschen gleichermaßen gebühren sollen. Die Aufgabe des Staates war es dabei vorrangig, Gesetze so zu verändern, dass keine Diskriminierung mehr stattfand – er schuf die Rahmenbedingungen. Wie man diese Rahmenbedingungen füllte, war jedem Bürger selbst überlassen.

Getrieben vom Geist der Anerkennung, durchliefen die USA in den 1980-ern eine Phase der Psychologisierung der Politik. Verantwortlich dafür war der kalifornische Politiker John ‚Vasco‘ Vasconcellos. Er war der Auffassung, dass Selbstbewusstsein der Schlüssel zu den allermeisten gesellschaftlichen und sozialen Problemen sei – Aggression, Verbrechen, Depressionen seien Symptome eines schwachen Selbstbewusstseins. Würde man dieses dagegen kultivieren, wären die Leute mutiger berufliche Herausforderungen anzunehmen, wären stressresistenter und friedlicher.

Vasconcellos setzte eine wissenschaftliche Kommission ein, um seine Überzeugung zu überprüfen, für welche er bis zu diesem Zeitpunkt belächelt wurde. Die Kommission stellte fest, dass es keine belastbaren Beweise gibt, dass ein gesteigertes Selbstbewusstsein zu besserem gesellschaftlichem und sozialem Verhalten führen würde. Vielmehr bestand die Befürchtung, dass ein ausuferndes Ego Narzissmus und schädliches Verhalten begünstigen würde. Tatsächlich haben die meisten Gewaltverbrecher kein Problem mit ihrem Selbstbewusstsein – sie brauchen eine starke persönliche Überzeugung, um überhaupt zu Gewaltmitteln zu greifen.

Der Bericht der Kommission wurde jedoch für die Öffentlichkeit angepasst. Vasco interpretierte die Ergebnisse positiv – es sei von fundamentaler Bedeutung das Selbstbewusstsein der Amerikaner zu stärken. Als Folge wurden in den 1980-ern Programme aufgelegt, die Kindern die Angst vor Noten nehmen sollten, Preise für den letzten Platz vergaben und Formen der Sanktionen und Disziplinierung zunehmend zurücksetzen. Ein gesundes, natürliches Selbstbewusstsein sollte Schüler dazu motivieren, mutig und engagiert zu sein, sowie keine Angst vor Prüfungen zu haben. Was jedoch geschah, erwartete Vasco nicht – in den Schulen, die sich der selbstbewusstseinsfördernden Methoden bedienten, schnitten die Schüler schlechter ab, als anderswo. Ihre sozialen Leistungen hinkten, die Noten wurden bei schlechterer Leistung hingegen aufgebläht.

Dennoch wuchsen Millionen Schüler zu Erwachsenen mit großen Egos auf. Studien in den USA weisen darauf hin, dass binnen weniger Jahrzehnte der Anteil von Studenten, die die Bestnote forderten von 18 auf 48 Prozent gestiegen war – bei schlechteren Leistungen. Obwohl ein gesundes Verhältnis zu sich selbst wesentlich ist für das eigene Wohlbefinden, ist der Grat sehr schmal zu einem aufgeblasenen Ego mit narzisstischen Zügen. Letzteres wurde aktiv kultiviert. Die Entwicklung der sozialen Medien fiel Jahre später auf fruchtbaren Boden.

Dass sich zunehmend mehr Menschen selbst ernster und wichtiger nehmen, spiegelt sich auch in der Politisierung wider. Es ist leichter, seine Partikularinteressen laut zu vertreten, wenn man ein großes Ego hat und in der Folge auch leichter Kränkung und Betroffenheit empfindet. In den USA gibt es grenzwertige Fälle, die dies aufzeigen. Das Ausmaß, das die Debatte um „cultural appropriation“ (kulturelle Aneignung) angenommen hat, ist für mich nicht mehr verständlich. 2016 gab es am amerikanischen Oberlin College Beschwerden, weil die Schulverwaltung bei einer Veranstaltung Sushi serviert hatte – dies sei kulturelle Aneignung und unsensibel.

Was dabei interessant ist, ist nicht die Einzeldebatte, sondern wie die Summe dieser Debatten das Verständnis von Bürgern zu Staat und Gesellschaft verändert. In einem Umfeld, in dem das eigene Befinden am wichtigsten ist, steckt die Gemeinschaft zurück. Die Bereitschaft sich am Sozialsystem zu beteiligen sinkt, die Erwartungshaltung von der Politik nicht nur Rahmenbedingungen, sondern auch Anerkennung zu erhalten, steigt dagegen.

Elemente davon sind natürlich auch nach Deutschland übergeschwappt. Vor allem heute ist es sehr leicht, sich von Gurus mit Mantras über das Selbstbewusstsein berieseln zu lassen. Ich befürchte, dass auch die negativen Seiten dieser Entwicklung auch in Deutschland längst angekommen sind. Die Identitätspolitik von Links und Rechts in Deutschland ist im Kern kein Ressourcenkampf, sondern ein Anerkennungskampf. Die Politik soll bestimmten Gruppen mehr Aufmerksamkeit schenken, ihre Bedürfnisse stärker gewichten – das ist die implizite Forderung von Identitätskampagnen.

Das führt dazu, dass die Politik getrieben wird von effekthaschenden Medienkampagnen, Meinungsführern, aber auch Journalisten, die Themen hochstilisieren können. Zum Teil ist dies auch notwendig – im vergangenen Jahr gab es eine Reihe von hervorragenden Reportagen zu den Gefühlen der Bürger in Ostdeutschland, ihrer Erfahrung der Demütigung und Abwertung. Dass an diesen Stellen Korrekturen notwendig sind, steht außer Frage. Wie so oft geht es allerdings um die Balance und die Konsequenzen eines Trends.

Wenn die Fragmentierung der Gesellschaft fortschreitet, wer wird dann überhaupt noch für Gemeinsamkeiten und Solidarität einstehen? Wer wird vermitteln, dass unser Sozialsystem eine Errungenschaft ist, die Menschen dafür schützt zu verhungern und in Unsicherheit auf der Straße zu leben? Und wie werden Bürger überhaupt wieder lernen, ihre Konflikte untereinander auszutragen, und Anerkennung nicht aus Gesellschaft und Politik zu ziehen?

Der Staat ist nicht für das individuelle Glück eines jeden Bürgers verantwortlich, sondern dafür ihm die Rahmenbedingungen zu bieten, dieses selbst zu erreichen und sein Leben in Frieden und Sicherheit zu gestalten. Dazu gehört das Verständnis, dass dies für alle Menschen gelten muss, nicht nur für die einzelne Interessensgruppe. Es scheint jedoch, als bestünde eine Erwartungshaltung an den Staat therapeutisch die Bürger zu besänftigen. Während jedoch von links und rechts die Aggression gegen die eigenen Mitbürger weiter befeuert wird, schrumpft der kleinste gemeinsame Nenner, der den Zusammenhalt im Land gewährleisten könnte, fast ins Nichtige.

3 Kommentare zu „Der Staat ist nicht dein Therapeut

  1. Ich lese gerade wieder in Ulrich Becks „Risikogesellschaft“. Er hat dort diese Entwicklung zur individualisierten Gesellschaft der Partikularinteressen bereits skizziert. Es kommt mir so vor, als hätte die SPD das nie zur Kenntnis genommen (was sicher so nicht stimmt), jedenfalls hat sie bislang keine Rezepte gefunden, die gute alte Idee vom Gemeinsinn und der Solidarität in unserer Gegenwart zu verankern. In Gesetzesinitiativen tut sie es nachwievor, aber bei den Leuten draußen verfängt das nicht mehr – dabei wäre es so wichtig. Vielleicht hakt es daran, dass sie in ihrem Gesellschaftsbild der Klassen immer noch zu sehr verfangen ist in der Vergangenheit? Und keine Idee hat, wie sie Klassensolidarität, Kleingruppen, Individuen unter einen Hut bekommen soll? Die Grünen haben die SPD mit der Muttermilch aufgesogen und dann gewissermaßen rechts überholt: ob die SPD in den Grünen aufgehen wird? Jedenfalls kommt es mir derzeit vor, als sei dort das Bewusstsein oder Gespür für das, was diese Gesellschaft braucht, besser aufgehoben: Gemeinsinn stiften unter zahllosen Individuen, die als solche (und nicht als Klasse) ernst genommen werden.

  2. Danke für Deine bedenkenswerten Reflexionen.
    Interessant, mal wieder von Fukuyama zu lesen. Er hatte uns Ende der Achtziger erstaunt mit seiner These vom „Ende der Geschichte“.
    Gute Wünsche für ein friedliches neues Jahr

  3. Sehr gut beschrieben.
    Persönlich sehe ich aber den Staat nicht getrennt von mir an, nicht als bestimmende Elite, sondern als vollwertiges Mitglied.
    In meiner täglichen Arbeit mit Kinder, kann ich viele Dinge beeinflussen, Demokratie, Selbstbewusstsein, Respekt, soziales Miteinander vorleben und die einzelnen Aspekte mit den Kindern erleben.
    Sie werden ja letztendlich den Staat weiter Formen.
    Frage wäre, inwieweit der Staat durch einzelne Interessengruppen beeinflusst werden kann. Um es platt auszudrücken,
    wer Geld hat bestimmt.
    Wenn ich sehe, was die Menschen gerade weltweit für eine Politik wählen, würde ich vermuten, dass es mit dem Selbstbewusstsein vieler Menschen schlecht bestellt ist, sie eher von Ängsten getrieben werden und dieses Ängste nach „starken, konservativen Führern“ rufen, welche das Selbstbewusstsein wieder stärken sollen.
    Leider ist darin ein Treppenwitz versteckt, siehe USA.
    Denke es ist für ein Selbstbewusstsein, im staatlichen Sinne wichtig, sich als anerkannter Bürger eines solchen Staates zu fühlen.
    Warum dieses nicht mehr so bei vielen Menschen zu sein scheint, ist die entscheidende Frage, mit deren Antwort wir wichtige Mittel für ein gemeinsames, neues staatliches Miteinander erschaffen könnten.
    Da via smartes Phone könnten sich Fehler in den Kommentar eingeschlichen haben😉

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