Vor neun Jahren startete die 25-jährige Version von mir mit Sorgen ins Berufsleben. Die Sorge rührte daher, dass ich einige Jahre zuvor miterlebt hatte, wie die Jugendarbeitslosigkeit in Europa anstieg und auch wenn das Problem in Deutschland nie extrem war, so waren auch hier Einstiegsjobs schlecht bezahlt, Praktika gänzlich unbezahlt und die Arbeitswelt wirkte blass, verkalkt, öde.
Damals ahnte ich noch nicht, dass mich in den nächsten Jahren zwei Themen für die Arbeitswelt begeistern würden: New Work und generative KI. Das eine hat die Arbeitswelt bereits verändert – für das andere habe ich noch eine große Hoffnung.
New Work hat Spuren hinterlassen
New Work – diese vielversprechende Vision einer gerechteren und zugleich produktiveren Arbeitswelt – begann mich im Jahr 2018 zu beschäftigen. Schon vor der Corona stellten immer mehr Unternehmen fest, dass die klassische Arbeitsorganisation in der Digitalisierung an ihre Grenzen stößt. Weil die Geschwindigkeit durch asynchrones Arbeiten in der Cloud, diverse neue Kommunikationskanäle und viel mehr frei zugängliche Informationen zugenommen hatte, waren neue Entscheidungskompetenzen und Arbeitsstrukturen gefragt. Ob in kreativen, konzeptionellen oder IT-Berufen – digitale Werkzeuge ermöglichten es den Beschäftigten, Arbeitsaufträge schneller zu erledigen – doch Freigaben und Entscheidungsprozesse verliefen oft entlang träger Hierarchien nach dem Senioritätsprinzip. Die logische Konsequenz: mehr Empowerment und Eigenverantwortung für Teams und jüngere Beschäftigte. Eingebettet war dieser Wandel in eine Mentalität, die mehr mit dem Silicon Valley als mit dem New-Work-Vordenker Frithjof Bergmann zu tun hatte, aber die Frage nach dem Sinn und Zweck – dem Purpose – der Arbeit wurde häufiger gestellt.
Ich habe diese Zeit von 2018 bis 2021 als sehr spannend empfunden. Unabhängig davon, ob man einem strikten Playbook für New Work-Maßnahmen folgte oder sich modular die Lösung zusammenstellte, die am besten zum eigenen Unternehmen passte – es bewegte sich etwas. Corona hat diesen Prozess nur beschleunigt und den Fokus von Eigenverantwortung als Teil von Empowerment vor allem auf die Flexibilität von Arbeitsort und Arbeitszeit gelegt.
Inzwischen scheint der Elan nachgelassen zu haben und die New-Work-Maßnahmen wurden teilweise wieder zurückgenommen. Es hapert an der Umsetzung, auf manchen Führungsebenen fehlt es an Überzeugung und Durchhaltevermögen für einen nachhaltigen Wandel, teilweise wurden nur kosmetische Korrekturen vorgenommen. Kein Wunder – rund 70 Prozent der Veränderungsprojekte scheitern, weil Veränderung verdammt schwierig ist. Dennoch ist eine nachhaltige Wirkung geblieben und wird von vielen klugen Personalverantwortlichen weiter vorangetrieben: Arbeit wird in vielen Unternehmen individueller, flexibler und vertrauensvoller gedacht und gestaltet. Das war vor zehn Jahren noch nicht absehbar.
Veränderungsprojekt KI – schaffen wir das?
Ich bin sehr voreingenommen, wenn es um das Thema generative künstliche Intelligenz geht, weil mir die Arbeit mit den inzwischen gut funktionierenden Sprachmodellen sehr viel Spaß macht. In meiner Arbeitswelt ist das Wort mein Hauptwerkzeug – ob geschrieben oder gesprochen. Ich entwerfe, dokumentiere, kommuniziere, informiere und im besten Fall motiviere ich mit Worten. Mein Denken strukturiere ich, indem ich Wörter, Sätze, Zusammenhänge und Ideen in verschiedenen Formen anordne – und dadurch neue Perspektiven entwickle. Viele Teilaufgaben erledige ich inzwischen mit generativer KI in der Rolle des Lektors, Assistenten oder Sparringspartners. Es hat Monate gedauert, bis ich meinen Modus gefunden habe, aber mittlerweile möchte ich nicht mehr darauf verzichten. Ich möchte sogar noch mehr mit generativer KI arbeiten, weil sich die Qualität meiner Arbeit verbessern kann und ich mich gleichzeitig entlastet und kreativer fühle.
Obwohl viele Menschen auch hauptsächlich mit Wörtern arbeiten, weiß ich, dass neue KI-Gewohnheiten nicht hängen bleiben. Oft läuft es so: Unternehmen X macht einen „Software-Dump“ und schafft Zugänge zu einem großen KI-Sprachmodell, und damit ist der formale Veränderungsprozess abgeschlossen. Das Ergebnis: Die KI wird nicht genutzt, weil die Mitarbeiter selbst weder konkrete Anwendungsfälle identifiziert haben, in denen eine technische Unterstützung überhaupt einen Mehrwert schafft, noch den Umgang mit den Sprachmodellen geübt haben. Der Nutzen von KI-generierten Texten schrumpft und am Ende fühlen sich alle demotiviert. Das ist genau das Gegenteil von dem, was passieren sollte.
Das Problem, das ich oft höre, ist, dass der Einsatz von KI hauptsächlich als technische Frage gesehen wird und Datenqualität und Infrastruktur die großen Sorgen sind. Der technische Teil ist auch unerlässlich, aber wenn wir wollen, dass KI auch die besten Ergebnisse liefert, muss parallel dazu ein kultureller Prozess in Gang gesetzt werden. Es braucht die viel beschworene und selten gelebte Fehlerkultur, es braucht eine fast kindliche Neugier und gleichzeitig eine konzentrierte Analyse, welche Prozesse sich überhaupt für eine KI-Kollaboration eignen. Das sind strategische Fragen, die ein Laie ohne Kontext und Vorerfahrung nicht beantworten kann – selbst wenn die technischen Voraussetzungen optimal sind. Kein Wunder, dass sich in den Medien Kommentare häufen, wonach der KI-Hype vorbei sei.
Wer kann sich schon konservative Zeiten leisten?
Dass die Dynamik aus den Veränderungsprozessen raus ist, kann ich nachvollziehen. Die letzten Jahre waren disruptiv und notgedrungen dynamisch – Corona, Digitalisierungsschub, Fachkräf-temangel, demografische Krise, Dekarbonisierung, Lieferkettenprobleme, Inflation, schwieriges Marktumfeld. Manche werden Neues ausprobiert haben, weil sie sich getrieben fühlten – aber kein Unternehmen und kein Mensch hält einen Dauersprint in dieser Form aus.
Es ist normal, dass auf disruptive Zeiten wieder konservative Phasen der Konsolidierung, der Verstetigung und des Durchatmens folgen. Keine Experimente. Aber ich frage mich: Wer kann sich diese konservativen Zeiten derzeit leisten? Wahrscheinlich die wenigsten.
Wahrscheinlich ist die Energie nicht mehr da, noch einmal einen Kulturwandel durchzuziehen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass ein gewinnbringender Einsatz von KI die Arbeitswelt wieder verbessern kann, wenn man auf die Erkenntnisse von New Work zurückgreift: Wenn man Menschen befähigt, Ideen zu entwickeln und Ideen einzubringen, bewegt sich etwas. Vielleicht nicht in den großen Sprüngen, die manchmal nötig sind, aber doch in kleinen Schritten, die am Ende zum Ziel führen.
Vielleicht wird die Zukunft der Arbeitswelt von „New AI“ geprägt sein – einem vertieften Verständnis vom Umgang mit KI in der Arbeitswelt, das über die technischen Rahmenbedingungen geht. Das Instrument KI als neuer Modus des Arbeitens, der individuelle Stärken fördert und Schwächen abfedert. KI als Lektor für Menschen mit Migrationshintergrund, die Deutsch noch nicht gut beherrschen. KI als Lernassistent, um Quereinstiege zu vereinfachen. KI als Unterstützer, um Führungskräfte zu entlasten. Meine Hoffnung ist: Mehr Chancen und eine bessere Arbeitswelt.
PS. Dieser Artikel wurde von KI korrigiert. Die Gedanken sind persönlich.
In eigener kreativer Sache…
Seitedem ich 20 bin, blogge und schreibe ich. Mal auf einer eigenen Website, mal auf LinkedIn, mal in Online-Magazinen. Ich schreibe, weil es meine Art der Handreichung ist: Ich gebe Einblicke in meine Gedankenwelt und ich lade damit Diskussion, Widerspruch und Bewertung ein. Dieser Modus der Handreichung funktioniert für mich seit Jahren nicht mehr. Blogs und persönliche Webseiten werden nicht mehr aufgerufen. Die meisten sozialen Netzwerke sind mittlerweile nur noch Clickbait für den Algorithmus, zunehmend KI-generierte Texte, Selfies, Stammtischparolen, Verkaufsmaschen und oberflächliche “Learnings”. In Summe befrieden Plattformen nicht mehr meinen Wunsch nach Austausch, Diskurs, ruhigen Argumenten.
Ich teste daher ein anderes Format: den Newsletter. Auf Substack werde ich in halbwegs regelmäßigen Abständen Ideen und Perspektiven zu Digitaler Transformation, der Zukunft der Arbeit, Büchern und Gesellschaft teilen. Wer dabei sein möchte, kann auf https://alicegreschkow.substack.com dabei sein.
Für die erfahrenen, kritischen und plausiblen Betrachtungen zu New Work und KI vielen Dank. Und gute Wünsche für das neue Newsletter-Format.