Nachhaltiger Konsum – Lösung aller Probleme?

Kürzlich stieß ich auf das frische, mutige Berliner Startup-Projekt „FreiVon.“, das es sich zum Ziel macht nachhaltige vegane Schuhe produzieren. Die Gründe liegen auf der Hand – im Sinne der Nachhaltigkeit führt regionale Produktion zu geringerem CO2-Ausstoß durch kürzere Transportwege, bei der Herstellung werden soziale Standards geachtet anstatt auf Billiglohnländer zurückzugreifen und Tierquälerei wird vermieden. Darüber hinaus zeigt die ZDF-Reportage „Gift auf unserer Haut“, dass ein Gesundheitsrisiko bestehen kann, wenn Schuhe aus Bangladesch, Indien oder China zu Dumpingpreisen gekauft werden, da bei der Gerberei schädliche Chemikalien zum Einsatz kommen – ein Problem, das man durch Produktion in Deutschland vermeiden könnte.

Ist Nachhaltigkeit nur ein Trend?

Nachhaltigkeit besteht aus dem Zusammenspiel von ökologischen, aber auch sozialen und wirtschaftlichen Aspekten und ist gerade in aller Munde. Während unter dem Suchwort „Nachhaltigkeit“ in 2010 lediglich nur drei Millionen Google-Treffer gefunden hat, sind es inzwischen über 16 Millionen. Nachhaltigkeit ist irgendwie angesagt, spießig-cool und beruhigt das Gewissen.
Obwohl der globale Konsum von Fleisch inzwischen bis ins Unermessliche gestiegen ist und die Deutschen knapp drei Mal so viel Fleisch essen als in den 1970-ern, ist im vergangenen Jahr der durchschnittliche Verbrauch pro Kopf um zwei Kilo gesunken, wie der Fleischatlas des Umweltverbands BUND hervorhebt. Die gestiegene Anzahl der Vegetarier und Veganer und ein gewachsener Sinn zur Mäßigung haben offenbar Impulse für ein alternatives Konsumverhalten gesetzt.

Wie sieht es allerdings mit Kleidung aus? Die meisten von uns werden sich nicht von der Schuld freisprechen können, Kaufentscheidungen getroffen zu haben, bei der Optik, Design und Preis wichtiger waren als Nachhaltigkeit. Der schwedische Großkonzern H&M hat zwischen 2006 und 2013 seinen weltweiten Umsatz auf fast 17 Milliarden Euro verdoppelt, die spanische Modekette Zara verfünffachte ihren Umsatz zwischen 2002 und 2013 auf nahezu 11 Milliarden Euro. Obwohl bekannt ist, dass viele Textilunternehmen (auch Zara und H&M) in Bangladesch, Indien und China produzieren, scheint es in diesem Bereich keine großen Veränderungen zu geben. Erst der Einsturz einer Produktionshalle in Bangladesch, bei dem über 1000 Menschen ums Leben kamen führte zu der Unterzeichnung eines Abkommens der Großproduzenten zur Wahrung von Brandschutz- und Sicherheitsverordnungen von Produktionsstätten.

Allerdings wächst auch der Absatz von Nachhaltigen Marken und Online-Shops und in diese Nische würde könnte das Schuh-Startup „FreiVon.“ positionieren. Langfristig könnte durch das Konsumverhalten und den Lebensstil derjenigen, die bereit sind die höheren Kosten für faire, regional produzierte oder vegane Kleidung und Schuhe zu tragen, Anreize für ein Umdenken in der Industrie in Richtung eines alternativen Wirtschaftsverständnisses führen. So zumindest in der Theorie.

Einen Idealfall gibt es (bisher) nicht – der Markt produziert auch Verlierer

Wie bei allen Dingen im Leben, hat auch die Idee des bewussten und nachhaltigen Konsumverhaltens auch ihre Schattenseiten. Die bisherigen Preis- und Handelsdynamik führt nämlich dazu, dass wenn ein neues Produkt auf den Markt kommt und gefragt ist, ein anderes verdrängt wird. Angenommen wir bleiben bei der Bekleidungsindustrie: sollte die Nachfrage tatsächlich langfristig regionale und fair produzierte Waren fordern, würde es auch diejenigen treffen, denen man eigentlich indirekt helfen möchte – die Arbeit und Kleinhändler in den Billiglohnländern. Während viele nur ein läppisches Gehalt in menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen erhalten, um gerade so zu überleben, gibt dies ihnen eher eine Perspektive als Arbeitslosigkeit. In einem globalisierten Markt kann man sich den Folgen und Ströhmungen internationaler Zusammenhänge nicht mehr entziehen.

Es ist ein ewiges Dilemma, das in der Theorie viele Lösungen anbietet, die in der Praxis in der nahen Zukunft kaum umsetzbar sind. Die jeweiligen Länder müssten sich wirtschaftlich entwickeln, soziale Standards implementieren oder größeren Wert auf die Einhaltung von Gesetzen legen – Forderungen, die aus vielen komplexen Gründen bisher nicht umgesetzt wurden.
Wenn nicht die Zielländer aktiv werden können, so sollte man die Großkonzerne zu mehr Verantwortung zwingen, die über eine medienwirksame CSR-Kampagne hinausgeht. Allerdings gibt es auf internationaler Ebene keine Institution oder Organisation, die dies so einfach herbeiführen könnte – Gesetze sind eben doch Sache der Staaten. So bleiben die Lösungsvorschläge nur eine Kette aus „müsste“ und „sollte“.

Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass in Deutschland bei weitem nicht alle Menschen die finanziellen Mittel haben, um sich Schuhe im Wert von über 100 Euro zu kaufen. Besonders Familien, die in einem wirtschaftlich schwachen Umfeld leben, müssen bei ihren Kaufentscheidungen Preise beachten, da Kinder schließlich schnell wachsen. Preiszwänge werden auch weiterhin ein Hauptkriterium sein, um sich gegen Produkte zu entscheiden, sofern sie bedeutend teurer sind als die billig produzierten Alternativen.

Da allerdings alle Menschen die Möglichkeit haben sollten, sich Waren zu kaufen, die weder ihnen noch anderen Schaden zufügen, ist es einen Versuch wert, alternative Produktionsketten zu fördern, die nicht nur auf die größte Gewinnspanne abzielen, um langfristig die Preisspanne für nachhaltige Produkte erschwinglicher zu gestalten. Solange sich allerdings das bisherige Wirtschaftsmodell nicht angepasst wird, heißt es für die Erfolgsaussichten der neuen Marken noch immer – „der Markt wird es richten“.

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