Der neue Anti-Amerikanismus

Erinnert ihr euch an die Zeit vor Barack Obama als George W. Bush Präsident der USA war und wie es nahezu cool war das Land blöd zu finden? Es war die Zeit, in der man in der Popkultur offen einen Präsidenten kritisieren konnte. Michael Moore feierte Erfolge mit seinem – zugegebenermaßen polemischen und zum Teil einseitigen – Dokumentarfilm „Fahrenheit 9/11“, in dem er die Beziehungen des Bush-Clans zu den Saudis darlegte. In Pop- und Rockmusik positionierten sich Stars gegen den damals „mächtigsten Mann der Welt“: De Sängerin Pink prangerte in „Dear Mr.  President“ das Versagen des Präsidenten an, Green Day veröffentlichten „American Idiot“, die Country-Stars „Dixie Chicks“ stellten sich gegen die Kriegspolitik Bushs.

Es war keine Überraschung. Bush fing nach den Anschlägen auf das World Trade Center einen undurchsichtigen Krieg im Irak an, da das Land ABC-Waffen gehabt haben soll und zur berühmten „Achse des Bösen“ gehören würde. Der Nahe Osten war nachhaltig destabilisiert. Bush lehnte das Kyoto-Klimaprotokoll ab und unterschrieb in seiner fünfjährigen Amtszeit als Gouverneur von Texas so viele Todesstrafen wie niemand zuvor. Das Gefangenenlager in Guantanamo Bay, über das wiederholt Folterberichte öffentlich wurden, füllte sich. Es war wirklich leicht, Bush aus Deutscher Sicht blöd zu finden. Vor allem nachdem Kanzler Schröder sich gegen die Unstützung des Irak-Kriegs ausgesprochen hatte – Bush hatte zuvor behauptet, wer nicht mit den USA sei, sei gegen die USA.

Anti-Amerikanismus in Form von Kritik der Militäreinsätze, die gerne als Imperialismus bezeichnet wurden, oder der geschlossenen Elite- und Wirtschaftsstrukturen war verbreitet, ja, fast schon modern. Als Bürger eines Landes, das auf der anderen Seite des Atlantiks liegt, projezieren wir Antipathie und Sympathie nämlich gern auf das Staatsoberhaut. Wenn wir ganz ehrlich sind, wissen die meisten von uns recht wenig über die Vereinigten Staaten und deren Bürger. Ich meine damit echtes Wissen. Keine Darstellung in Filmen, Serien oder Night-Shows. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man selbst als gebürtiger US-Amerikaner dieses flächenmäßig riesige und diverse Land vollkommen begreifen kann.

Die Projektion auf das Land anhand des Staatsoberhaupts gilt natürlich ebenfalls für andere Länder wie Russland, die Türkei oder Frankreich. Wir finden ein Land doof, wenn wir das Staatsoberhaupt gerade unsympathisch finden. Andersrum funktioniert es auch: Dank dem neuen „Prince Charming“ Justin Trudeau, wirkt Kanada noch freundlicher. Während der Amtszeit Obamas verlor man durch sein lässiges Auftreten die Missstände, die man zuvor muckiert hat, öffentlich aus den Augen – dabei hatte sich Amerika wenig verändert. Die ökonomische Ungleichheit des Landes ist nach wie vor gegeben und trotz eines schwarzen Präsidenten, sind Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht verschwunden. Mit der Alt-Right-Bewegung haben sich sogar radikale Lager gebildet, die u.a. noch vor Trumps Amtseinführung einen bewaffneten Marsch gegen die jüdische Gemeinde und jüdische Geschäfte organisieren möchten.

In wenigen Tagen wird Obama sein Amt verlassen und Donald Trump wird für mindestens vier Jahre über die USA regieren. Obama hat es – gemeinsam mit seiner intelligenten und charmanten Frau Michelle – in vielen Kreisen und Ländern geschafft, ein anderes Bild der USA zu kreieren. Es wurde getanzt, gesungen, gelacht. Baracks Mic Drop – einer berühmten Geste des Gewinns aus dem Hip Hop – , Carpool Karaoke mit Michelle und Auftritte in populären Fernsehsendungen bescherten dem Ehepaar viele Sympathien auch in Deutschland. Politisch war die Gesundheitsversicherung für arme Menschen die Geste, die Barack Obama sympathisch erscheinen ließ – der Schaffung eines Sozialsystems liegt nämlich ein gemeinsames Menschenbild zu vielen europäischen Staaten zugrunde.

Mit Trump an der Spitze könnte sich nun ein neuer Anti-Amerikanismus in Deutschland entwickeln. Es ist zwar nach wie vor unklar, was für Politik er genau umsetzten wird, aber die Installation eines Kabinetts, das oligarchische Tendenzen aufweist, bietet genug Anlass für Kritik, aber vor allem für Satire. Mit Millardären und Bankern vom Ölriesen ExxonMobil, Goldman Sachs und anderen Investoren im fossilen Energiebereich, wird Trump – selbst Immobilienmilliardär – beweisen müssen, dass seine Minister ihre eindeutigen Wirtschaftsinteressen von ihrem politischen Handeln trennen können.

Auch sein unberechenbares Temperament und sein infantil gefütterter Twitter-Account zeugen von keiner präsidentialen und würdigen Haltung. Jenseits seiner Politik wird Quatsch made by Trump genug Material für anti-amerikanische Witze bieten. Zum Jahreswechsel erlaubte er sich folgende Kurznachricht, die auch von einem. 13-jährigen Pubertierenden hätte stammen können:

Ja, ich weiß. Es sei die Sprache des Volkes, die ihn so beliebt machen würde, er sei authentisch, aber es geht hier um den Präsidenten der USA. Es gibt einen guten Grund dafür, warum erfahrene Experten diplomatische Verhandlungen über Frieden und Handel führen und nicht der Durchschnittsbürger. Trump mit seiner vereinfachten Sprache, mit der er sich offenbar noch immer über andere lustig macht, läuft hingegen Gefahr, zum Gespött auf der politischen Weltbühne zu werden. Er hat im Vergleich der Staatsoberhäupter anderer Industriestaaten kein politisches Kapital vorzuweisen, da ihm schlicht die Erfahrung fehlt.

Trump, der die russchischen Hacking-Angriffe während des Präsidentschaftswahlkampfs auf eine für einen Republikaner unfassbar nonchalante Art als Nichtigkeit abgetan hat, wird deswegen bereits als Putins Marionette verspottet. Ronald Reagan dreht sich derweilen im Grabe um. Vielleicht ist aber auch seine freundliche Gesinnung Russland gegenüber für Deutschland  eine Chance für eine „Neue Ostpolitik 2.0“ – als Ausgleich zum Anti-Amerikanismus quasi. Man braucht schließlich auch in der internationalen Politik mächtige Freunde.

Es ist auffällig, dass während Obamas Präsidentschaft die Beziehungenzu Russland so abgekühlt sind, dass sie auf einem metaphorischen Thermometer unter dem Gefrierpunkt lägen. Hillary Clinton und John Kerry – Obamas Außenminister während seiner beiden Amtszeiten – haben als klassische Kinder des Kalten Krieges die Kuba-Krise miterlebt und sahen im ehemaligen KGB-Major Putin stets eine Bedrohung. Weniger im wirtschaftlichen oder militärischen Sinn, sondern im ideologischen – genauso wie im Kalten Krieg. Dass Obama ebenfalls keine Sympathien für Putin pflegt, ließ er ihn wiederholt deutlich spüren.

Diese Skepsis hatte natürlich auch auf Deutschland und die EU einen Einfluss, vor allem da Angela Merkel sich augenscheinlich besser mit Barack Obama als mit Wladimir Putin verstand. Durch den Showman Trump wird jedoch realpolitisches Geschick wieder wichtiger als wertegeleiteter Austausch. Sollten die Russland und die Türkei tatsächlich erfolgreich darin sein, die Waffenruhe in Syrien langfristig zu gewährleisten, dann wird man dies anrechnen müssen. Gegenwärtig scheint es zumindest, als wären beide Mächte besser darin, den Frieden zu verhandeln als die USA es in den vergangenen Jahren waren. Auch wenn Diktator Assad in dieser Konstellation gestärkt wäre, ginge es primär sowieso nicht um Bürgerrechte wie Pressefreiheit – es ginge um die Beendigung des brutalen Blutvergießens im kriegszerrütteten Land sowie einer formalen Opposition gegen den IS. Im Erfolgsfall werden das auch die Bürger in Deutschland respektieren und dies könnte sich perspektivisch auf die Außenpolitik niederschlagen.

Unabhängig welche Partei den nächsten Kanzler stellen wird, rosige Beziehungen wird es zu Trump nicht geben. Die Chance, eigenständige europäische Lösungen für die Probleme des Kontinents zu finden, könnten Spannungen zu Russland wieder glätten. Die unmittelbare geographische Nähe, die gemeinsame Geschichte zwischen Deutschland und vor allem den osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten machen einen besonnenen Umgang notwendig – trotz gezielter Medienpropaganda, tiefen Gräben in Bürgerrechtsfragen und einer blamablen Leistung aller Beteiligter während der Krim-Krise.

Auch könnte eine größere „emotionale“ Distanz in der Politik einen katastrophalen Wahlkampf verhindern. Da in Deutschland nahezu alles an Wahlkampfstrategien aus den USA adaptiert wird, wäre es gerade nach dem Präsidentschaftswahlkampf großartig, wenn dieser Trend umgekehrt wird – sonst haben wir auch bald Politiker, die sich würdelos angreifen und beschmipfen, um „nah am Volk“ zu sein.