„Rettung des christlichen Abendlandes“: Ende der Moral

Anschlag in Berlin. Tote und Verletzte. Die Hauptstadt und das ganze Land trauern, fragen bei Freunden und Bekannten nach, ob es ihnen gut geht. Die Berliner reagieren mit Anstand – die islamischen Gemeinden veranstalten eine Mahnwache, am Tatort findet ein Gedenkmarsch statt. Ich sehe die Fotos auf Facebook und Twitter. Berlin wie es ist – Menschen aller Altersgruppen, sozialen Schichten, Hautfarben haben sich versammelt, um den Opfern zu gedenken und sich geschlossen gegen Terrorismus zu positionieren. Es sind unsere Mitbürger, die wir verloren haben, es sind unsere Freunde, die mit Schock nach dem Erlebten umgehen müssen. Es ist das Mindeste Interesse zu zeigen, Hilfe anzubieten. Jeder kann schließlich die Sorgen der Angehörigen nachvollziehen. „Ich wäre krank vor Sorge, wenn du noch in Berlin wärst“, sagte mir meine Mutter als wir von der Tragödie erfuhren. Ich hatte die Stadt bereits am Wochenende verlassen.

Der bürgerliche Anstand hat mich immer von Deutschland überzeugt. Er hat Menschen Chancen zur Integration gegeben und den Zusammenhalt gestärkt. Aber nicht jeder trauert. Manch Bürger, Politiker oder Publizist richtet auf den Leichen des Breitscheidplatzes einen Machtkrieg  aus – schamlos, brutal, getrieben von nichts als Eigeninteresse. 

„Merkels Tote“ plärrt Markus Pretzell, Lebensgefährte von AfD-Chefin Petry. Akif Pirinci schwadroniert über Heuchelei und Lügen des Establishments. In der AfD-Blase beschwört man auf Twitter das christliche Abendland. Es bereitet mir körperliche Übelkeit, wenn ich mir vorstelle, wie viele Leute ihre Art der „Moral“ als Antagonismus zum Islam aufbauen und ihr einziges Handeln im Marathon-Tippen auf dem Kurznachrichtendienst besteht. AfD-Pressesprecher Christian Lüth versieht seinen Wunsch nach einem „vor allem christlichen Weihnachtsfest“ mir dem Hashtag #merkelmussweg. Ihr wollt christliche Werte? Dann lebt sie, ihr Heuchler.

Ich bin kein religiöser Mensch, aber 13 Jahre Religionsunterricht haben mich gelehrt, wofür das Christentum stehen sollte: Güte, Bamherzigkeit, Vergebung, Nächstenliebe, Hilfe für Arme und Bedürftige. Mit dem Besuch des Weihnachtsgottesdienst sind christliche Werte nicht umgesetzt. „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“, heißt es in der Bibel. Was würde ein AfD-ler eigentlich tun, wenn sein Nächster Angela Merkel oder ein Flüchtling wäre? Mit der Twitter-Hetze endet die Christlichkeit. Es bleibt nur Boshaftigkeit. Selbiges gilt für Horst Seehofer. Von wegen CHRISTLICH soziale Partei.

Selbst wenn man nicht mit christlichen Werten, sondern mit säkularer Aufklärung moralisch argumentiert und die „Leitkultur“ des Landes bewahren möchte – sie fußt auf Humanismus und Anstand. Wo bleiben die humanistischen Werte? Wo der Respekt? Zumindest für die Toten, Verletzten und ihre Familien? Als ich klein war, hieß es häufiger „so etwas macht/ sagt man nicht“, wenn jemand Hetze offen ausgelebt hat. Dieser mentale Filter ist offenbar zusammengebrochen. 

Moral war allerdings immer ein Werkzeug, um Handeln zu rechtfertigen und Augenwischerei zu betreiben. Angela Merkel hat 2015 sehr christlich gehandelt – sie hat den zweifellos vielen Schutzbedürftigen Sicherheit geboten. Dass darunter auch „faule Eier“ dabei waren, blieb dabei nicht aus. Merkel war allerdings sehr unbahmherzig wenn es um die EU-Politik ging. Auch sie hat die Griechen bitter bluten lassen, dafür aber im Interesse der Deutschen gehandelt – Moral ist nun einmal nicht immer universell. 

Dennoch brauchen wir in der Gesellschaft Normen und Konzepte, um unterscheiden zu können, was richtig und was falsch ist. Der Rechtsstaat orientiert sich an einer zugrundeliegende Werteprägung, die von Rehabilitation ausgeht und bspw. die Todesstrafe untersagt. Die Eliten entscheiden in der Regel darüber, welche Normen die richtigen sind. 

Nun wollen also die Petrys, Pretzells und von Storchs die Diskurselite perspektivisch stellen und maskieren ihr eigentliches Wertekonzept zum Teil mit Christentum. Beatrix von Storch zählt bspw. zu den Verfechtern der Pro-Life-Bewegung und stellt sich gegen Abtreibung – aus christlichen Werten heraus. Was bei der AfD – zumindest bei jenen, die mit der Alt-Right-Bewegung sympathisieren – allerdings vielmehr als christliche Gedanken zugrundeliegt, ist ein völkisches Konzept, nach welchem das „deutsche Volk“ von „Invasoren“ bedroht wird. Es sei eine „Umvolkung“, die durch Einwanderung geschieht – als ob sich Menschen unterschiedlicher Ethnien nicht vermischen würden. Güte gebührt in der Bundesrepublik demnach nur „echten Deutschen“. Sagt dies dann auch so! Der süffisante, herablassende Ton Moslems und Juden gegenüber lässt sich nicht anders erklären. 

Dieser Ansatz fruchtet allerdings, weil wir insgesamt in sehr unmoralischen Zeiten leben – der Humanismus verlor vor Jahren bei den westlichen Einsätzen im Nahen Osten seine Glaubwürdigkeit. Weder Linke, noch Konservative haben neue Antworten. Eine Rückbesinnung auf das Christliche oder Bürgerliche? Vielleicht, aber es liegt nicht ausschließlich an der Politik die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen – die Verantwortung liegt bei den Bürgern. Der „Schutz des christlichen Abendlandes“ gestaltet sich sonst nur als perfides moralisches Schutzschild, das Aggression gegen „Gutmenschen“, Politiker und Flüchtlinge rechtfertigt.

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