Sozialer Zusammenhalt: Mehr Freiheit = weniger Vertrauen?

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Wenn man ehrlich ist, dann sind die meisten Leute in westlichen Nationen liberal auf die eine oder andere Art und Weise. Man fördert die Gleichstellung der Geschlechter, die Bürgerrechte, Pressefreiheit, religiöse Freiheit, Minderheitenschutz und in den vergangenen Jahrzehnten gibt es auch einen zunehmenden Trend zur Akzeptanz alternativer sexueller Identitäten und Rollen. All dies geschieht unter der Prämisse, dass alle Menschen gleichwertig sind. Es wirkt auch wie der perfekte pazifistische Ansatz – leben und leben lassen. Das Gefühl des Liberalismus durchdrang die Wirtschaft in Form von entfesselter Marktstrukturen, sie prägte das politische Verständnis in Form der liberalen Demokratie und dominiert vor allem in urbanen Gegenden die Gesellschaft, was sich vor allem im Individualismus widerspiegelt.

Die Verquickung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ist seit dem Ende des Kalten Krieges im Westen also liberal dominiert. Kein Wunder – DDR-Bürger erinnerten sich schließlich an die Repressionen des sozialistischen Regimes und die Bundesrepublik fußt im Grundgesetz auf der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur. Es gibt folglich auch in Deutschland noch genug Menschen, die aus heutiger Sicht mehr als die Hälfte ihrer Lebenszeit in einem System der Unterdrückung und Überwachung geführt haben. Liberalismus und die Befreiung von kollektivistischen Zwängen waren für viele ein Geschenk, förmlich ein Segen für alle, die sich in den gängigen Strukturen nicht wohlfühlen und ihren eigenen Weg gestalten möchten.

Liberalismus schafft allerdings auch Verlierer, vor allem politischer und sozialer Natur. Wenn man die detaillierten Teilströmungen des Liberalismus außer Acht lässt, ist diese Kritik nicht neu, sie gewinnt allerdings in den vergangenen Jahren zunehmend an Brisanz. Dies fiel mir zuletzt beim Lesen des analytischen Essays „Europadämmerung“ des bulgarischen Politologen Ivan Krastev auf. Er torpediert die Paradoxien des Liberalismus auf europäischer Ebene und sieht darin auch den Grund für eine drohende Desintegration der Europäischen Union. Er führt auf, dass ein dogmatischer Liberalismus sich selbst ad absurdum führt, indem er alle anderen Werte und Ansichten als rückständig und minderwertig diskreditiert. Traditionen, geschichtliche Pfadabhängigkeit und soziale Kämpfe vor allem in den osteuropäischen Ländern wurden im Zuge der europäischen Integration für obsolet erklärt, wenn sie sich dem liberalen Wertekonsens nicht unterordnen. Dies hat zur Folge, dass Staaten wie Ungarn oder Polen die wirtschaftliche und soziale Liberalisierung als Zwang empfunden haben – dem Gegenteil von Toleranz und Freiheit – und deswegen reaktionär und zum Teil erzkonservativ reagieren.

Die Folge dessen ist, dass der Zusammenhalt zwischen den EU-Mitgliedern schwindet. Was man im Großen beobachten kann, erkennt man jedoch auch auf nationalstaatlichem Niveau. Der französische Soziologe Émile Durkheim hat bereits in seinem 1897 erschienen Werk „Der Selbstmord“ eine tiefgreifende vergleichende Analyse zu den Korrelationen zwischen wirtschaftlicher und sozialer Liberalisierung und Selbstmordraten in Europa dargelegt. Er erkannte einige Tendenzen, die auch aus heutiger Perspektive aktuell wirken: Zum einen sah er im Individualismus einen großen Quell von Unzufriedenheit, Depression und Selbstmord. Die Erosion der Familienstrukturen, Einsamkeit, fehlende Werteorientierung und schwindende Solidarität würden viele Menschen überfordern, die aus sich selbst keine Orientierung schöpfen können. Die Fülle an Freiheit und Wahlmöglichkeiten führte seiner Ansicht nach vielmehr zu einer Sinnkrise als zur Freude, da das Individuum nunmehr für seine Entscheidungen einzig und allein die Verantwortung tragen muss – vor allem, wenn Dinge schlecht laufen. Die zwischenmenschliche Brutalität, die daraus erwächst, kann für manch einen zu viel sein. Auch der Glaube an die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten des Aufstiegs führten häufig in der Realität Resignation und Frustration.

Durkheim befürchtete auch, dass durch die Individualisierung eine Zersplitterung der Gesellschaft erfolgen würde – der „soziale Klebstoff“, den er als Grundlage für Solidarität und Verständnis empfand, würde nicht mehr halten, wenn sich viele kleine Subkulturen bilden. Die Begegnungen mit Menschen, die andere Lebensweisen und Ansichten pflegen, würden zunehmend seltener werden und man würde lediglich die eignen Ideen wieder immer wieder reproduzieren.

Ein Jahrhundert später setzte auch Robert Putnam, Professor an der Universität Harvard, an dieser Stelle an: in seinem Werk „Bowling Alone“ (1995) analysierte er, welche negativen Konsequenzen die soziale und wirtschaftliche Liberalisierung in den USA hatten. In seinem Werk befürchtete er das Ende der amerikanischen Zivilgesellschaft – es gäbe immer weniger Begegnungsstätten, in denen eine breite Masse von Menschen soziales Kapital gewinnen kann. Die Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen seien allerdings die essenzielle Grundlage für Lernerfolge, sozialen Aufstieg und Zusammenhalt.

Diese Begegnungsstätten – beispielsweise in Schul- oder Sportvereinen – wurden häufig privatisiert, sodass sie vor allem für finanziell schwache Familien nicht mehr zugänglich waren. Knapp 20 Jahre später schlussfolgerte Putnam in seinem Werk „Our Kids“ (2015), dass diese Tendenzen sich so weit verstärkt hatten, dass der soziale Aufstieg – der American Dream – umso schwieriger umzusetzen war, je liberalisierter und individualisierter die Gesellschaft wurde. Kinder aus armen Familien werden vom Gemeinwesen nicht mehr aufgefangen, sie lernten keine Menschen kennen, von denen sie neue Wege und Sichtweisen lernen konnten, Dienstleistungen und Betreuung wurden gestrichen oder privatisiert, durch den Fokus auf die Eigenverantwortung ist die Solidargemeinschaft vielerorts erodiert.

Putnam stellte auch fest, dass durch das Wegfallen von gemeinnützigen Einrichtungen und Dienstleistung das Vertrauen der Bürger zueinander fällt und Diversität zu einer Herausforderung wird. Er akzentuierte die Tendenzen aus multiethnischen Städten und Gebieten: dort wo die Diversität am höchsten lag, schotten sich Leute in ihren eigenen Gruppen tendenziell mehr ab, sie engagierten sich seltener in sozialen Einrichtungen oder Vereinen, die Skepsis gegenüber den politischen Institutionen und den Medien hingegen wuchs, obwohl mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht wurde.

2009 untersuchte der dänische Sozialwissenschaftler Christian Albrekt Larsen das von Putnam beschriebene Phänomen und verglich liberale Staaten (u.a. Großbritannien und die USA), sozialdemokratische Staaten (Skandinavien) und konservative Systeme (z.B. Deutschland und Frankreich) im Zeitraum von 1981 bis 2008. Er zog dabei in Erwägung, dass in der Zwischenzeit die ethnische Diversität durch Migration auch in Skandinavien und anderen Ländern gestiegen war, sodass er das Vertrauen der Bürger untersuchte. Dieser äußere Faktor sowie mehrere „Schocks der Deindustrialisierung“, die klassischen Arbeitsstrukturen erschütterten und mehr Flexibilisierung zur Folge hatten, betrachtet er als Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt. Er kam zu dem Ergebnis, dass in den (wirtschaftlich) liberalen Systemen das Bürgervertrauen signifikant abgenommen hatte, in konservativen keine eindeutige Tendenz nachweisbar war und lediglich in sozialdemokratischen Staaten das Bürgervertrauen in der untersuchten Zeitspanne anstieg.

Die Erkenntnisse, die diese Wissenschaftler präsentieren, sind härter zu verdauen, als es mir lieb ist: ich bin in großen Teilen eine Gewinnerin des sozialen Liberalismus – weil ich eine Frau bin, die in einem System lebt, in der meine Rechte juristisch gesichert sind, weil ich ein säkuläres Leben führe, weil ich Anerkennung trotz meines Migrationshintergrundes erfahre oder schlicht die Freiheit habe, meine Gedanken öffentlich zu publizieren. Das alles sind Aspekte, die in vielen Ländern alles andere als selbstverständlich sind. Aber vor diesen persönlichen Errungenschaften ist es auch leicht sich dem abzuwenden, dass der wirtschaftliche und soziale Liberalismus auch eine Reihe von Verlierern geschaffen hat, die sich finanziell abgehängt, gesellschaftlich unverstanden und politisch verarscht fühlen. Vor dem Hintergrund, dass politische Debatten zunehmend dogmatisch geführt werden, wir eine rechte Partei im Parlament haben und die sozialen Spannungen sich entlang der Linie der Herkunft zu verstärken drohen, lohnt ein scharfer Blick darauf, weshalb wir zu solch einem feindseligen Klima gekommen sind, was dagegen zu tun ist und ob unser Modell nicht sogar existenziell bedroht ist. Die steigende Skepsis gegenüber Medien und Politik ist nur ein Indikator für eine bedrohliche Tendenz, die im Zerfall des sozialen Zusammenhalts mündet.

Krastev wies in „Europadämmerung“ darauf hin, dass wir global mit unserem Modell der liberalen Demokratie und des Sozialliberalismus auf dem absteigenden Ast seien. Die Idee, dass nach dem Kalten Krieg die Systemfrage entschieden sei und die Welt schrittweise dem Vorbild des Westens folgen würde, hat sich nicht bestätigt. Staaten wie Russland und China leben vor, wie politische oder wirtschaftliche Erfolge auch ohne ein liberales System erfolgen können. Die Beliebtheitswerte von Wladimir Putin sind noch immer sehr hoch und China – ein politisch repressives System – könnte in einigen Jahren den Westen in puncto Innovation und Produktivität abgehängt zu haben.

Nationalismus, Religion und andere identitätsstiftende, aber repressivere Ideologien sind stattdessen auf dem Vormarsch – mittlerweile auch in westlichen Staaten. Krastev erklärt dies mit der Suche nach Akzeptanz, Wertschätzung und Zugehörigkeitsgefühl, welches viele mit nostalgischem Blick in traditionellen Strukturen zu finden meinen. Ob auf europäischer oder nationalstaatlicher Ebene – der Liberalismus hat das Versprechen nicht eingehalten, dass mit genug Mühe, Reflexion und Dialog Respekt und Wertschätzung jedem zuteilwird. Der Ursprung dieser Enttäuschung scheint im Menschenbild zu liegen, das davon ausgeht, dass jeder ein vergleichbares Maß an Intelligenz, Fähigkeiten, Stärke, Resilienz, Willenskraft und Reflexion mitbringt, um sich gut durchzukämpfen – wenn dem nicht so ist, versinkt man. Vor allem scheint die Prämisse zu sein, dass der Mensch an sich friedliebend ist – der ständige Aufbau von neuen Feindbildern zur Abgrenzung des Fremden und der Legitimation des Bekannten suggeriert jedoch das Gegenteil.

Mir geht es im Kern um die Frage, wie man die Balance zwischen einem freiheitlichen Leben führt, ohne dabei den sozialen Zusammenhalt zu riskieren. Ohne sozialen Zusammenhalt geht die Gesellschaft vor die Hunde. Wenn es keine gemeinsame (Werte-)Grundlage gibt, auf der Bürger unterschiedlicher sozialer Milieus, mit unterschiedlichen ethnischen oder religiösen Hintergründen respektvoll begegnen können, dann sind Aggression, Ablehnung, Feindseligkeit und Parallelgesellschaften die langfristige Folge. Dies hätte auch wirtschaftliche und politische Folgen, sowohl was die Situation in Deutschland, aber auch auf europäischer Ebene betrifft.

Putnam zog in seinen Werken die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bilanz, die man vereinfacht als „zu liberal, zu wenig sozial“ ausdrücken könnte. Er plädiert für mehr Investitionen in Betreuung von Schulkindern, Vereinen, sozialen Einrichtungen und Sozialarbeitern, um Menschen aus schwierigen sozialen Kontexten aufzufangen, die die Kraft oder das Wissen nicht besitzen, wie sie sich durchkämpfen können. Vor allem geht es aber um einen psychologischen Effekt: Menschen sollen sich respektiert und zugehörig fühlen, bei einer Zersplitterung in Subkulturen geschieht jedoch das Gegenteil.

Weiterführende Links:

Forschungspapier von Christian Albrekt Larsen zu sozialem Zusammenhalt

Rezension zu Ivan Krastevs „Europadämmerung“ in ZEIT ONLINE

TED-Talk von Dambisa Moyo, die aufzeigt, dass das Modell der liberalen Demokratie international massiv bedroht ist

Analyse der Foreign Affairs zum Identitätsaufbau, „Othering“ und weshalb die liberalen Prinzipien keinen Zusammenhalt in der breiten Massen schaffen

Mein Bericht über die Gastvorlesung von Robert Putnam, die ich in Dänemark besuchte (Englisch)

 

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