Mutterschaft als Armutsrisiko

Kinder als Armutsrisiko – was viele Frauen geahnt haben, hat die Wissenschaft mittlerweile bestätigt. Gehaltsunterschiede und Karriereknicks infolge einer Geburt sind in Deutschland Normalität – und führen häufig zu einem erhöhten Risiko von Altersarmut betroffen zu sein. Die Gründe davor sind komplex – sie liegen in unserem Bild des klassischen Familienmodells, in den Anforderungen von Arbeitgebern und in kurzsichtigen Entscheidungen von Frauen.

Obwohl sich Feminismus-Kritiker gerne darüber echauffieren, dass ein vermeintlicher „Gender-Wahn“ dazu geführt hat, dass Frauen maßlos gefördert werden, zeigen die Zahlen ein anderes Bild: das Statistische Bundesamt ließ im vergangen Jahr verlauten, dass die Zahl der Frauen, die von Altersarmut bedroht sind, gestiegen ist – auf nahezu 20 Prozent. Zusätzlich stieg der Anteil der Frauen in Teilzeit auf nahezu 50 Prozent und in Westdeutschland liegt die durchschnittliche Beitragsdauer für die Altersvorsorge bei 28 Jahren. Männer zahlen in der Regel 40 Jahre ein.

Besonders erschütternd ist die Tatsache, dass Deutschland in Europa ein Schlusslicht in puncto Rückkehr ins Arbeitsleben zu sein scheint. In einer internationalen Vergleichsstudie hat ein Forscherteam untersucht, wie hoch die langfristigen Gehaltseinbußen nach der Geburt eines Kindes sind. Schweden, Dänemark, Österreich, Großbritannien und die USA wurden unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist eindeutig: Deutschland schneidet mit 61 Prozent (!) langfristiger Gehaltseinbußen nach Österreich (51 Prozent) und Großbritannien (44 Prozent) am schlechtesten ab. Frauen holen in der Regel auch nach 10 Jahren nach der Geburt diese Unterschiede nicht mehr auf.

Natürlich sind die Zahlen Durchschnittswerte, die auch Frauen einschließen, die sich gegen den Wiedereinstieg in den Beruf entschieden. Jedoch führt dies dazu, dass weder die von der SPD angestoßenen Grundrente, die nach 35 Beitragsjahren greifen soll, Frauen maßgeblich vor Armut schützt, noch die gesetzlichen Anreize Frauen dazu bewegen, sich mehr um ihre Alterssicherung zu kümmern. Bei einer Scheidungsquote von knapp 40 Prozent und zusätzlicher Risiken wie Tod und Krankheit des Partners, sind die Aussichten auf finanzielle Sicherheit schlecht. Natürlich möchte sich niemand dieser Horrorszenarien ausmalen, aber sie sind reale Risiken für eine Familie. Es ist kein Wunder, dass Alleinerziehende besonders stark von Armut gefährdet sind – ein Drittel von ihnen hat am Ende des Monats nicht mehr genug Geld übrig.

Interessanterweise wollen einer Studie des Familienministeriums 60 Prozent der Frauen in Teilzeit auch bis zur Rente in Teilzeit bleiben – auch, wenn sie wissen, dass dies nicht für die Altersvorsorge reicht. Ein Viertel der Frauen möchte sich mit dem Thema überhaupt nicht befassend – es sei zu deprimierend. Ein anderer Teil der Frauen entschließt sich bewusst gegen Kinder – vor allem im IT-Bereich. In dieser Branche sind 40 Prozent der Frauen kinderlos. Einer repräsentativen Umfrage zufolge wollen jedoch 87 Prozent der jungen Menschen selbst Kinder haben. Inwiefern die Aussicht auf finanzielle Einbußen bei einer Entscheidung gegen Kinder eine Rolle spielt, ist nicht ausreichend erforscht. Es ist jedoch naheliegend, dass die Perspektive auf massive finanzielle Verluste, Frauen davon abhalten kann, sich für Kinder zu entscheiden.

Es wäre ein wichtiger Aspekt in der Abtreibungsstudie von Gesundheitsminister Jens Spahn, zu untersuchen welche Frauen weshalb sich für Schwangerschaftsabbrüche entscheiden. Bei dem hochkomplexen Thema um den Paragraphen 219a haben sich bereits genug Vertreterinnen und Vertreter zu Wort gemeldet, sodass ich die Abtreibungsdebatte an dieser Stelle aussparen möchte. Die ökonomische Dimension von Schwangerschaftsabbrüchen läge jedoch durchaus im Interesse des konservativen Politikers. In einer durchaus konservativen Gesellschaft, in der das klassische Familienbild für viele Menschen als Ideal gilt und in der sich eine klare Mehrheit Kinder wünscht, würde es von staatlichem Versagen zeugen, wenn Frauen sich aufgrund von der Aussicht auf Armut gegen Kinder entscheiden würden. Damit hängt natürlich auch die Betreuungssituation in Deutschland zusammen – wenn Kindertagesstätten zu teuer sind oder zu kurze Öffnungszeiten haben, dann ist es in den meisten Familien die Regel, dass die Mütter beruflich kürzertreten, um sich um die Kinderbetreuung zu kümmern.

Grundsätzlich ist diese Entscheidung natürlich jeder Frau und jeder Familie selbst überlassen. Jeder, der seine Erfüllung in der Familie findet, soll damit auch glücklich sein. Aber in diesem Zusammenhang kann die ökonomische Dimension nicht ausgeblendet werden. Natürlich ist es unbequem und unangenehm sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass Familiengründung Armut begünstigt. Es ändert allerdings nichts daran, dass die Realität sich in diese Richtung entwickelt hat.

Klar ist, dass nichts in Stein gemeißelt ist. Man muss in diesem Zustand nicht verharren oder ihn als natürlich betrachten. Frauen in Ostdeutschland zahlen nämlich im Durchschnitt fast 40 Jahre in die Rentenkasse ein – sie würden von der Grundrente eher profitieren. Genauso ist es in anderen europäischen Ländern auch nicht selbstverständlich, dass Frauen langfristig mit solch einschneidenden Gehaltseinbußen nach der Schwangerschaft rechnen müssen. Dies hat viel mit dem normativen Verständnis von Familie, Erziehung und Arbeit in Deutschland zu tun.

Wenn Arbeitgeber einen kurzzeitigen Ausfall von bspw. einem Jahr in einer gesamten Erwerbskarriere, die mehrere Jahrzehnte andauert, als Rechtfertigung für langfristig schlechtere Gehälter nutzen, dann spiegelt das die Prioritäten in der Gesellschaft wider. Die Leistungsmaxime übertrumpft das soziale Verständnis für die Gemeinschaft. Wieder einmal sind Alleinerziehende besonders stark gefährdet – ein Viertel von ihnen ist arbeitslos, obwohl mit 55 Prozent mehr als die Hälfte von ihnen gerne arbeiten würde. Die Wahrscheinlichkeit der Beschäftigung sinkt jedoch um etwa ein Drittel nach der Geburt. Dies ist auch für Familien fatal, bei den beide Partner Geringverdiener sind und in dem zwei Gehälter notwendig sind, um die Kinderversorgung zu gewährleisten.

Natürlich gibt es Frauen, die sich aus einer eigenen Entscheidung heraus gegen das Kinderkriegen entscheiden – das ist ihr gutes Recht. Es gibt jedoch sehr viele Frauen, für die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu einem Drahtseilakt wird, weil sie in die Entscheidung gedrängt werden, ob sie für ihre Familie ihre beruflichen Träume, Interessen und Ambitionen aufgeben möchten. Die Tatsache, dass dies noch so leichtfertig geschieht, zeugt davon, dass das Frauenideal vor allem im konservativen Westen und Süden Deutschlands noch davon geprägt ist, dass mit einer Geburt Frauen primär durch ihre Mutterrolle in Verbindung gebracht werden.

Ich gönne es jeder Familie, die sich für ein konservatives Familienbild entscheidet, in dem der Mann die Verantwortung für Frau und Kinder übernimmt, dass es ihnen gut geht. Genauso toll ist es, wenn beide Elternteile sich die Versorgungsverantwortung teilen. Besonders beeindruckend ist jeder Mensch, der ein Kind allein erzieht oder in alternativen Partnerschaftsmodellen. Mir ist es egal, wer sich für welches Modell entscheidet. Die gesellschaftlichen und politischen Implikationen von Altersarmut, die tendenziell noch immer weiblich sind, verschwinden deswegen allerdings nicht. Es ist eine desaströse Perspektive, wenn wir uns mit einem Status zufriedengeben, in denen eine Gesellschaft zunehmend arme Rentnerinnen kultiviert oder den für viele essenziellen Wunsch der Familiengründung schlicht zu einem Risiko verdammt.



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3 Kommentare zu „Mutterschaft als Armutsrisiko

  1. Hey Alice!
    Gute Idee, das Thema Altersarmut auch hinsichtlich der Gender-Imbalance zu analysieren! Zum Thema Tod eines (versorgenden) Ehepartners fällt mir noch ein, dass meines Wissens Witwen/Witwer- und Waisenrenten gar nicht mal so wahnsinnig gering ausfallen.

    Was mir aber insbesondere zum Thema armutsgefährdete Alleinerziehende einfällt, ist, dass das Ehegattensplitting der Einkommensbesteuerung durch ein Familiensplitting ersetzt werden sollte. Die Zahl der zu versorgenden Kinder wäre somit einkommenssteuersenkenend, unabhängig davon, ob es zwei (zusammenlebende) Elternteile gibt und ob diese verheiratet sind oder nicht. Dies würde dem ursprünglichen Zweck des Ehegattensplittings, der Familienförderung, viel dienlicher sein als die derzeitige Ausgestaltung.

    Eine Abschaffung des Ehegattensplittings würde weiterhin auch bei Ehefrauen zu mehr Beitragsjahren in der Rentenversicherung führen: Arbeitsanreize für z.B. einen Wiedereinstieg in die eigene Berufstätigkeit sind viel höher, wenn die Löhne daraus nicht mit einem hohen Grenzsteuersatz durch die Einkommen des Mannes belastet werden, sondern Einkommenssteuern unabhängig vom Einkommen des Mannes berechnet werden.

    Liebe Grüße!

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