2023 habe ich viel gelesen, um die schwierige gesellschaftliche Stimmung besser zu verstehen und meine eigenen Sichtweisen zu schärfen, zu überdenken oder zu revidieren. Sachlitertur hilft mir persönlich sehr bei diesem Prozess. Vielleicht bin ich nicht allein damit und teile gerne meine Leseliste des letzten Jahres und gebe einen Blick darauf, was aktuell auf dem Nachttisch steht:
Politik & Wirtschaft
Lasst und länger arbeiten! Arbeitswelt umgestalten, Rente retten – im Alter aktiv und zufrieden sein. Von Alexander Hagelüken: Journalist und Autor Alexander Hagelüken fordert ein Umdenken unter Beschäftigten und Politik. Was interessant ist: Die Analyse davon, weshalb Frührente so attraktiv gewesen ist. Was zu kurz kommt: Szenarien für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht länger arbeiten können, kommen nur knapp vor. (8/10)
The Other Pandemic: How QAnon Contaminated the World. Von James Ball: Was haben Welless-Influencerinnen mit dem Sturm auf das US-Kapitol zu tun? Sehr viel, zeigt Journalist James Ball auf. Was interessant ist: Ball kennt sich in jenen Online-Foren sehr gut aus, die als Brutstätte für Verschwörungsnarrative dienen und nimmt Lesende mit auf die Reise dahin. Was fehlt: Balls Lösungsvorschläge bleiben teilweise etwas oberflächlich. (9/10)
Why Politics Fails. The Five Traps of the Modern World & How to Escape Them. Von Ben Ansell: Der britische Politikwissenschaftler Ben Ansell stellt eine steile These auf: Das Streben nach Demokratie, Gleichheit, Solidarität, Sicherheit und Wohlstand führt zwangsläufig zu gesellschaftlichen und politischen Problemen. Was interessant ist: Ansell ist ein origineller und intelligenter Denker, der die Schwachstellen westlicher Demokratien aufzeigt – beispielsweise wie Partikularinteressen die politische Entscheidungsfindung kapern können. Was fehlt: Nach hinten wird das Buch in seinen Lösungen dünner. (9/10)
The Digital Silk Road: China’s Quest to Wire the World and Win the Future. Von Jonathan E. Hillman. Die digitale Infrastruktur wird weltweit von einigen wenigen globalen Playern entwickelt und aufgebaut – mit großen Folgen. Was interessant ist: Jonathan Hillman hat viele Beispiele gesammelt, bei denen Überwachung und Industriespionage durch digitale Infrastruktur überhaupt möglich wurden. Was fehlt: Ein Ausblick zu den möglichen neuen Risiken der globalen KI-Infrastruktur. (8/10)
Atlas of AI – Power, Politics, and the Planetary Costs of Artificial Intelligence. Von Kate Crawford. Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz hat ethische Folgen für Mensch und Umwelt. Kate Crawford zeigt, dass es bei Technologie, nie ausschließlich um Innovation geht. Was interessant ist: Die Spurensuche danach, wie Ressourcen für KI genutzt werden. Was fehlt: Ideen zu alternativen Wegen. (7/10).
The Weaponisation of Everything: A Field Guide to the New Way of War. Von Mark Galeotti: Kriege sind mittlerweile zu teuer und andere Mittel werden in Konflikten immer beliebter – organisierte Kriminalität, Desinformation, Spionage. Was interessant ist: Mark Galeotti bringt viele Beispiele mit, die die Gangart moderner Konflikte zeigen. Was fehlt: Etwas mehr Neuigkeitswert wäre praktisch. (6/10)
Money Men: A Hot Startup, A Billion Dollar Fraud, A Fight for the Truth. Von Dan McCrum: Wie konnte Wirecard so lange ungehindert wirtschaften? Journalist Dan McCrum deckte den Betrugsfall auf. Was interessant ist: McCrum verdeutlicht, dass Überzeugungskraft lange ausreichen kann, um Betrugsmaschen aufrecht zu halten. Was fehlt: Fokus. Das Buch hätte auch kürzer sein können, wenn der Autor seine persönlichen Gedanken knapper gefasst hätte. (5/10)
Gesellschaft
Der Verlust. Warum nicht nur meiner Mutter das Vertrauen in unser Land abhandenkam. Von Anita Blasberg: ZEIT-Journalistin Blasberg nähert sich auf empathische Weise ihrer Mutter an, die in drei Jahrzehnten zur Nichtwählerin wurde. Was interessant ist: Blasberg skizziert anhand der Treuhand, der Finanzkrise und Kürzungen der Sozialleistungen nach, weshalb sich Vertrauensverlust in der Gesellschaft seit den 1990-ern verbreitet. Dabei bleibt sie populistischen Lösungen gegenüber kritisch. Was fehlt: Nichts. Das Buch liest sich sehr gut. (10/10)
Ein falsches Wort: Wie eine neue linke Ideologie aus Amerika unsere Meinungsfreiheit bedroht. Von René Pfister: Als US-Korrespondent hat Spiegel-Journalist René Pfister Erfahrungen damit gemacht, was in linken Zirkeln nicht mehr als sagbar gilt. Was interessant ist: Pfister selbst hat eine liberale Einstellung und zeichnet ein differenziertes Bild seiner persönlichen Störgefühle in den USA mit der linksliberalen Wählerschaft. Was fehlt: Eine tiefe Betrachtung, inwiefern Deutschland eigene Lösungen auf Fragen rund um Identitätspolitik jenseits des US-Einflusses entwickeln kann. (9/10)
Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Von Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Lange hat die These des Buches in mir nachgewirkt: Unsere Wahrnehmung und das gesellschaftliche Zusammenleben werden von bestimmten Narrativen geleitet und geprägt – mit teilweise verheerenden Ergebnissen. Was interessant ist: El Ouassil und Karig nutzen viele Beispiele um die Macht von Geschichten in Politik, Wirtschaft und Kultur aufzuzeigen. Was fehlt: Etwas Fokus. Die Botschaft des Buchs braucht keine 528 Seiten. (8/10)
Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Von Aladin El-Mafaalani: Viele Menschen haben das Gefühl, dass es mit der Einwanderung in Deutschland nicht klappt, dabei ist die Integration von Menschen aus vielen Nationen sehr gut geglückt. Was interessant ist: Der Soziologe El-Mafaalani argumentiert klug, weshalb Konflikt und Auseinandersetzung positive Ergebnisse gelungener Integration sind. Was fehlt: Mehrdimensionalität. Stellenweise liest sich das Buch etwas einseitig. (7/10)
Klassenbeste: Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet. Von Marlen Hobrack: In eine kinderreiche Familie in der DDR geboren hatte Marlen Hobracks Mutter nur begrenzte Chancen im Leben. Die Ressourcen fehlten oft. Was interessant ist: Die Journalistin Hobrack erklärt, weshalb soziale Herkunft lebenslange Folgen für die soziale Mobilität haben kann – und wie viele Menschen bis heute nach davon betroffen sind. Was fehlt: Kaum etwas. Die persönliche Geschichte steht für sich. (7/10)
The Generation Divide: Why We Can’t Agree and Why We Should. Von Bobby Duffy: Boomer zerstören die Welt und Gen Z ist faul. Bobby Duffy erklärt, wieso all dies Quatsch ist. Was interessant ist: Professor Duffy präsentiert eine große Fülle an Daten, um zu zeigen, dass die Generationen sich stärker ähneln, als oft dargestellt wird. Was fehlt: Mehr Erzählung. Das Buch erschlägt teilweise mit Zahlen. (9/10)
Deaths of Despair and the Future of Capitalism. Von Anne Case und Angus Deaton: Medikamentenabhängigkeit, Alkoholismus und Selbstmord führten dazu, dass die Lebenserwartung unter weißen Menschen ohne Hochschulabschluss merklich gesunken ist. Interessant ist: Das Ökonomen-Ehepaar Case und Deaton arbeitet heraus, welche Auswirkung Isolation, Statusverlust und eine schwache Krankenversicherung auf die arbeitende Bevölkerung haben. Was fehlt: Case und Deaton sind recht vorsichtig mit ihrem Handlungsempfehlungen – obwohl die Probleme auf der Hand liegen. (7/10)
Status and Culture: How Our Desire for Social Rank Creates Taste, Identity, Art, Fashion, and Constant Change. Von W. David Marx: Menschen stehen in einem ständigen Wettbewerb zueinander und versuchen mit Besitztümern, Mode und Erscheinungsbild Dominanz und Profil zu gewinnen: Was interessant ist: Marx arbeitet heraus, wie der Wettbewerb unter Menschen Innovation fördert und wie unterschiedliche Gruppen darauf reagieren. Was fehlt: Der Blick auf das große Ganze und die Folgen des Wettbewerbs zwischen Menschen. (7/10)
Naturwissenschaft
The Better Half: On the Genetic Superiority of Women. Von Sharon Moalem: Warum sind mehr Männer als Frauen an Covid verstorben? Weshalb ist die Lebenserwartung von Männern kürzer als von Frauen? Der Wissenschaftler Shaorn Moalem schaut auf die genetischen Faktoren jenseits der Lifestyle-Unterschiede. Was interessant ist: Moalem erklärt verständlich den Unterschied zwischen X- und Y-Chromosom. Was fehlt: Nichts. Das Buch ist für den Einstieg ins Thema umfassend. (10/10)
Numbers Don’t Lie. Von Vaclav Smil: In 71 Fakten erklärt Naturwissenschaftlicher Vaclav Smil, wieso die Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen so groß ist, wie die Welt ernährt werden kann und weshalb Statistiken zu Arbeitslosigkeit unpräzise sind. Was interessant ist: Smil blick auf viele Bereiche des Lebens und zeichnet den notwendigen Kontext für die großen Fragen rund um Technologie und Fortschritt. Was fehlt: Mehr Hinweise dazu, was man mit der Informationsfülle anstellen soll, wären hilfreich. (8/10)
Invention and Innovation. A Brief History of Hype and Failure. Von Vaclav Smil: Nicht alle Innovationen setzen sich durch und manche Innovationen entpuppen sich als enttäuschend oder gar gefährlich, erklärt Smil. Was interessant ist: Ob Luftschaffe, bleihaltiges Benzin oder Reisen im Vakuum (Hyperloop) – der Naturwissenschaftler Smil zeichnet auf, warum nicht jeder Fortschritt gelingt. Was fehlt: Eine aktuellere Einschätzung zu aktuellen Hypes. Smil blickt eher auf Evergreens. (8/10)
Spoon-Fed: Why Almost Everything We’ve Been Told about Food is Wrong. Von Tim Spector: In regelmäßigen Abständen gibt es vermeintlich widersprüchliche Hinweise dazu, was gesunde Ernährung sein soll. Keto, vegan, mediterran – niemand steigt mehr durch. Was interessant ist: Wissenschaftler Tim Spector erklärt, weshalb es so viele Schwächen in der Ernährungswissenschaft gibt. Was fehlt: Spector blickt stark auf das, was nicht funktioniert und gibt nur einen sehr kurzen Hinweis dazu, was belegbar gut für Menschen ist. (7/10).
Cured: The Power of Our Immune System and the Mind-Body Connection. Von Jeff Rediger: Insbesondere Autoimmunkrankheiten scheinen sich in den letzten Jahren zu verbreiten – warum? Was interessant ist: Der Arzt Jeff Rediger erklärt, wie viele Faktoren dazu führen können, dass der menschliche Körper zunehmend im Überlebensmodus steckenbleibt. Was fehlt: Ein stärkerer Blick auf das große Ganze – Redigers Empfehlungen beziehen sich hauptsächlich auf individuelle Lifestyle-Entscheidungen und persönliche Prävention. (7/10)
Leichte Kost
The Missing Cryptoqueen: The Billion Dollar Cryptocurrency Con and the Woman Who Got Away with It. Von Jamie Bartlett: Als einzige Frau auf der Top-10-Liste der meistgesuchten Personen des FBI findet sich eine Frau: Krypto-Betrügerin Ruja Ignatova. Was interessant ist: Der britische Journalist Jamie Bartlett zeichnet nach, wie der Krypto-Hype einen der größten Ponzi-Betrugsfälle ermöglichte. Was fehlt: Kaum etwas. Das Buch liest sich wie ein Krimi. (9/10)
Hit Makers: The Science of Popularity in an Age of Distraction. Von Derek Thomson: Welcher Trend geht viral und warum? Derek Thomson blickt auf Unternehmen und Produkte, die äußerst beliebt wurden. Was interessant ist: Thomson erklärt Netzwerkeffekte und Marketing-Strategien, die Popularität beeinflussen können. Was fehlt: Etwas Fokus. Der Autor verliert sich manchmal in Anekdoten und Details. (7/10)
The Nineties. Von Chuck Klosterman: Die 1990-er bleiben vielen als goldenes Jahrzehnt in Erinnerung, aber waren sie das auch wirklich? Was interessant ist: Klosterman zeigt, wie gedrückt die Stimmung in den 1990-ern teilweise gewesen ist und wie die Suche nach Orientierung Politik und Wirtschaft beeinflusste. Was fehlt: Das Buch hat keinen Anspruch, etwas für die Gegenwart mitzugeben. Es ist eine Beschreibung der Vergangenheit. Aber unterhaltsam. (7/10)
Surviving the Daily Grind: Bartleby’s Guide to Work. Von Philip Cogan. Economist-Kolumnist Philip Cogan blickt auf die vielen Hemmnisse im Arbeitsalltag, die die meisten Menschen nerven. Was interessant ist: Cogan bringt einen trockenen Humor mit, wenn er über unnötige Meetings, Business-Jargon und andere Arbeitsrituale sinniert. Was fehlt: Originalität. Auch wenn das Buch lustig ist, so ist es auch leicht zu vergessen. (5/10)
Gerade auf dem Schreibtisch:
How Migration Really Works: A Factful Guide to the Most Divisive Issue in Politics. Von Hein de Haas: Der niederländische Wissenschaftler Hein de Haas beschreibt Fakten zu einem polarisierenden Thema, welches jenseits der politischen Links-Rechts-Achse verläuft.
In der Warteschlange für 2024:
Feminism Against Progress. Von Mary Harrington: Harrington ist eine intelligente Vordenkerin, die sich um die Folgen des technologischen Fortschritts für Frauen sorgt.
Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Was geschieht, wenn die radikale Forderung nach individuellen Freiheiten bei gleichzeitiger Überwältigung des Einzelnen Einzug hält?
Respekt für diese Liste
und gute Wünsche ins neue Jahr
Bin derzeit auf der Suche nach einem guten Wirtschaftsbuch, danke für deine Inspirationen! P.S. Eine wirklich beeindruckende Lese-Liste!
Beste Grüße
Vielen Dank für das Teilen dieser umfangreichen Leseliste mit Rezensionen! Es ist wirklich toll, so viele verschiedene Bücher auf einen Blick zu sehen und gleichzeitig eine kurze Zusammenfassung und Einschätzung zu erhalten.
Ich freue mich darauf, weitere Bücher aus deiner Leseliste zu lesen!
Hast du noch weitere Buchempfehlungen für mich?
Gerne würde ich auch deine Meinung zu einigen der Bücher hören.
Welches Buch hat dir am besten gefallen?
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