Ist das noch ein Mensch oder schon KI?

Es gibt eine Vision davon, wie sich das Internet entwickeln könnte – sie liegt zwischen dem Absurden und Dystopischen und heißt „Dead Internet Theory“. Dieser Theorie immer mehr Internetaktivität durch nicht-lebendige Akteure durchgeführt – zum Beispiel Bots. Das Internet hat zwar Traffic, aber es wird nicht mehr von Menschen bevölkert. KI-Innovationen befeuern diesen Trend so langsam.

Seit längerem gibt es bereits KI-generierte Influencerinnen, die große Anhängerschaften auf Social-Media-Plattformen sammeln. Aitana Lopez ist eines der bekanntesten virtuellen Gesichter auf Instagram:

Was es auch schon seit Jahren gibt, sind Bots, die geistlose Kommentare oder Emojis unter Videos und Fotos posten. Teilweise werden derartige Bots gekauft, um eine größere Reichweite zu suggerieren, teilweise werden sie von politischen Akteuren eingesetzt, um Stimmungen zu verzerren.

Was jetzt mit KI-Modellen geschieht, ist zweierlei:

1. Automatisierung von digitaler Kommunikation, z.B. indem längere Berichte oder E-Mails zunächst zusammengefasst – und somit von einem KI-System interpretiert – werden. Gleichzeitig werden Antworten von Sprachmodellen vorformuliert und auf bestimmte Wirkungen optimiert.

2. Zusätzlich gibt es Anbieter, die animierte oder fotorealistische Avatare für Videokonferenzen erstellen. Diese Avatare waren vor allem visuelle Platzhalter, wenn man selbst an Gesprächen teilgenommen hat, aber sich nicht per Kamera zeigen konnte oder wollte. Mittlerweile gibt es jedoch auch Avatare, die das eigene Abbild und die eigene Stimme simulieren können – sie sind digitale Zwillinge. Das Startup HeyGen wirbt damit, dass digitale Zwillinge leicht umsetzbar seien:

Werbematerial von HeyGen

Bei Bewerbungsgesprächen, im Kundenservice oder bei digitalen Lernformaten sollen diese digitalen Zwillinge laut Anbieter zum Einsatz kommen. Auch bei parallel stattfindenden Terminen sollen digitale Zwillinge den echten Menschen ersetzen.

Aus technologischer Perspektive ist diese Entwicklung beeindruckend. Das, was früher nur aus Science-Fiction-Filmen bekannt war, wird nun realisierbar.

Aus einer Arbeits- und Produktivitätsperspektive halte ich den Einsatz digitaler Zwillinge für ein absurdes Schauspiel, das den Zweck echter Kommunikation komplett verfehlt. Verbindungen und Vertrauen aufbauen – darum sollte es doch eigentlich bei Videokonferenzen gehen. Man wollte Mimik und Gestik sehen, um eine bessere Einschätzung des Gegenübers zu erhalten.

Was soll der Mehrwert davon sein, wenn künftig Videokonferenzen von Avataren durchgeführt werden? Digitale Zwillinge, die untereinander reden und später einen knackigen Bericht zu den Hauptpunkten der anderen Gesprächsparteien deklarieren, wirken wir eine immense Verschwendung von Energie- und Rechenleistung. Dieser „Austausch“ hätte auch via E-Mail stattfinden können. Ich hoffe darauf, dass Menschen derartige Entwicklungen kritisch hinterfragen werden.

Der Ausblick, dass immer weniger originelle Gedanken, charakterliche Nuancen und menschliche Eigenarten Raum in der digitalen Kommunikation finden, irritiert mich seit einiger Zeit. Ein nicht unerheblicher Grund, weshalb ich diesen Newsletter auf Substack teile, ist, dass LinkedIn seit der Popularität von ChatGPT geflutet wurde von generischen, unehrlichen Beiträgen und Verkaufsangeboten.

Debatten, Fortschritt und Kreativität brauchen allerdings den echten Austausch. Während die oberflächliche, performative Kommunikation einen Teil der Menschen in der digitalen Welt befrieden könnte, liegt die Mutmaßung nahe, dass für andere analoge Face-to-Face-Kommunikation an Wert gewinnen könnte. Echte Begegnungen mit selbstbewusster, empathischer und klarer Kommunikation könnten eine Premium-Fähigkeit für die Zukunft sein – vor allem in Berufen, die Vertraulichkeit voraussetzen.

Übrigens: Auf meinem persönlichen Newsletter gibt es mehr Beobachtungen und Perspektiven zur Arbeitswelt und dem Einfluss von KI. Und nein, es kostet nichts. Nein, ich verkaufe auch nichts. Es ist einfach ein Newsletter, der mehr Raum für Gedanken zulässt: https://alicegreschkow.substack.com/

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