„Migrationshintergrund“ – bedeutungsloser Stempel oder gesellschaftliches Urteil?

Ich bin nicht in Deutschland geboren, aber Deutschland kommt dem am nächsten, was ich als Heimat bezeichnen würde – ich bin hier zur Schule gegangen, habe gejobbt, studiert, mich verliebt. In meinem Personalausweis steht, dass ich in Sofia geboren wurde – manchmal fragen mich Leute, wo die Stadt liegt oder schauen etwas skeptisch. Meine Antwort auf die Standardfrage, welcher Nationalität ich mich eher zugehörig fühle, habe ich mir inzwischen zurechtgelegt und bin noch immer darüber amüsiert, wenn man mir sagt, wie gut ich Deutsch sprechen würde.

Die neugierigen Fragen stören mich nicht, im Gegenteil – ich freue mich über Interesse und offene Debatten. Dennoch mag ich die Kategorie „mit Migrationshintergrund“ nicht, denn sie suggeriert im Grunde nur eins – dass man in irgendeiner Art fremd ist. Wenn von Migranten gesprochen wird, ist in den seltensten Fällen die Rede von Schweizern, Österreichern oder gar Niederländern, welche kulturell noch nah genug sind, um schnell in die Gesellschaft eingegliedert zu werden. Welche Herausforderungen mit einem Migrationshintergrund jedoch verbunden sind, zeigte jüngst die Bertelsmann Stiftung: Lediglich 15% der Ausbildungsbetriebe beschäftigen zurzeit Lehrlinge mit ausländischen Wurzeln, auch wenn sie in Deutschland geboren wurden. Als Gründe werden die Bedenken vor Sprachbarrieren, Angst vor der Verschlechterung des Betriebsklimas wegen kultureller Unterschiede oder die Skepsis über die Leistungsfähigkeit der Bewerber genannt.

Im Einwanderungsland Deutschland, in dem alle vor dem Gesetz gleich sind und theoretisch Chancen für den sozialen Aufstieg haben, zeigt diese Studie die noch tief sitzenden strukturellen Denkmuster der Benachteiligung. Im schlimmsten Fall werden die Befürchtungen zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, besonders wenn Menschen selbst anfangen daran zu glauben, es wegen ihres Migrationshintergrundes schwieriger zu haben. Dass dabei nicht nur Potenzial verloren geht, sondern auch das soziale Klima durch Frustration und Abgrenzung geschädigt wird, scheint in der Führung vieler Betriebe noch nicht angekommen zu sein. Besonders interessant: es macht keinen Unterschied, ob die Führungsmitglieder selbst einen Migrationshintergrund haben oder nicht, Stereotype und Diskriminierung unter unterschiedlichen Migrantengruppen bleiben ebenfalls bestehen.

Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten mit Integration, genauso wie es auch soziale Brennpunkte gibt – davor darf man auch nicht wegschauen. Allerdings ist eine Verallgemeinerung in Bezug auf den Migrationshintergrund langfristig Gift. Dass manchmal allein schon ein ausländischer Vorname reicht, um in der Schule oder bei der Jobsuche schlechter bewertet zu werden, ist symptomatisch für den unsicheren Umgang mit Migranten, genauso wie die Erklärungsversuche für den Erfolg mancher: ob Quote, Ausnahmetalent oder Bildungsgrad der Eltern – noch immer scheint es eine Überraschung zu sein, wenn der Migrationshintergrund den Weg nach oben nicht versperrt hat.

„Migrantenflut“, „Bodensatz der Gesellschaft“ und „Armutsmigration“ – die Stimmungsmache ist verantwortungslos und unrealistisch

Wenn man sich nicht ausschließlich in einer geschützten Blase eines offenen und toleranten Umfeldes bewegt, sind die reißerischen Wahlparolen und die unreflektierte Stimmungsmache der Sarrazins, Luckes und Oertels schwer zu ignorieren. Immer wieder wird das Thema Migration in der Öffentlichkeit auf eine Weise durchgekaut, als ginge es dabei nicht um Menschen, sondern um Maschinen, deren volkswirtschaftlicher Nutzen in allen Facetten durchdekliniert wird. Mal geht es um den Kampf gegen den demographischen Wandel und der Suche nach qualifizierten Einwanderern, mal um den Missbrauch von Sozialleistungen, als sei das ein reines „Ausländerproblem“.

Der Sinn manch einer Debatte bleibt allerdings schleierhaft – selbst wenn die politisch rechten Stimmen mehr Aufmerksamkeit gewinnen, können sie de facto kein „Problem“ lösen, vor dem sie warnen: Wie der Migrationsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zeigt, kommen die meisten Einwanderer in Deutschland aus der Europäischen Union, somit können wegen der geltenden Personenfreizügigkeit diese Menschen weder abgeschoben werden, noch kann ihnen die Einreise verwehrt werden, selbst wenn es um unqualifizierte Personen geht. Auch in puncto „Islamisierung“ ist das meiste Gesagte lediglich heiße Luft – selbst wenn die Deutschen glauben, dass nahezu ein Fünftel der Bürger moslemisch seien, sind es eigentlich nur 6%. Die größte Gruppe der Moslems machen die Mitbürger türkischer Abstammung aus, allerdings ist der Bevölkerungssaldo dieser Gruppe seit einigen Jahren rückläufig – es verlassen mehr Türken das Land, als zuziehen.

Was als Ergebnis der plakativen Parolen bleibt, sind Anspannung und Ärger. Langfristig wird allerdings kein Raum dafür bleiben: das Münchener Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung kalkulierte, dass die Gesamtzahl der Migranten auf über 30 Millionen steigen müsse, um die demografischen Entwicklungen und damit die Erosion des Sozialsystems aufzufangen. Mit dieser Perspektive kann es nur einen progressiven Weg im Umgang mit Einwanderung geben, anstatt Ängste über den möglichen Verlust von Werten zu schüren.

Bild: flickr.com; User: Wolfgang

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