Zu dem werden, was man nie sein wollte

„Mit 17 hat man noch Träume“ – so heißt es zumindest in dem beliebten Schlager von Peggy March. Tatsächlich sind in den Erinnerungen der meisten Menschen an die Jugendjahre außerordentlich bunt: die Sommer schienen endlos, man hatte Träume, dass man irgendwann vielleicht ein Vermögen verdient oder sogar berühmt wird, manche hatten die Vorstellung, dass sie die Welt – oder zumindest ihre eigene Umgebung – ändern würden. Der Elan sich für die eigenen Wünsche sprudelte förmlich aus einem heraus und man war sich sicher „Ich werde es anders und besser machen als die Erwachsenen“.

Einige Jahre später, sei es im Studium oder im Arbeitsleben, blicken viele dann in den Spiegel und erkennen eine Version von sich, die nicht nur älter, sondern auch angepasster, leidenschaftsloser, systemkonformer und vor allem langweiliger ist, als ihre jüngere Gestalt es je war. Damit meine ich nicht das Resultat eines natürlichen Veränderungsprozesses im Laufe der Jahre, sondern den Verlust der eigenen Motivation. Im Grunde läuft das Leben gut und geordnet, aber wann war das letzte Mal, dass man von etwas aufrichtig in Begeisterung versetzt worden war? Wollte man sich selbst nicht treu bleiben und seine Träume leben? Die Rechtfertigungen dafür, dass man genauso geworden ist, wie man nie sein wollte, wiederholt man immer wieder vor seinem Umfeld als müsste man in erster Linie sich selbst von deren Wahrheitsgehalt überzeugen.

„Es gehört zum Erwachsenwerden dazu“

Erwachsenwerden heißt, dass man sein Leben selbstständig führen kann, Verantwortung für seine Taten übernimmt und realistischer wird. Natürlich zerplatzen auf dem Weg dahin tatsächlich einige naive Profifußballer- und Modelträume, aber erwachsen werden heißt nicht, dass man automatisch antriebslos, zynisch oder abgestumpft wird. Das Gute am ganzen Prozess ist, dass man aus Fehlern und Tiefschlägen dazulernt und Probleme in Zukunft vermeidet, um seinen Weg gezielter zu verfolgen.

„Du musst dich dem System anpassen, damit du es von innen veränderst“

Es ist richtig, dass in vielen Bereichen ein gewisser Habitus herrscht, den man annehmen muss, um sich nach oben zu kämpfen und tatsächlich in die richtige Position zu kommen. Manchmal muss man auch einfach einen schlechten Job annehmen, um die Rechnungen zu bezahlen oder einen Fuß in die Branche zu setzen. Man läuft allerdings Gefahr, dass man sich auf dem Weg nach oben selbst verliert und auch im Privaten nicht mehr authentisch sein kann – auch ein Hamsterrad kann wie eine Karriereleiter aussehen, wenn man den Blick nicht ab und zu in andere Richtungen lenkt.

„Wenn man eine Familie gründet, geht vieles nicht mehr“

Die eigene Familie als Rechtfertigung zu nehmen, hat nicht nur einen schlechten Beigeschmack, sondern ist auch falsch. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass man allein und unabhängig sein muss, um seine Träume zu verwirklichen oder seine Interessen zu verfolgen. Selbstverständlich muss man wissen, wie man mit Geld und Zeitplanung umgeht, aber man wirft seine Persönlichkeit nicht einfach so über Bord, wenn man eine feste Beziehung eingeht, oder eine Familie gründet. Ein Großteil der Menschen, die etwas erreicht haben, sei es Nobelpreisträger, Politiker oder andere Personen des öffentlichen Lebens, haben eine eigene Familie. Die Herausforderungen werden nicht weniger, allerdings ist es zu bequem, die eigene Trägheit ausschließlich auf die Familie zu schieben.

Schluss mit den Floskeln!

Es gibt viele Situationen im Leben, die anstrengend sind und schlecht laufen und es ist auch nicht möglich das Lied „Rebell“ der Ärzte mit Zeilen wie „Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür“ als ewigen Soundtrack des Lebens zu haben, doch macht man es sich manchmal nicht zu bequem? Die ganzen Ausreden und Rechtfertigungen sind so gängig und akzeptiert, dass es in Ordnung ist, wenn man schlicht aufhört zu träumen oder aufgegeben hat. Dass man das eigene 17-jährige Ich mit einem erwachsenen Lebensstil nicht unbedingt begeistert hätte, ist recht normal, doch wird man das 80-jährige Ich zufrieden stellen können, wenn man seinen routinierten Weg weitergeht? Nur wer diese Frage für sich mit „Ja“ beantworten kann, braucht keine Rechtfertigungen und wenn nicht, ist es glücklicherweise nicht zu spät.

Foto: flickr.com; User: 55Laney69

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