Europäische Hochschulpolitik: sanieren oder abreißen?

An der Bologna-Reform an Hochschulen wurde seit ihrer Einführung vor 15 Jahren viel kritisiert. Ursprüngliches Ziel war es, einen einheitlichen europäischen Hochschulraum mit vergleichbaren Abschlüssen zu schaffen, was u.a. zur Umstrukturierung in Bachelor- und Masterstudiengänge sowie der Einführung Bewertungseinheiten ECTS führte, aber auch die Mobilität der Studierenden vereinfachte.

Es wurde viel daran bemängelt, dass der Bachelorabschluss in vielen Fächern wertlos sei und nicht berufsqualifizierend wie eigentlich geplant, und dass der Druck für Studierende durch straffere Strukturierung und Jagd nach ECTS deutlich gestiegen sei – das Humboldt’sche Bildungsideal wurde langsam begraben. Auch die Unterschiede zwischen den Universitäten in puncto Inhalt, Ausstattung und Lehre sind im bundesweiten Vergleich noch immer groß, wie u.a. das CHE-Ranking jährlich beweist. Vor allem Sozial- und Geisteswissenschaftler kennen das Dilemma bei Bewerbungen für weiterführende Studiengänge, dass manchmal die ECTS in einem Modul nicht reichen, wenn man die Universität wechseln möchte.

In Anbetracht der Herausforderungen auf nationalem Niveau, wird über die tatsächliche Qualität und Vergleichbarkeit der Lehre auf EU-Ebene noch weniger gesprochen. Das ist insofern ein Problem, da es heutzutage für viele notwendig ist, für die Jobsuche ins Ausland zu gehen und die Kompetenzen vom Arbeitgeber kaum verglichen werden können.
Ich habe vier Hochschulsysteme kennengelernt: das Dänische, das Polnische, das Deutsche und das Spanische und eines wird deutlich: bis heute reflektieren die Hochschulen genau das, was in ihrem eigenen Land benötigt wird und stehen weiterhin in der sozialen und politischen Tradition ihres Landes.

Was heißt das konkret? Einige Beispiele: Vor allem wenn es um Unterrichtsformen und Hierarchie geht, sind die Lager gespalten. In Polen sind die Wege länger, um mit den Hochschulautoritäten überhaupt sprechen zu dürfen und das Auftreten ist im Allgemeinen bedeutend formaler als beispielsweise in Dänemark. Dort ist es gängig die Dozierenden mit dem Vornamen anzusprechen und spontan in ihr Arbeitszimmer gehen zu können. Das macht nicht nur einen Unterschied in der Lernatmosphäre aus, sondern auch in den Methoden. Frontale, strukturierte Vorlesungen vermitteln vollkommen andere Fähigkeiten als selbstständige, eigenverantwortliche Gruppenarbeit, zumindest im Fall von Sozial- und Geisteswissenschaften. Projektarbeit wiederum gewöhnt an vollkommen anderes Denken als punktuelles Pauken für eine Abschlussklausur. Am Ende bekommt man in unterschiedlichen Ländern einen gleichwertigen Abschluss im jeweiligen Fach, der allerdings kaum etwas darüber aussagt, was der Absolvent eigentlich kann.

Ähnliche Unterschiede habe ich Bereich der Kommunikationswissenschaft zwischen Deutschland und Spanien erlebt: während ich in Deutschland klassische Wissenschaftsmodelle aus der Soziologie und Kommunikationswissenschaft gelernt habe und die Praxis im Curriculum nur einen kleineren Teil ausmachte, war es in Madrid das genaue Gegenteil: Kreativstrategien und Übungen aus der Praxis statt wissenschaftlicher Analyse waren die Devise. Während die Einen kluge Zitate von Max Weber replizieren können, wissen die Anderen wie man eine Werbeanzeige wirksam gestaltet.

Diese fehlende Kohärenz in der Bildung kann für Arbeitgeber zwar praktisch sein, weil sie sich aus unterschiedlichen Ländern die geeigneten Bewerber rauspicken können, für Absolventen erhöht das allerdings nur den Druck. Wenn die Bildung auf Grund der Qualitätsunterschiede nicht mehr den Weg zu einem anständigen Job ebnen kann, heißt es: mehr Praktika, mehr ehrenamtliche Arbeit, größere räumliche und fachliche Kompromisse bei der Jobsuche, um den im schlimmsten Fall fachlich wertlosen Studienabschluss irgendwie aufzuwerten.

Natürlich ist es einerseits gut, Bewerber bei der Jobauswahl auch nach außeruniversitären Kriterien zu bewerten, da Noten bei weitem nicht das Maß aller Dinge sind, aber die Situation führt dazu, dass sich das System Bologna in den eigenen Schwanz beißt. Einerseits werden die Absolventen immer wettbewerbsfähiger, andererseits ist ihre eigentliche Hauptqualifikation – das Hochschulstudium – kaum noch aussagekräftig, was Fähigkeiten und Wissen betrifft und zwar noch in viel stärkerem Ausmaß als auf Bundesebene – was hat uns das Ganze also gebracht? Zumindest mehr Belastbarkeit.

Vor dem Hintergrund der europäischen Haushaltskrise hätte durch eine europaweite Bildungsreform das realisiert werden können, was die neoliberalen Verfechter des Systems seit Jahren predigen: die Anpassung der Lehre an die wirtschaftliche Nachfrage, besonders in den Ländern, die nun fast ein Jahrzehnt unter der Krise leiden und welche Millionen junger Menschen ohne Perspektive gelassen hat. Allerdings sieht die Realität anders aus – Veränderungen dauern, die Umsetzung von Ideen ist teuer, man redet lieber von Fachkräftemangel. Zwar hat die Bologna-Reform den administrativen Aufwand für Anerkennung von Studienleistungen und Mobilität verringert, aber greift im internationalen Wettbewerb kaum in die Lebenswirklichkeit der Studierenden – man bleibt mit nichts Halben, nichts Ganzem, die Bologna-Reform ist nicht effektiv.

Was tun? Es gibt zwei Möglichkeiten: nachjustieren oder hinterfragen. Die Bologna-Reform hatte das Potenzial ein sinnvoller Puzzlestein im Aufbau eines kompetitiven Europa zu werden, aber die Dynamik bei der Umsetzung ist auf dem Weg verloren gegangen. Strukturell könnte man theoretisch nachbessern, um die Qualität zu erhöhen. Sinnvoller wäre es allerdings, zu hinterfragen, was für Arbeitnehmer das Bologna-System eigentlich produziert und wie fair und transparent die Kriterien bei der Jobvergabe sind. HR-Profis haben genug glatte CVs mit Auslandserfahrung, Praktika und Ehrenämtern gesehen, dass es schwer fällt, individuelle Stärken zu erkennen – besonders, wenn man diese im Zuge der Selbstoptimierung aufgeben musste und keine Zeit hatte zu realisieren, dass ein marodes System, das Millionen europäische Akademiker in die Arbeitslosigkeit oder prekäre Beschäftigung drängt, nicht nachhaltig sein kann. Das alles ist nicht neu, dennoch bleibt die Frage: warum ändert sich eigentlich nichts?

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