Europas Solidarität endet auf dem Westbalkan

Das Bild eines Kindes, das über einen Stacheldrahtzaun gereicht wird: das sind keine syrischen Flüchtlinge. Es sind Kosovaren, die vor 15 Jahren durch den Balkan die Flucht angetreten haben, um dem Krieg in ihrem Land zu entfliehen.

Während viele Menschen nicht wissen, wie die Hauptstadt Mazedoniens heißt oder welche Länder an Serbien angrenzen, sind sich die meisten sicher – der Westbalkan ist eine gottverlassene Gegend, in der nicht einmal kriegsgeplagte Flüchtlinge leben wollen. Der mediale Tenor ist immer wieder derselbe: der Westen Europas scheltet die Länder, durch die Zehntausende Flüchtlinge auf der Balkanroute Gewalt und Angst erlebt haben. Sie fordern dort Solidarität auf Abruf – eine Solidarität, welche die Menschen vor Ort selbst kaum erfahren haben.

Europa ist zerstritten, nicht nur als politische und wirtschaftliche Union, sondern als Wertegemeinschaft, die jenseits der EU-Grenzen reicht. Man ist sich einig – die Lage auf dem Westbalkan ist katastrophal. Zweifelsohne gibt es keine Rechtfertigung dafür, Schutzsuchenden mit Rassismus und Schrecken zu begegnen und doch ist die Kritik Westeuropas verlogen. Dass Serbien vor 20 Jahren selbst noch Kriegsland war hat man in der EU trotz oder gerade wegen des Friedensnobelpreises vergessen. Dass Mazedonien in diesem Frühjahr mit blutigen Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Ethnien und der Staatsgewalt am Rande eines Bürgerkrieges stand, war zu unbedeutend. Und dass Griechenland mit drakonischem Ton an seine vermeintliche Bringschuld in der Schuldenkrise erinnert wurde, spielt ebenfalls keine Rolle. Deutschlands Gebot der Stunde lautet: Solidarität!

Grundsätzlich ist Solidarität eine schöne und vor allem nützliche Eigenschaft – man sorgt dafür, dass es seinem Umfeld gut geht und reduziert so Konflikte, die einen selbst betreffen könnten. Das funktioniert im Zwischenmenschlichen genauso wie in der Politik. Solidarität sollte an keine exklusive Gruppe gerichtet sein, sondern dazu führen, dass man allen mit demselben Maß an Respekt begegnet. So weit in der Theorie. In der Praxis beobachten wir auf politischer Ebene Empörung und Schuldzuweisungen – es seien doch diese nahezu unzivilisierten, xenophoben Länder auf dem historischen Pulverfass Europas, die sich wieder nicht zu benehmen wissen. Als hätten in Deutschland keine Flüchtlingsheime gebrannt.

Mazedonien und Serbien sind allerdings EU-Beitrittskandidaten und bemühen sich seit Jahren, sowohl Infrastruktur als auch politische Stabilität aufzubauen, obwohl die Nachwehen vom Zerfall Jugoslawiens noch deutlich zu spüren sind. Die Überforderung in einer Region, die seit jeher Schwierigkeiten mit ethnischen Minderheiten hatte und kaum Erfahrung mit Immigration entschuldigt zwar nicht den Umgang mit Flüchtlingen, aber es erklärt ihn zum Teil. In Mazedonien beträgt das durchschnittliche Einkommen 320€, in Serbien sind es 380€. Was vor Ort also passiert, ist dass die Menschen beobachten, wie Flüchtlinge, die in vielen Fällen wohlhabender als sie selbst sind, in Westeuropa aufgenommen werden – ein Traum, den viele auf dem Westbalkan haben. Vielleicht hatten manche kurzzeitig Asyl während des Balkankrieges, wurden allerdings wieder abgeschoben. Man selbst bleibt allerdings nur unerwünschter „Wirtschaftsflüchtling“.

Ich plädiere nicht dafür, dass man bedingungslos und uneingeschränkt jedem Menschen eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland gibt. Jedoch plädiere ich dafür, dass Solidarität und Verständnis nicht nur in einer akuten Situation einer exklusiven Gruppe entgegengebracht werden, sondern auch in den Zeiten, in denen vermeintlich alles ruhig scheint. Die europäische Gemeinschaft wird nicht am Westbalkan scheitern, reißt aber große Gräben für nationale Eitelkeiten auf. Solidarität ist eben doch kein Grundwert, sondern lediglich eine Notwendigkeit.

Foto: Creative Commons/ Cliff

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