Drei fatale Irrtümer über Integration

Eugene Stoll (CC BY-NC 2.0)

In Deutschland brodelt es unter der gesellschaftlichen Oberfläche. Bereits über ein Jahr lang befassen sich Bürgerinnen und Bürger aus allen sozialen Schichten auf die eine oder andere Art mit Integration. Bei manchen sind Sozialneid und Xenophobie der Grund dafür, dass sie keine Lust darauf haben, dass Leute überhaupt nach Deutschland kommen, die integriert werden müssen. Andere wiederum fragen sich, wie man im Angesicht der Flüchtlingsbewegung eine starke Gesellschaft kultivieren kann. Stets werden die Debatten emotional geführt, besonders nach den Pariser Anschlägen und den sexuellen Übergriffen in Köln an Silvester. Man findet große Worte für oder gegen Integration, denn es gibt sowohl Erfolgsgeschichten als auch Fälle des Scheiterns, aber es existieren drei Missverständnisse, die sowohl von linker als auch von rechter Seite nicht geklärt werden – mit schwerwiegenden Folgen.

  1. Integration liegt in der Verantwortung aller – nicht nur der Politik

Es ist eine faule und unfassbar feige Art, der Politik stets die Schuld zuzuschieben, wenn es um Integration geht. Es ist richtig, dass die Politik die Rahmenbedingungen für Integration schafft, aber diese werden erst von der Gesellschaft mit Leben gefüllt. Dahingegen ist es einfach bequem, stets mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu glauben, dass Integration nur von der Einstellung derer abhängt, die in dieses Land kommen.

Es sind die Lehrer, die ausländischen Schülern Hoffnung darauf geben, dass ihre Mühe ehrlich belohnt wird anstatt sie aufgrund ihrer Vornamen zu diskriminieren. Es sind die Arbeitgeber, die sich nicht davor scheuen Menschen auf Grund einer anderen Kultur einzustellen und zu fördern, anstatt sich vor möglichen Herausforderungen zu fürchten. Es sind die Menschen, die ihre Kollegen nach ihrer Herkunft fragen, anstatt sie schlicht als „Kanaken“ zu bezeichnen. Bürger, die anderen mit Würde begegnen, sind diejenigen, die Integration erst erfolgreich werden lassen. Es gibt zahllose Beispiele von Menschen, die sich genau von ihrem Umfeld nicht ernst genommen fühlen – das fördert Wut, Abschottung und Frustration.

In Deutschland wüten aber zwei grundsätzliche Probleme: Generalverdacht und fehlende Erfolgsbeispiele von Menschen mit Migrationshintergrund in Medien und Wirtschaft. Ich kann mich an keine Periode erinnern, in der es keinen Alltagsrassismus gab, sei es gegen die „Polen, die Autos klauen“, die „Türken, die Ehrenmorde begehen“, die „Bulgaren, die den Sozialstaat ausnutzen“ oder die „faulen Pleite-Griechen“ – die Deutschen lieben die Pauschalisierung, wenn es um Xenophobie geht. Gerade schwillt dieser Trend so stark an, dass manche Bürger alle Moslems als Mörder und Vergewaltiger hinstellen. Ausnahmslos alle. Krampfhaft wird erwartet, dass sich Muslimverbände von allen Greultaten distanzieren, um nicht über einen Kamm geschert werden. Das ist natürlich keine Basis, auf der Integration erfolgreich umgesetzt werden kann, schließlich ist es kräftezehrend und erniedrigend sich solcher Vorwürfe zu stellen und zu bekämpfen – vielmehr verschließt sich jeder, der das Gefühl hat, nur Misstrauen zu begegnen.

Der zweite Punkt, den die Gesellschaft füllen muss, ist Chancengleichheit, um mehr positive Beispiele von Menschen mit Migrationshintergrund zu schaffen. In Deutschland hat ca. jeder Fünfte einen Migrationshintergrund und tatsächlich entspricht dieser Anteil auch der Relation von internationalen zu deutschen Konzernvorständen in DAX-Unternehmen. Nichtsdestotrotz handelt es sich dabei hauptsächlich um Amerikaner, Österreicher und Briten. Die Menschen, die in Deutschland den größten Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund ausmachen stammen allerdings hauptsächlich aus der Türkei, Polen, Russland und Italien sind kaum in den Führungsetagen vertreten. Zumindest bei der kurzzeitigen Integration in die Arbeitswelt muss man auch Syrien als Herkunftsland immer stärker einbeziehen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil sie das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, kommen sie nicht in die heißbegehrten Jobs. Es liegt dabei nicht an der Politik, diesen Weg zu ebnen, sondern zunächst an Lehrern, später Dozenten und Chefs sowie dem Umfeld Chancen zu geben. Leistung entwickelt sich schließlich jenseits der Herkunft. Kurioserweise ist damit zwar die eher untere soziale Schicht offen xenophob, die höhere hingegen, die die Macht hätte, Strukturen zu ändern ist trotz der vermeintlichen Kultiviertheit genauso verantwortlich für die Reproduktion von Hierarchien und Ungleichheiten zwischen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund.

  1. Integration bedeutet nicht Assimilation

Ein weiteres Missverständnis besteht seit Jahrzehnten, wenn es um Integration geht: es heißt nicht, dass Menschen, die in ein Land einwandern, ihre Kultur und Identität vollkommen aufgeben und sich maximal anpassen, sondern dass Immigranten lernen wie die Gesellschaft funktioniert, sodass sie eingegliedert werden können. Dabei können zwei Identitäten gleichzeitig parallel existieren ohne dass dies zum Ausschluss aus der Gesellschaft führt.

Allerdings hat nicht jeder den Unterschied zwischen Assimilation – also der bedingungslosen Anpassung an die Gastkultur – und Integration begriffen. „Du bist doch schon so lange hier – du bist ja quasi deutsch“ oder „Du sieht aber deutsch aus“ – was ein gutgemeintes Kompliment an Immigranten dafür sein soll, dass sie gut in die Gesellschaft integriert sind, heißt im Umkehrschluss nur eins: das Fremde ist nichts Positives – je mehr du wie ein Deutscher wirkst, umso besser. Dass dies fatale Folgen haben kann, ist vielen nicht bewusst. Wenn eine Erwartungshaltung von vornerein besteht, dass die Heimatkultur eine untergeordnete, gar minderwertige Rolle spielen soll, beleidigt das viele Menschen, die sich durch ihre Familie, Sprache, Verhaltensmuster und Bräuche mit ihrer ausländischen Identität verbunden fühlen. Das vermeintliche Kompliment, man sei „quasi deutsch“ suggeriert, dass man auch nur dann von einer Gesellschaft vollkommen akzeptiert wird – dies trifft in der Realität auch leider oft den Nagel auf den Kopf.

Integration heißt zwar, dass ein Einwanderer die Rechte und Pflichten der Gesellschaft in die sie kommen lernen und respektieren sollten, allerdings heißt es auch, dass die Menschen ebendieser Gesellschaft auch Zugeständnisse machen müssen, vor allem wenn es um Identität und den Respekt der Kulturen geht. Es ist kein Widerspruch sich als Deutscher zu fühlen und zugleich Elemente einer anderen Kultur in seinen Alltag einfließen zu lassen. Integration scheitert da, wo Neugier aufhört – es ist den meisten Menschen viel lieber, man fragt sie danach, wie sie sich selbst sehen, anstatt ihnen die Heimatkultur abzusprechen.

  1. Integration ist ein Prozess, nicht das Endziel

Manchmal scheint es so, als sei es das Ziel Menschen in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und wenn dies gelungen ist, ist alles gut. Integration ist allerdings nur ein Prozess zum eigentlichen Ziel – einem friedlichen zivilen Zusammenleben. Dieser Prozess ist dabei dynamisch und muss immer wieder neu austariert werden – vor allem was den Aufnahmewillen einer Gesellschaft betrifft und die Einstellung derer, die sich womöglich fremd fühlen. Es wäre trügerisch zu glauben, dass es genügen würde einige Paragraphen des Grundgesetzes zu wiederholen und Heimatkunde zu lehren, damit Menschen, die in dieses Land kommen, tatsächlich das Gefühl haben angekommen zu sein.

Das Beispiel der radikalisierten Moslems, die in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber als Kämpfer nach Syrien gereist sind, zeigt, dass Integration kein Ende an dem Punkt hat, an dem die deutsche Staatsbürgerschaft erteilt wird. Vielmehr gibt es immer wieder neue prägende Ereignisse in Familien, Freundeskreisen, Schule und Beruf, die diskutiert werden müssen. Politische Ereignisse, wirtschaftliche Veränderungen sowie gesellschaftliche Umbrüche spielen für eingewanderte Menschen – und deren Nachfahren! – genauso in Deutschland eine Rolle wie in ihren Herkunftsländern. Gleiches gilt für die deutsche Gesellschaft. Wer sich heute willkommen fühlt, wird es nicht unbedingt morgen tun und wer heute noch Angst vor dem Fremden hat, wird vielleicht seine Meinung ändern.

Sowohl die Wirtschaftskrise, die in Europa inzwischen nahezu ein Jahrzehnt lang dauert, sowie der Bürgerkrieg in Syrien samt Aufstieg von ISIS stimmten alle Bürger, egal welcher Herkunft negativ. Skepsis und Angst vor dem sozialen Abstieg haben auch die Integrationsdebatte befeuert – die Frage bleibt: wer bekommt das größere Stück vom Kuchen? Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Antijudaismus durch finanzielle Sorgen verstärkt, mit den ersten Gastarbeitern während der Nachkriegszeit wuchs auch die Angst um die Sozialsysteme und bis heute besteht Sozialneid gegenüber Migranten und gar Kriegsflüchtlingen. Neue Zeiten bringen neue Herausforderungen, Integration darf nicht als statischer Zwischenschritt betrachtet werden.

Vom Einwanderungsland zum Integrationsland

Eines steht fest: Deutschland ist zweifelsohne ein Einwanderungsland. Auch wenn die Debatte durch die Flüchtlingsbewegungen zurzeit verzerrt geführt wird (Flüchtlinge sind schließlich eine separate Gruppe von Migranten, denen nur temporärer Schutz geboten wird, wohingegen Einwanderer eine dauerhafte Perspektive haben), kommt Deutschland seit Jahrzehnten nicht ohne Einwanderer zurecht. Der Niedriglohnsektor ist von Immigranten besetzt – Putzfrauen, Spargelstecher und Erdbeerenpflücker sind kaum noch Deutsche, aber diese Tätigkeiten tragen ebenfalls zum Wirtschaftswachstum Deutschlands bei.

Auch in Zukunft werden mehr Einwanderer benötigt, um Steuern zu zahlen und die Sozialkassen zu füllen. Das sind strukturelle Punkte, die formal von der Politik begleitet werden. Die große Herausforderung wird allerdings dabei liegen, sich vom reinen Einwanderungsland zu einem Integrationsland zu entwickeln, in dem ehrliche Chancen gegeben werden und Einbezug auf Augenhöhe stattfinden kann. Natürlich gibt es mancherorts Schwierigkeiten, wenn Kulturen aufeinandertreffen, nicht alle können schnell integriert werden, doch es gibt keine Perspektive für ein Deutschland ohne Einwanderung. Dafür muss auch die Bevölkerung sich von der Idee verabschieden, dass es in Zukunft nationalstaatlich getrennte Völker geben würde und begreifen, dass jeder Verantwortung trägt.

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