Erfolgreich, gebildet, rechts: die modernen Rattenfänger

So stellte man sich bisher Rechtsradikale vor; Chad Johnson (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Deutschen funktionieren gut, wenn es um Obrigkeitshörigkeit geht. Wir respektieren Hierarchien, um die Ordnung zu wahren. Wir vertrauen Vorgesetzten und Institutionen. Wir gliedern uns ein, akzeptieren unseren sozialen Rang, weil wir davon ausgehen, dass alles seine Richtigkeit hat – wer viel und gut arbeitet, wird schließlich selbst aufsteigen und sich seine berufliche und soziale Position verdient haben. Diese Ehrfurcht vor Hierarchien und sozialem Prestige haben einerseits ihre Vorteile – sie bieten eine Perspektive und Orientierung für den eigenen Weg, andererseits offenbart sich gerade eine große Tücke: politischen Meinungsmachern wird blind gefolgt, weil sie einen bestimmten Status erreicht haben.

Bildung schützt nicht vor Hass

Nur die wenigsten sagen es offen, aber bis vor einigen Jahren hatten viele Menschen ein bestimmtes Bild von Rechtsradikalen – bildungsfern, sozial abgehängt, ein kleiner Haufen wütender Menschen, die sich nie richtig mit den Gräueltaten der NS-Zeit befasst haben, aber dafür stets in Springerstiefel, Bomberjacken und ihre Glatze investiert haben. Der soziale Hintergrund der Klischee-Nazis war eine Entschuldigung für ihren Hass – sie wüssten es nicht besser, sie seien frustriert. Weil sie kein soziales Prestige hatten, wären auch die wenigsten darauf gekommen, mit radikalen Rechten zu sympathisieren. Wie sieht allerdings der moderne Nazi aus? Wer sind die Menschen, die Flüchtlingsheime abbrennen, in Clausitz Ankömminge beschimpfen oder zu Hass aufrufen? Es sind nicht mehr diese kleinen bildungsfernen Randgruppen – es scheint als seien es unsere normalen Mitmenschen.

Dass Bildung nicht vor menschenverachtenden Gedanken schützt, ist zwar nicht neu, allerdings ist die Kombination von Wissen und rechtsradikalen Werten gefährlich, weil sie suggeriert, dass bspw. Rassismus seine Berechtigung hätte. In Hitlers Kabinett gab es eine Reihe studierter Politiker: Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte Germanistik und Geschichte studiert, Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, Reichsfinanzminister und Großvater der AfD-Politikerin Beatrix von Storch, besuchte als angehender Jurist unter anderem die Eliteuniversität Oxford. Diese beiden Figuren haben aktiv zu den größten Grausamkeiten der Geschichte der Menschheit beigetragen und inzwischen kann man sich leider ausmalen, wie es dazu kam – Charme, Eloquenz und der Eindruck, dass jemand aus gutem Hause mit herausragender Bildung Recht haben muss.

Ähnlich, wenn (noch) nicht so radikal, scheint es auch bei den Politikern in der AfD zu sein. Gründer Bernd Lucke hat seine Promotion mit Auszeichnung bestanden, ebenso wie Frauke Petry, beide waren zudem Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Björn Höcke ist Gymnasiallehrer, Beatrix von Storch hingegen Rechtsanwältin, sie tragen schicke Kostüme und Anzüge, wirken gepflegt und gestriegelt – das imponiert. Das sind Menschen aus der sozialen Mittel- und Oberschicht Deutschlands, die wissen, wie sie komplexe Argumente aufbauen können, die zugleich zugänglich sind. Ihnen fehlt es nicht an strategischem Fingerspitzengefühl, sie lassen sich nicht leicht durch Angriffe auf ihre Intelligenz diffamieren.

Niemand kann die Wahrheit vollkommen für sich beanspruchen

Können so gebildete Menschen falsch liegen? Was bedeutet Intelligenz überhaupt? Welche Bedeutung hat die Bildung? Ist ein Fachexperte auch sozial kompetent? Was ist überhaupt noch richtig und falsch? Würde jemand rückblickend behaupten, die NS-Politik war richtig, weil gebildete Menschen diese gestaltet haben? Es sind viele Fragen, die man sich stellen muss, wenn man untersuchen möchte, was einen Menschen zu seiner politischen Einstellung bringt. Während in sozialen Medien Andersdenkende am liebsten als realitätsfern und dumm bezeichnet werden (dies passiert sowohl im linken als auch im rechten Spektrum), füttern die neuen rechten politischen Meinungsmacher den Wunsch der „besorgten Bürger“ im Recht zu sein – ihnen tut es gut, wenn die eigene Meinung salonfähig wird, ohne dass man inzwischen migrationskritische Sätze mit „ich bin kein Nazi, aber…“ einleiten muss. Jedoch ist inzwischen die Grenze von der Rhetorik zu Handlungen überschritten – Parteichefin Petry musste einräumen, dass in Clausnitz auch AfD-Mitglieder an den Anfeindungen beteiligt waren. Das sind die Geister, die sie rief.

Was dabei allerdings vergessen wird, ist die Geschichten zu hinterfragen, die einem erzählt werden. Der absolute Wahrheitsanspruch ist eine Farce – auch wenn die AfD gern behauptet, sie würde Licht ins Dunkel bringen und Fakten nennen, stimmt dies so allerdings nicht. Zwei Beispiele: beim Lieblingsthema der Partei – Migration – gibt es durchaus berechtigte Kritik, die man aufführen kann. Der Politikwissenschaftler Manfred Schmidt sieht ethnische Homogenität und eine gemeinsame Identität als Teilaspekte einer stabilen Demokratie. Dieses Argument allerdings unverhältnismäßig aufzublasen, als sei es vorbestimmt, dass Deutschland in Chaos endet, ist nicht korrekt. Niemand weiß bisweilen, wie sich die Gesellschaft entwickeln wird. Außerdem: während die AfD behauptet, dass die Bundesregierung sich über Gesetze hinwegsetzt und Migration die Demokratie gefährdet, sind es jedoch genau jene AfD-Sympathisanten, die mit Gewalt und Hass die deutsche Rechtsordnung aushebeln. Gewalt und Brandstiftung sind Straftaten, Selbstjustiz schwächt die Institutionen.

Bei dem eigentlichen Gründungsthema – der europäischen Finanz- und Austeritätspolitik – hat vor allem Bernd Lucke durch seine Wirtschaftsprofessur suggeriert, dass antieuropäische Politik nicht nur eine berechtigte Option ist, sondern die einzig kompetente und richtige. Besonders wenn es um Volkswirtschaft geht, glauben Wähler schnell, es gäbe so etwas wie eine richtige Lösung, die auf minutiösen Kalkulationen und Gleichungen basieren würde. Ein Irrtum. Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat nahezu komplett konträre Lösungsansätze zu Lucke vorgeschlagen und auch er hat eine beachtliche wissenschaftliche Karriere hinter sich, einschließlich des Studiums in Essex und Birmingham sowie der Lehrtätigkeit in Cambridge. Beide Männer haben solide Argumente, auch wenn ihre Ideen vollkommen gegensätzlich sind.

Weniger Ehrfurcht vor Titeln und Status

Was die neuen rechten Akteure so besonders gefährlich macht, ist dass sie nicht mehr Werte vertreten, sondern Wahrheit und Mut exklusiv für sich beanspruchen – so lassen sich andere Parteien oder die Medien am effektivsten schwächen. Diese reaktionäre Haltung zerstört aber jede politische Debatte und die eigentliche Stärke der Demokratie – es geht nicht mehr um Inhalte, es geht nur noch darum, dass derjenige, der am lautesten brüllt, vermeintlich am meisten Recht hat. Die politische Kultur verkommt zunehmend unter diesem martialischen Verhalten – Plattitüden und simple Slogans sind leichter anzunehmen, als das Hinterfragen von Politik.

Während die AfD suggeriert, sie würde die Bürger selbst gegen das Establishment denken lassen und ihm seine ehrliche Meinung lassen, kaut sie Gedanken und Argumente genauso vor wie jede andere Partei – Ideen und Thesen werden gefiltert und wirksam verarbeitet, vor allem in Form von Schuldzuweisungen („Angela Merkel hat versagt“) und Ängsten („Wir verlieren unsere Identität“). Was dem Wähler gerade jetzt in aufgeheizten Zeiten wirklich als Option bleibt, ist die Rückkehr zu dem, was eines der höchsten Güter der Demokratie ist – die offene politische Debatte anstatt sich hinter Worthülsen zu verschanzen, sich der Außerwirkung von Politikern bedingungslos zu ergeben oder gar mit Gewalt zu reagieren.

 

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