Gleichstellung? Irgendwann vielleicht!

Helena; (CC BY-NC 2.0)

Es ist 2016 und ihr denkt, das Thema Gleichstellung sei durch und eigentlich wiederholt sich alles nur? Dass es ein langer Weg ist, bis sich vor allem in den Köpfen etwas tut, zeigt die Studie „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ des Bundesfamilienministeriums. Ein Knaller vorweg: 77% der Frauen zwischen 30 und 50 Jahren verdienen weniger als 1500€ Netto im Monat. Zum Vergleich: Bei gleichaltrigen Männern sind nur 29% in dieser Gehaltsgruppe, der Rest verdient mehr. Nein, das Ding mit der Gleichstellung ist noch lange nicht vom Tisch. Die Zahlen kommen mir zwar schräg vor*, basieren aber auf einer repräsentativen Untersuchung von 3.011 Fällen.

Massive Unterschiede in Lohn und Alterssicherung

Die Studie greift die altbekannten Muster auf: 88% der Männer von 30 bis 50 Jahren sind in Vollzeit beschäftigt, aber nur 39% der Frauen, dafür arbeiten 29% der Frauen in Teilzeit (bei den Männern sind es nur 3%). Der Rest verteilt sich auf Minijobs, Teilzeitbeschäftigung unter 20 Stunden/Woche, Arbeitslosigkeit, Ausbildung und Beschäftigung als Hausfrau/ Hausmann. Dies hat gravierende Folgen bei den Gehaltsstrukturen:

Nettoeinkommen
Screenshot aus der Studie „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Dass 77% der Frauen weniger als 1.500€ Nettogehalt. Dies kann man auch weiter nach Familienstand aufbrechen:

Nettoeinkommen_Familie
Screenshot aus der Studie „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

50% der verheirateten Frauen haben weniger als 750€ Nettogehalt pro Monat. Dieser Tendenz kann ich nichts Gutes abgewinnen. Es geht nicht einmal primär um die wirtschaftliche Abhängigkeit von Frauen. Wenn sich zwei Menschen auf ein klassischs Lebensmodell geeinigt haben, in dem sie sich um Haus und Kinder kümmert und er der Hauptverdiener ist, mögen sie damit glücklich sein. Der Studie nach möchten sich auch „nur“ knapp die Hälfte der Frauen (47%) die Hausarbeit und Kinderbetreuung mit ihrem Partner überhaupt teilen.

Schwierig wird es aber, wenn man über Alterssicherung, Unterstützung der Familie und Notfälle nachdenkt. Selbst wenn man von intakten Familien ausgeht und die hohe Scheidungsrate von knapp 50% ausblendet, so kann es stets passieren, dass der Ernährer pflegebedürftig, chronisch krank oder berufsunfähig wird oder schlicht verstirbt. Kündigung und berufliche Misserfolge sind weitere Szenarien, die jedem bekannt sind. In meiner Interpretation könnte in solchen Fällen die Armut der Frau also zum Armutsproblem für ganze Familien werden. Wenn das Hauptgehalt in einer Familie entfällt, wird es schwierig Kinder oder den Partner finanziell zu unterstützen. Offenbar ist aber die Sensibilität für Fragen der Altersvorsorge vor allem in Familien mit Kindern bei Frauen in der familienaktiven Lebensphase geringer:

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Screenshot aus der Studie „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Vergleicht man diese Zahlen mit der Grundgesamtheit, sieht man ein anderes Bild:

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Screenshot aus der Studie „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Darauf erkennt man, dass kinderlose Frauen an dieser Stelle die Statistik dahingehend verändern, dass ihnen die Rolle der Alterssicherung wichtiger ist, aber bei kinderlosen Männern ab 40 ist die Tendenz andersrum: kinderlose Männer sorgen sich weniger um die Alterssicherung als Männer mit Kindern, daher sind die Werte der Männer in der Untersuchung aller leicht niedriger. Allerdings stimmen 51% der Frauen zwischen 30-50 der Aussage zu, dass sie existenziell von der Rente ihres Partners abhängig sein werden, bei den Männern sind es lediglich 16%. Für Frauen rückt das Thema der Altersvorsorge zu einem gewissen Maß in den Hintergrund, wenn Kinder da sind und man verlässt sich auf den Partner. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sicherlich sind die Prägungen durch das eigene Heranwachsen sowie das Umfeld wichtige Faktoren, manche Frauen gehen schlicht in ihrer Rolle als Mutter auf und zumindest in den ersten Wochen und Monaten nach einer Geburt der physische und psychische Zustand entscheidend.

Gläserne Decke oder Verantwortung der Frauen?

Altersarmut ist nicht nur ein belastender Faktor für Frauen, ihre Familien und Partnerschaften, sondern auch eine teure Angelegenheit für den Sozialstaat. Wie man aber mit der Vereinbarung von Familie und Beruf umgehen sollte, bleibt weiter offen und spaltet die Gesellschaft. Einerseits ist es nachvollziehbar, wenn Eltern sich gern auf ihre Kinder anstattprimär auf die Karriere konzentrieren möchten, andererseits gibt die Wirtschaft in Deutschland es weder her, dass lediglich ein Elternteil dauerhaft allein die Familie ernähren kann, noch entspricht das auch den langfristigen Wünschen von Frauen. Immer häufiger geben Frauen an, dass sie aus dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit sowie Existenzsicherung, aber auch wegen ihres Selbstwertgefühls nach der Geburt ihrer Kinder den Weg in die Arbeitswelt suchen.

Motivation
Screenshot aus der Studie „Mitten im Leben – Wünsche und Lebenswirklichkeiten von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Dass Familienstrukturen ein Grund dafür sind, warum Frauen bei gleicher Qualifikation in der Regel weniger erfolgreich im Beruf sind, als ihre männlichen Kollegen, leuchtet ein – erklärt aber nicht das ganze Bild. Wer tatsächlich mehr Zeit für die Familie aufbringen möchte, wird abends nicht beim Empfang bis 24 Uhr Wein trinken und sich mit den Kollegen unterhalten. In meiner persönlichen Erfahrung ist der Frauenanteil bei Abendveranstaltungen in der Regel merklich niedriger als der Männeranteil. Das sind aber die Gelegenheiten, in denen man sich im Betrieb besser kennenlernt, Gemeinsamkeiten erkennt, sich also sympathischer wirkt. Es sind keine heimlichen Männergespräche in Hinterzimmern, die die gläserne Decke ausmachen – es sind auch solche Erfahrungen. Dies zu erkennen ist wichtig. Wir leben in keiner Meritokratie – also einen System, das nur nach Leistung bewertet – sondern sind als menschliche Wesen auch von Sympathie und persönlichen Kontakten geleitet.

Dass sozialpsychologisch eine Gruppe als „anders“ betrachtet wird solange sie weniger als 40% des Umfeldes ausmacht, beeinflusst ebenfalls die Wahrnehmung von Führungspersönlichkeiten. Selbst wenn die Qualifikation gleich sind und Frauen sich in den Job reinknien, „gehören sie nicht dazu“ und eine Beförderung ist daher unwahrscheinlicher. Es geht aber auch anders und da wird es wirklich kniffelig: die Frage was ein politisches System in diesem Zusammenhang tun kann und sollte ist wohl eine der polarisierendsten bei dem Thema der Gleichstellung.

Die Zeitung „The Economist“ hat auf Basis der Daten der OECD, der Europäischen Kommission und der Internationalen Arbeitsorganisation große Unterschiede zwischen den Ländern festgestellt. In Bezug auf beruflichen Erfolg ist Deutschland nämlich nur im Mittelmaß und wird von Ländern wie Island, Polen und Frankreich überholt. Mentalität der Bürger, aber auch institutionelle Rahmenbedingungen tragen zu dieser Differenz bei.

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Screenshot aus: The Economist

Familien stärken oder sanktionieren?

Sollte man Menschen dafür „bestrafen“, dass sie sich dafür entscheiden Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen oder sollte man diejenigen unterstützen, die aufgrund neuer Aufgaben sich nicht zu 100% auf den Beruf fokussieren können oder wollen? Wie weit darf der Staat gehen, wenn es immer weniger „klassische Arbeitsplätze“ gibt, mehr Unsicherheit, höhere Konkurrenz? Sollte man Frauen dazu motivieren, früher in den Arbeitsmarkt einzusteigen, um Altersarmut zu vermeiden und die Familie zu stärken? Was sind eure Meinungen?

 

Sidenote: Suche nach Vergleichsstatistiken

*= Wir wissen ja alle, dass es heißt „glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ und ich würde mich über detailliertere Gehaltsaufstellungen freuen. Dass 77% unter 1500€ Netto verdienen sollen, ist für mich schwer zu glauben, wenn auch gar nicht so abwegig. Das Durchschnittsgehalt in Deutschland liegt laut Statista bei ca. 32.600€ jährlich (Brutto). Monatlich sind das knapp 2.716€. Netto bleiben je nach Steuerklasse mindestens 1.900€ Nettogehalt übrig. In dieser Kalkulation ist aber keine Branchenvarianz ablesbar, keine Abhängigkeit vom Bildungsweg, keine Geschlechterunterschiede. Über weitere Vergleichsstudien würde ich mich also sehr freuen! Danke!