Streit über Politik: Beruhigt euch endlich!

Ich beobachte seit Monaten wie in den sozialen Medien, vor allem auf Twitter und Facebook, politische Debatten geführt werden. Wobei von Debatten eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. Vielmehr bewirft man andere mit unterschiedlichen Meinung selbstgerecht verbal mit Dreck, man beschimpft und beleidigt sich gegenseitig – auch Politiker aller Parteien machen davor keinen Halt und noch viel schlimmer: Bürger beginnen sich gegenseitig zu verabscheuen. Das muss ein Ende haben.

Der „Like-Effekt“

Ich gebe zu – es tut verdammt gut, sich im Recht zu fühlen, den Eindruck zu haben, man hätte eine große Gruppe hinter sich wenn man politisch streitet. Auch gibt es Genugtuung, wenn man das Gefühl hat, einen wunden Punkt getroffen zu haben, sein Gegenüber argumentativ torpedieren zu können und zu sehen, wie er/ sie sich in Widersprüche verheddert. Grandios – aber idiotisch. Mir passiert das selten, aber es passiert. Genauso geht es vielen anderen Menschen, die sich gerade in der digitalen Welt tummeln. Der besonders große Trugschluss: man glaubt, man würde wirklich bei seinem „Gesprächspartner“ etwas erreichen, Denkanstöße geben, aber was aktuell – auch in der realen Welt – passiert, ist eine Form der Selbstbefriedigung. Nachrichten raushauen ohne Interesse an Gegenargumenten. Wozu auch, wenn man sich vermeintlich so viele Mitstreiter hat. Confirmation bias, ahoi!

Diese Form der öffentlichen Darstellung ist in den allermeisten Fällen nichts anderes als destruktiv. Während die einen von einer „braunen Naziplage“ sprechen, beschweren sich die anderen über „grünlinks verblendete Gutmenschen“. Die sozial Abgehängten schimpfen auf die Oberschicht, die wirtschaftliche Elite kümmert sich nicht um die Lebensrealität von unterbezahlten Arbeitnehmern, Alleinerziehenden, Rentnern und Jugendlichen, die von Armut bedroht sind. Ob es besser wird, wenn man ganz laut anfängt zu schreien und sich zu beleidigen? Analog dazu kann man sich vorstellen, wie solche aggressiven Gespräche im realen Leben ablaufen würden – man redet so lange aneinander vorbei, bis sich jemand beleidigt zurückzieht. Deeskalation wäre die einzig angebrachte und zielführende Reaktion – schrittweise aufeinander zugehen, eigene Fehler eingestehen und vor allem ZUHÖREN.

Politik braucht Zeit

Wenn jemand meint für sich eine absolute Wahrheit und Richtigkeit beanspruchen zu können, dann lügt diese Person, ist zu stolz oder schlicht ignorant. Das kann vorkommen, aber sollte stutzig machen.  Besonders wenn man sich in Parteien oder anderen Gruppen mit politischen oder gesellschaftlichen Zielen aufhält, wird man sehr leicht blind für die logischen und praktischen Fehler im eigenen Umfeld. Fehlerfreie und perfekte Ansätze gibt es allerdings nicht und daher darf man nicht vergessen auch seine comfort zone kritisch zu hinterfragen.

In meinem Fall heißt das: ich bin Sozialdemokratin, ich glaube fest daran, dass es wichtig ist Ungleichheiten abzubauen, Arbeitnehmerrechte zu stärken, die Schwächsten der Gesellschaft nicht hängen zu lassen und Menschen gleichwertig zu betrachten. So die Theorie. Ob die SPD Fehler gemacht hat? Natürlich! Ich bin nicht blind, um zu erkennen, dass die Partei verpasst hat, die Gefahren der steigenden Ungerechtigkeit anzugreifen und den Verführungen des Kapitals und der Macht schwer widerstehen konnte. Ist das ein Grund auszurasten? Nein. Es ist ein Anlass genauer zuzuhören, die eigenen Schwächen zu erkennen und auszumerzen.

Klar, heutzutage gibt es eine Reihe komplexer Herausforderungen: die Wirtschaftskrise ist nicht gebändigt, die Frage nach Integration ist brandaktuell, Rassismus und Xenophobie werden immer salonfähiger, wir haben ein Umverteilungsproblem und Extremismus unterschiedlicher Lager breitet sich aus. Was mich am meisten besorgt: das Vertrauen geht flöten – Vertrauen in die politischen Institutionen, in die Medien, in unsere Mitbürger. In Deutschland leben knapp 80 Millionen Menschen, das sind genauso viele Meinungen und Persönlichkeiten und das Ziel von Politik sollte sein möglichst viele Interessen zu befrieden, anstatt nur Partikularbedürfnisse zu beachten. Das kann nur durch Kompromissbereitschaft geschehen und ja, es ist schwer und ja, es dauert lange. Niemand hat das Gegenteil behauptet. Politik ist nun einmal nicht simpel.

Die Politikquerelen nerven, sie erschöpfen, sie lenken von Lösungen ab und es scheint als würden sie Gewaltbereitschaft befeuern. Wenn es nur darum geht, das eigene Ego zu befriedigen indem man andere versucht unterzubuttern, führt das zu nichts. Der politische Streit war zwar auch früher oft scharf, aber auch gewitzt und respektvoll. Es gibt inzwischen genug Seiten auf Facebook, die so wirken, als würden sie „die Wahrheit“ sagen, zeigen aber im Grund gut verpackte Satire oder Verschwörungstheorien. Anstatt in würdelosen Kämpfen zu versinken, sollten wir uns alle ein wenig beruhigen, gerade vor dem Hintergrund, dass wir alle inzwischen ein Stück weit zu Rattenfängern und Meinungsmachern werden können. Das können wir doch eigentlich besser, oder?

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3 Kommentare zu „Streit über Politik: Beruhigt euch endlich!

  1. Hi,
    vielen Dank für den Artikel. Was du da beschreibst, spiegelt auch meinen eigenen Eindruck wider.
    Ich habe allerdings immer mehr das Gefühl, dass dieses „aneinander vorbei reden“, bereits sehr stark in der realen Welt vorhanden ist. Und durch die sozialen Netzeffekte und die dort leicht zu erlebenden Effekte, die du beschreibst, bestärkt wird.
    Was mich interessieren würde: Was meinst du, wie sich das Vertrauen in die Politik und das Engagement im politischen Diskurs wieder stärken lassen würde?
    Viele Grüße,
    Nadine

    1. Hallo!
      Danke für deinen Kommentar.
      Also ich finde es sind mehrere Aspekte, die geändert werden sollten, damit man wieder einen Diskurs hat. 1. Der Politikstil der führenden Politiker muss sich ändern. Natürlich ist es wichtig, dass sie kompetent wirken, aber ich kritisiere diese exzessive Professionalisierung, weil sie befremdlich wirkt. Die ganzen teuren Anzüge, das Vokabular, das Gesamtbild wirkt sehr top-down mE. 2. Mehr Investitionen in politische Bildung. In den letzten Jahren wird stark an den Mitteln für politische Bildung gespart – 2012 waren die Kürzungen 21% hoch. Schwache politische Bildung kann zu Gleichgültigkeit oder Radikalismus führen – beides ist schlecht!
      3. Ich finde in einer Demokratie ist es vermessen alles nur auf die Politiker zu schieben und ich glaube, dass es wichtig ist, dass man als normaler Bürger reflektiert, dass Hysterie nichts bringt. Lieber den Dialog suchen, Bürgerinitiativen besuchen, besonnen reagieren – da kann man sehr gut selbst ansetzen und im Alltag deeskalieren. Was meinst du? Hast du Ideen dazu?
      Liebe Grüße
      Alice

  2. Ideen leider nicht wirklich… Aber ich denke auch, dass es momentan wichtiger denn je ist, dass der „normale Bürger“ sich fundiert eine eigene Meinung zu den aktuellen Themen bilden kann und dies auch möchte. Ich denke, dass hier auch die Medien (Zeitungen, Internet, social media, Plattformen) sehr viel bewirken können. Allerdings ist mein momentaner Eindruck, dass die „großen“ Zeitungen/Communities nicht unbedingt den normalen Bürger als Zielgruppe haben (wenn man sich die Foreneinträge und den Schreibstil anschaut). zudem wird dort in der Regel nicht die Diskussionen MIT dem Artikelautor gefördert, wie es bei Blogs der Fall ist. Eine Kombination wäre da ganz gut.

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