Streit über Politik: Beruhigt euch endlich!

Ayana T. Miller (CC BY-ND 2.0)

Ich beobachte seit Monaten wie in den sozialen Medien, vor allem auf Twitter und Facebook, politische Debatten geführt werden. Wobei von Debatten eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. Vielmehr bewirft man andere mit unterschiedlichen Meinung selbstgerecht verbal mit Dreck, man beschimpft und beleidigt sich gegenseitig – auch Politiker aller Parteien machen davor keinen Halt und noch viel schlimmer: Bürger beginnen sich gegenseitig zu verabscheuen. Das muss ein Ende haben.

Der „Like-Effekt“

Ich gebe zu – es tut verdammt gut, sich im Recht zu fühlen, den Eindruck zu haben, man hätte eine große Gruppe hinter sich wenn man politisch streitet. Auch gibt es Genugtuung, wenn man das Gefühl hat, einen wunden Punkt getroffen zu haben, sein Gegenüber argumentativ torpedieren zu können und zu sehen, wie er/ sie sich in Widersprüche verheddert. Grandios – aber idiotisch. Mir passiert das selten, aber es passiert. Genauso geht es vielen anderen Menschen, die sich gerade in der digitalen Welt tummeln. Der besonders große Trugschluss: man glaubt, man würde wirklich bei seinem „Gesprächspartner“ etwas erreichen, Denkanstöße geben, aber was aktuell – auch in der realen Welt – passiert, ist eine Form der Selbstbefriedigung. Nachrichten raushauen ohne Interesse an Gegenargumenten. Wozu auch, wenn man sich vermeintlich so viele Mitstreiter hat. Confirmation bias, ahoi!

Diese Form der öffentlichen Darstellung ist in den allermeisten Fällen nichts anderes als destruktiv. Während die einen von einer „braunen Naziplage“ sprechen, beschweren sich die anderen über „grünlinks verblendete Gutmenschen“. Die sozial Abgehängten schimpfen auf die Oberschicht, die wirtschaftliche Elite kümmert sich nicht um die Lebensrealität von unterbezahlten Arbeitnehmern, Alleinerziehenden, Rentnern und Jugendlichen, die von Armut bedroht sind. Ob es besser wird, wenn man ganz laut anfängt zu schreien und sich zu beleidigen? Analog dazu kann man sich vorstellen, wie solche aggressiven Gespräche im realen Leben ablaufen würden – man redet so lange aneinander vorbei, bis sich jemand beleidigt zurückzieht. Deeskalation wäre die einzig angebrachte und zielführende Reaktion – schrittweise aufeinander zugehen, eigene Fehler eingestehen und vor allem ZUHÖREN.

Politik braucht Zeit

Wenn jemand meint für sich eine absolute Wahrheit und Richtigkeit beanspruchen zu können, dann lügt diese Person, ist zu stolz oder schlicht ignorant. Das kann vorkommen, aber sollte stutzig machen.  Besonders wenn man sich in Parteien oder anderen Gruppen mit politischen oder gesellschaftlichen Zielen aufhält, wird man sehr leicht blind für die logischen und praktischen Fehler im eigenen Umfeld. Fehlerfreie und perfekte Ansätze gibt es allerdings nicht und daher darf man nicht vergessen auch seine comfort zone kritisch zu hinterfragen.

In meinem Fall heißt das: ich bin Sozialdemokratin, ich glaube fest daran, dass es wichtig ist Ungleichheiten abzubauen, Arbeitnehmerrechte zu stärken, die Schwächsten der Gesellschaft nicht hängen zu lassen und Menschen gleichwertig zu betrachten. So die Theorie. Ob die SPD Fehler gemacht hat? Natürlich! Ich bin nicht blind, um zu erkennen, dass die Partei verpasst hat, die Gefahren der steigenden Ungerechtigkeit anzugreifen und den Verführungen des Kapitals und der Macht schwer widerstehen konnte. Ist das ein Grund auszurasten? Nein. Es ist ein Anlass genauer zuzuhören, die eigenen Schwächen zu erkennen und auszumerzen.

Klar, heutzutage gibt es eine Reihe komplexer Herausforderungen: die Wirtschaftskrise ist nicht gebändigt, die Frage nach Integration ist brandaktuell, Rassismus und Xenophobie werden immer salonfähiger, wir haben ein Umverteilungsproblem und Extremismus unterschiedlicher Lager breitet sich aus. Was mich am meisten besorgt: das Vertrauen geht flöten – Vertrauen in die politischen Institutionen, in die Medien, in unsere Mitbürger. In Deutschland leben knapp 80 Millionen Menschen, das sind genauso viele Meinungen und Persönlichkeiten und das Ziel von Politik sollte sein möglichst viele Interessen zu befrieden, anstatt nur Partikularbedürfnisse zu beachten. Das kann nur durch Kompromissbereitschaft geschehen und ja, es ist schwer und ja, es dauert lange. Niemand hat das Gegenteil behauptet. Politik ist nun einmal nicht simpel.

Die Politikquerelen nerven, sie erschöpfen, sie lenken von Lösungen ab und es scheint als würden sie Gewaltbereitschaft befeuern. Wenn es nur darum geht, das eigene Ego zu befriedigen indem man andere versucht unterzubuttern, führt das zu nichts. Der politische Streit war zwar auch früher oft scharf, aber auch gewitzt und respektvoll. Es gibt inzwischen genug Seiten auf Facebook, die so wirken, als würden sie „die Wahrheit“ sagen, zeigen aber im Grund gut verpackte Satire oder Verschwörungstheorien. Anstatt in würdelosen Kämpfen zu versinken, sollten wir uns alle ein wenig beruhigen, gerade vor dem Hintergrund, dass wir alle inzwischen ein Stück weit zu Rattenfängern und Meinungsmachern werden können. Das können wir doch eigentlich besser, oder?

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