Von Radikalismus infiziert

Am 11. Juli 2013 erhielt ich die Art von Anruf, vor der man sich stets fürchtet: mein Vater war auf der Arbeit zusammengebrochen und in der Notaufnahme, alles musste schnell gehen. Jeder, der in einer ähnlichen Situation war, kennt die Ohnmacht, die Angst, aber auch die Hoffnung. Im Krankenhaus ging tatsächlich alles schnell, mein Vater wurde nach einer Voruntersuchung in den OP gebracht, er hatte innere Blutungen. Zwei Stunden später während ich mit meiner Mutter angespannt vor dem Krankenhaus wartete, kam ein sportlich gekleideter Mann mit gräulichem Haar auf uns zu und fragte, ob wir die Angehörigen meines Vaters seien. Wir nickten und er legte seine Hand auf meine Schulter: „Alles gut, es war nur ein Magengeschwür, die OP lief ohne Komplikationen und Ihrem Vater wird es bestimmt bald wieder gut gehen.“ Erlöst dankte ich dem Chirurgen, der meinen Vater behandelt hatte, mehrfach – und er hatte Recht: mein Vater erholte sich wirklich schnell.

In letzter Zeit denke ich häufig an diesen Chirurgen, Dr. Schahmirzadi, denn er ist Iraner. Ich frage mich, wie es ihm geht, denn vor drei Jahren war der Islam kein Thema, das Teile der Bevölkerung so spaltete wie heute. Nach der Reihe von Anschlägen, Angriffen und dem Amoklauf in München stehen Moslems in Deutschland mehr denn je unter Generalverdacht, denn über zwei Drittel der Bevölkerung glauben nicht, dass der Islam mit dem westlichen Lebensstil vereinbar sei. Natürlich – die Situation hat sich verändert, der IS ist in der allgemeinen Wahrnehmung präsent geworden, die Frage wie man Flüchtlingen umgeht, besorgte seit Monaten viele Mitbürger. Trotzdem – oder gerade deswegen – bemerke ich wie stark Radikalismus auf die deutsche Bevölkerung abfärbt. Mit Verallgemeinerungen gegen alle Moslems als Terroristen, ist das Ausmaß der Pauschalisierung nahezu gleich wie bei denjenigen Islamisten, die den gesamten Westen als ungläubig, schuldig und unmoralisch betrachtet. Die Islamophobie äußert sich zwar nur in passiv aggressiver Form oder durch Ignoranz, aber das Abwehrpotenzial hat eine unaufhörliche Dynamik angenommen.

Wieso war dies nicht vor zehn Jahren so, als in London und Madrid islamistische Anschläge hunderte Opfer getötet und verletzt haben? Auch damals war die Gefahr real, auch damals bestand eine massive Bedrohung für die Zivilbevölkerung, die aber meist eine friedliche und besonnene Einstellung zeigte. Zwei Gründe sind nicht von der Hand zu weisen, die zur heutigen neuen Radikalisierung der Bürger beitragen: 1. Soziale Medien sind inzwischen das perfekte Instrument für falsche Botschaften und sie sind in der Bevölkerung angekommen – Twitter verbucht inzwischen 12 Millionen deutsche Nutzer. 2. Wir haben inzwischen nun auch eine etablierte Partei, die Alternative für Deutschland, die Angst politisiert. Eine kleine Übersicht am Beispiel von München zeigt, welche Inhalte vor Bekanntwerden der Details zum Täter und Tathergang verbreitet werden:

 

Aber auch von anderen Parteien gab es harsche Worte:

Ungeachtet dessen, dass es pietät- und taktlos war, Wahlwerbung, Angriffe auf Flüchtlinge und Angela Merkel oder den Islam zu verbreiten, bevor klar war, welche Hintergründe der Amoklauf hatte, sind es genau solche plakativen Statements, die Angst, Wut und Panik provozieren. Die „linksideologisch verseuchten Gutmenschen“ sind zudem der passende Sündenbock für die aktuelle Lage – Besonnenheit, Dialogbereitschaft und Sinn für konstruktive und lösungsorientierte Schritte findet man kaum.

Zurück zu Dr. Schahmirzadi. Er ist ein Beispiel dafür, dass integrierte Moslems, die anderen helfen, genauso Teil der deutschen Gesellschaft sind, wie alle anderen Bürger auch – sein Dienst ist genauso real, wie die Aggression anderer. Wenn Pauschalisierung und Hetze sich allerdings weiterhin verstärken, brauchen sich die Islamkritiker nicht zu wundern, wenn ihre Denkmuster immer mehr derer ähneln, die sie selbst attackieren. Der Radikalismus beginnt schließlich immer im Kopf und trägt langsam Früchte. Ein kleiner Reminder ist dieses Video zu den Angriffen auf Flüchtlingsheime: